Diese Dortmunder lieben und leben Vintage

rnSchönes Altes

Der Vintage-Look ist Trend – in der Mode und zu Hause. Zwischen alten Möbeln fühlen sich auch immer mehr Dortmunder wohl. Und in immer mehr Geschäften der Stadt können sie Vintage kaufen.

Dortmund

, 13.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ist das ein Fotoshooting-Set oder tatsächlich eine Wohnung? Bei Saskia Zimmer (39) und Ute Neumann (45) könnte man tolle Fotos für ein Wohnmagazin rund um Einrichtungsideen knipsen.

Die beiden Frauen haben ihre vier Wände im Kaiserstraßenviertel ganz individuell eingerichtet – mit einer alten Werkbank als Arbeitsfläche in der Küche, mit Apotheker- und Arztschränkchen aus den 60er-Jahren und allerhand Dingen, die bereits vor 50 Jahren andere Wohnungen zierten, wie die Sputnik-Leuchte im Flur. Hier kommt nichts von der Stange.

Diese Dortmunder lieben und leben Vintage

Ute Neumann und Saskia Zimmer in ihrer Küche. Die Arbeitsfläche war mal eine Werkbank. © Christin Mols

Beide haben ein Faible für schönes Altes, trotzdem war die Entscheidung für Vintage keine bewusste. „Wir mögen Echtholz und wollten schöne Einzelstücke“, sagt Saskia Zimmer. Als sie und ihre Partnerin Ende 2016 in die neue Eigentumswohnung zogen, wussten sie zunächst nur, was sie nicht wollen: Ikea. Und dann brachte ein Besuch im „Frachtraum“ – damals noch an der Hohen Straße – den Stein ins Rollen.

Mit einem alten Arztschrank fing alles an

„Wir haben uns sofort in einen alten, weißen Arztschrank verguckt“, erinnert sich Saskia Zimmer. Heute steht der Zeitzeuge aus den 60ern in der Küche und beherbergt hinter seiner gewellten Glasfront Schüsseln und andere Küchenutensilien. „Wenn man so einen Schrank erst mal hat, überlegt man natürlich, was man dazu kombinieren kann“, sagt Ute Zimmer. „Das war gar nicht so einfach.“

Und so dauerte es seine Zeit, bis zusammenpasste, was nicht zusammengehörte. Das Paar besuchte Vintage-Messen, zum Beispiel in Düsseldorf, und Vintage-Läden in den Niederlanden. Aber auch in Dortmund gibt es – wenn auch nicht viele – gute Adressen für Vintage-Möbel.

Adressen für Vintage-Möbel in Dortmund

Im bereits genannten „Frachtraum“, der im Oktober 2018 an die Gutenbergstraße 68 gezogen ist, verkauft Fabio Bruno (37) auf knapp 200 Quadratmetern Industriemöbel und Unikate. Bruno ist europaweit auf der Suche nach besonderen Einzelstücken aus vergangenen Tagen. So bekommt man bei ihm Werkbänke aus den 30ern und Turngeräte aus den 70ern. In Zusammenarbeit mit einem Stahlbauer und einem Tischler entstehen aber auch neue Möbel aus alten und neuen Materialien, wie Kommoden und Sideboards.

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Fabio Bruno verkauft im „Frachtraum“ schönes Altes und Industriemöbel. © Christin Mols

Bruno, der Garten- und Landschaftsbauer gelernt hat, hatte schon immer eine Leidenschaft für Industriemöbel. „Das sind Sachen, die gelebt haben, die haben eine Geschichte. Wenn sie Gebrauchsspuren und eine schöne Patina haben, gefällt mir das besonders gut“, sagt er. Die Möbel seien einzigartig und würden oft für einen Wow-Effekt sorgen.

Was den Begriff Vintage angeht, ist Fabio Bruno ein bisschen zwiegespalten. Auf einige Dinge in seinem Geschäft trifft er durchaus zu, Bruno würde sein Gesamtkonzept aber eher mit der Überschrift „Industrial“ versehen. Was er auf gar keinen Fall mag, ist die Bezeichnung „Shabby Chic“.

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So sieht es im Frachtraum an der Gutenbergstraße aus. © Christin Mols

An der Karl-Marx-Straße 13 ist hingegen das drin, was drauf steht: Im Vintagestore von Uwe Preul (47) findet man so ziemlich alles, was mit der Wohnkultur der letzten Jahrhundertmitte zutun hat. Neben Möbeln und Lampen werden Wohnaccessoires und ausgefallene Kuriositäten angeboten.

Die Liebe zu Vintage wurde Uwe Preul schon von seinen Eltern in die Wiege gelegt, die immer ein Auge für schöne alte Dinge hatten und ihn früh mit auf Trödelmärkte nahmen. In seinem Laden, den er im März 2017 eröffnete, kommen viele Tausend Jahre Lebensgeschichte zusammen.

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Uwe Preul hat den hinteren Teil seines Vintagestores im Stile eines Wohnzimmers vergangener Tage eingerichtet. © Christin Mols

„Heute sind die Sichtweisen zum Glück nicht mehr so streng. Bei der Einrichtung muss nicht alles aus einer Serie, nicht alles Ton in Ton sein. Man kann schöne Einzelstücke aus verschiedenen Jahrzehnten kombinieren“, sagt Preul, der seine eigene Wohnung auch in diesem Stil eingerichtet hat.

Die Möbel und Einrichtungsgegenstände kommen aus Privathaushalten. „Bei der Auswahl entscheidet der Bauch, ich suche das Besondere“, so Preul, der betont, dass er keine Haushaltsauflösungen vornimmt. Wichtig sei stets ein sehr guter Zustand der Ware oder ein Zustand, den Preul in seiner Werkstatt leicht selbst optimieren kann.

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Zusätzlich zum Ladenlokal nutzt Uwe Preul in Dortmund-Mengede eine Lagerhalle, die er „Das Depot“ nennt. Dort werden zunächst alle Waren angeliefert und aufgearbeitet. Jeden ersten Dienstag im Monat öffnen sich an der Schwieringhauser Straße 16 ganze Vintage-Wohnwelten zum Besichtigen und Shoppen.

Auch Tim Gröber ist beim Stöbern im Vintagestore fündig geworden. Gemeinsam mit seinem Partner bezieht der 36-Jährige gerade eine neue Wohnung. Er hat sich für eine runde, rosa Deckenlampe aus früheren Zeiten entschieden. „Hier findet man oft Sachen, die sind älter als man selbst“, sagt Tim Gröber.

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Tim Gröber zieht gerade in eine neue Wohnung und hat im Vintagestore passend zur Flur-Tapete im Vintage-Stil eine rosa Vintage-Lampe gekauft. © Christin Mols

Er mag den Mix aus Alt und Neu und hat bereits zwei weitere Lampen sowie ein Sideboard aus hochwertigem Teakholz bei Uwe Preul gekauft. Da er als Tierarzt auf der Arbeit immer weiß tragen muss, sagt er, mag er es privat gerne bunt und auch verspielt.

Wer ein Herz für guten Geist vergangener Tage hat, ist oft auch bei „An- und Verkauf“-Läden richtig. Porzellan, Vasen, Platten, Möbel und Lampen aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren findet man beispielsweise bei „Odds and Sods“ in der Saarlandstraße 87.

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Sabine Seebacher in ihrem Geschäft „Odds and Sods“ in der Saarlandstraße. © Christin Mols

Bei Haushaltsauflösungen in Dortmund und Umgebung entdecken Martin (60) und Sabine Seebacher (49) immer wieder tolle Schätze, die sie auf Trödelmärkten und in ihrem kleinen Geschäft verkaufen. „Chippendale-Möbel sind bei unseren Kunden sehr beliebt und aktuell auch Möbel aus dem Bausystem von USM Haller aus den 70ern“, sagt Sabine Seebacher. Für sie ist Vintage „alles, was an Oma erinnert“ und dadurch einen gewissen Charme hat.

Wo man in Dortmund Vintage-Mode bekommt

Alles außer altmodisch ist Vintage, wenn man Juliane Hall fragt. Sie betreibt gemeinsam mit Natalija Bosnjak den Second-Hand-Laden Rosig und den Rosig Pop Up Store in der City. Während man im Rosental 19 eher klassische Designer-Marken findet, liegt die Ausrichtung im zweiten Laden in der Viktoriastraße eher auf Vintage. „Mix and Match“ heißt das Zauberwort, das heutzutage einen modernen Look kreiert, sagt Hall.

Aspekt der Nachhaltigkeit ist ganz wichtig

„Die Mode ist so schnelllebig geworden. Es wäre reine Ressourcen-Verschwendung, wenn man kaum getragene Kleidung wegwerfen würde“, betont Hall den Nachhaltigkeitsaspekt der Second-Hand-Läden.

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Juliane Hall von Rosig mit einem Pailletten-Kleid von Chloe aus den 80ern © Christin Mols

Den betonen auch Uwe Preul vom Vintagestore und Fabio Bruno vom Frachtraum. „Ich möchte alten Gebrauchsgegenständen, die zuvor nutzlos erschienen, neues Leben einhauchen“, sagt Bruno. Uwe Preul ist gegen die Wegwerfkultur und will schönes Altes erhalten. Denn, und das sagt auch Juliane Hall: Materialien und Verarbeitung waren – bei Möbeln wie bei Kleidung – früher oft besser.

Alte Möbel „geben eine unfassbare Wärme“

Auch das Paar aus dem Kaiserstraßenviertel weiß das. „Was alt ist und schon so lange gehalten hat, das wird auch noch länger halten“, sagt Ute Neumann. „Wenn man sieht, wie die Welt vermüllt, dann muss man nicht ständig was Neues kaufen.“ Außerdem seien die alten Möbel oft besonderer als das, was es heute zu kaufen gibt, und „geben eine unfassbare Wärme“.

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Ute Neumann mag am liebsten das Zweiersofa in dänischem Design aus den 60er-Jahren. Sie hat es auf der Düsseldorfer Vintage-Messe entdeckt. © Christin Mols

Die Finanzbeamtin und die Lehrerin kommen gerne nach Hause. Ute Neumann liebt ihr Vintage-Zweiersofa aus den 60er-Jahren in dänischem Design und Saskia Zimmer ihren alten Apotheker-Schrank im Arbeitszimmer.

Auch wenn die Einrichtungssuche viel länger gedauert hat als ein Rundgang durchs Möbelhaus, haben die beiden durch die Kombination der vielen Unikate ihr gemeinsames Heim geschaffen, in dem sie sich wohlfühlen.

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Saskia Zimmers Lieblingsstücke stehen in ihrem Arbeitszimmer. Es sind ein Apotheker- und ein Arztschrank aus den 60ern. © Christin Mols

Der Begriff Vintage

  • Der Begriff Vintage stammt aus dem Englischen, genauer aus der Weinsprache. Er bezeichnete den Jahrgang oder die Lese eines Weines.
  • Bei Möbeln wird allgemein alles, was zwischen 1920 und 1980 hergestellt wurde, als Vintage bezeichnet. Wurde ein Möbel davor produziert, spricht man von einer Antiquität.
  • Abgrenzung zum Begriff Retro: Retro ist neu, lehnt sich aber an alte Designs an.
  • Vom Vintage-Stil spricht man, wenn etwas neu ist, aber im „Used-Look“ hergerichtet ist, also alt und gebraucht aussieht.
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