Wohnen in der Bruchbude: Dortmunder Mieter klagen über Vermieter-Willkür

rnKassieren statt kümmern

Ratten im Hinterhof. Dealer im Flur. Müll und Schimmel. Mitten in Dortmund wohnen viele Menschen in „Bruchbuden“ – und leiden unter der Willkür ihrer Vermieter. Hat die Ausbeutung System?

Dortmund

, 26.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 12 min

Es sind drei Besuche. Bei Frauen aus Wohnungen in drei Dortmunder Stadtteilen. Drei Geschichten aus der Wohnhölle. Die immer ein wenig anders aussieht. Aber trotzdem die Hölle bleibt.

Der erste Besuch führt an einem verregneten Maitag nach Clarenberg. Von außen sieht der vierstöckige Altbau mit seinen Stuckornamenten wie viele andere Häuser aus. Alt eben, aber mit Ruhrpottcharme. Doch schon im Flur merkt man: Charmant ist hier gar nichts. Putz bröckelt von den Wänden, abgeplatzte Fliesen liegen auf dem Boden.

Sarah Rademacher ist Ende Zwanzig. Sie trägt Jeans und ein schlichtes, schwarzes T-Shirt. Die zierliche kleine Frau mit dem schulterlangen blonden Haar wirkt wie eine Schülerin. Eine von der schüchternen Sorte, die sich nicht so oft meldet. Aber eine, die nett ist und den Sitznachbarn in Mathe abschreiben lässt.

Vor einem halben Jahr ist sie hergezogen. Aus einer Wohnung der Altro-Mondo-Immobiliengruppe in der Nordstadt. Dort hatte es viele Probleme gegeben – eine defekte Gastherme zum Beispiel. „Wochenlang bin ich zu meiner Mutter zum Duschen gegangen.“

Als sie Anfang 2020 die Wohnung im Stadtteil Clarenberg fand, war sie überglücklich. „Die Kaution von 1.500 Euro war happig“, sagt sie. Aber ihre Mutter habe ihr geholfen, den Umzug finanziell zu stemmen. Heute sagt die junge Frau: „Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen.“

Vom Regen in die Traufe

Anfangs verwundert diese Aussage. Die Wohnung scheint ordentlich und gemütlich, in der Küche duftet es nach Kaffee. Doch eine Wasserpfütze vor dem bodentiefen Fenster stört das Bild.

Ein Blick nach draußen zeigt: Risse durchziehen die von abgestorbenem Efeu bewachsene Hausfassade. Bei Regen dringt Wasser in die Küche. Und ins Schlafzimmer – das sieht und fühlt man an der wasserfleckigen Tapete.

Disteln wachsen aus den Rissen im Hinterhof.

Disteln wachsen aus den Rissen im Hinterhof. © Martina Niehaus

Risse haben auch den Hinterhof in einen Flickenteppich verwandelt. Disteln und Brennnesseln wachsen daraus. Der Regen prasselt auf ein niedriges Wellblechdach. Darunter stapelt sich Müll: ein Kühlschrank, ein Einkaufswagen, Autoreifen, Farbeimer, Teppiche, ein rotes Ledersofa. Darauf eine durchnässte Matratze mit gelblich-schwarz gesprenkelten Flecken.

Auf dem Boden stehen Kartons für Fritteusen-Pommes der Marke „Pom Plus“ und Plastikeimer mit Essensresten. Müll von der Imbissbude im Erdgeschoss, erzählt Sarah Rademacher.

Zigarettenkippen in den Kellerräumen

Kann es noch schlimmer werden? Es kann. Im Keller muss Sarah Rademacher ihr Handy einschalten, das Licht ist kaputt. Der Geruch hier unten ist eine Mischung aus Öl, nassem Teppich und Zigaretten.

Aus den Räumen quellen Möbel, Kartons, noch mehr Matratzen. Plastiksäcke, deren Inhalt niemand auch nur raten möchte. Einer der Verschläge dient offensichtlich als Treffpunkt: Auf dem braunen Teppich liegen Socken und ausgetretene Zigarettenkippen.

Gefährlich: Ausgetretene Zigarettenkippen liegen auf dem Teppich im Keller.

Gefährlich: Ausgetretene Zigarettenkippen liegen auf dem Teppich im Keller. © Martina Niehaus

Die verschimmelten Tapeten im Kellerraum sind durchlöchert. Angefressen. Unwillkürlich muss man an die Kurzgeschichte „Die Ratten im Gemäuer“ von Lovecraft denken. Und wünscht sich schnell wieder nach oben.

Weißwein zur Matratzenparty

Oben ist es aber auch nicht besser. „Nachts höre ich oft Geräusche vom Dachboden“, sagt die Mieterin. „Stampfen und Klirren.“ Manchmal auch Stöhnen. Der Dachboden ist ausnahmsweise nicht abgeschlossen, und Sarah Rademacher öffnet die Tür.

Hier gibt es Licht. Eine Mehrfachsteckdose, die aus den 1960er-Jahren stammen könnte, baumelt von einem Balken herab. Ein wenig Tageslicht fällt außerdem durch ein kleines Fenster - und durch die Lücken zwischen den Dachpfannen. Ein niedriger Couchtisch und alte Matratzen bilden ein weiteres Lager. Auf dem Tisch stehen zwei Flaschen Weißwein, Pinot Grigio von „Pinetta“.

Auf diesem Dachboden finden nachts Partys statt. Und manchmal auch mehr...

Auf diesem Dachboden finden nachts Partys statt. Und manchmal auch mehr... © Martina Niehaus

Sarah Rademacher ist ein freundlicher Mensch. Aber sie ist auch wütend – über die Wasserflecken in der Wohnung, das gammelige Treppenhaus. Vor allem aber über die illegalen Partys von Leuten, die gar nicht im Haus wohnen. Abends hat sie Angst, den Flur oder Keller zu betreten. „Es ist eine Katastrophe hier.“

„Deine Wohnung wird doch vom Amt finanziert“

Wenn sie über ihren Vermieter spricht, verzieht sie ihr Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. „Ich bin aus der Nordstadt ja einiges gewohnt. Aber wie der sich verhält, geht gar nicht.“

Von ihm komme keine Hilfe. „Er duzt mich dauernd, obwohl ich ihn sieze. Mir hat er schon gesagt, meine Wohnung werde schließlich vom Amt finanziert. Ich könne froh sein, dass es nicht noch schlimmer ist.“

Auf dem Hinterhof stapelt sich der Sperrmüll unter einem Dach. Seit Monaten.

Auf dem Hinterhof stapelt sich der Sperrmüll unter einem Dach. Seit Monaten. © Martina Niehaus

Trotz mehrerer Anfragen äußert sich der Vermieter nicht inhaltlich zu den Umständen. Er möchte nur wissen, wer diesen „Unsinn“ erzählt habe.

Den Namen der Mieterin hat die Redaktion geändert. Die junge Frau, die Sozialhilfe bezieht, befürchtet Ärger. Sollte sie ihre Wohnung verlieren, wäre die Suche schwer: Der Wohnungsmarkt in Dortmund ist hart umkämpft. Besonders für Menschen mit geringem Einkommen.

Der Markt ist klein, die Konkurrenz groß

Seit der Jahrtausendwende ist der Bestand an Sozialwohnungen in Dortmund von rund 50.000 auf unter 23.000 geschrumpft. Die aktuellsten Zahlen, die die Stadt Dortmund nennt, stammen aus dem Jahr 2018. Da beträgt der Anteil der Sozialwohnungen gerade einmal 7,5 Prozent. Nicht annähernd genug, um die Nachfrage zu decken.

Dem geringen Angebot steht eine wachsende Zahl an Wohnungssuchenden gegenüber. Es sind Studierende, Rentner und Arbeitende, Alleinerziehende. Darunter Menschen, die das Geld für die Miete vom Jobcenter bekommen. Die „Kosten der Unterkunft“, also Transferleistungen oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Ihre Zahl zum Jahresende 2019: 4.690 Haushalte mit insgesamt rund 9.800 Personen.

In Dortmund gibt es zu wenig Sozialwohnungen. Die Konkurrenz ist groß.

In Dortmund gibt es zu wenig Sozialwohnungen. Die Konkurrenz ist groß. © Martina Niehaus

Die Vermittlung erfolgt nach Wartezeit und sozialer Dringlichkeit. Das Wohnungsamt führt eine Warteliste. Darauf standen im Dezember 2019 insgesamt 2.150 Haushalte. Vier Monate zuvor waren es erst 2.016 Haushalte. Die Zahl der Wohnungssuchenden steigt also.

Bei der „Ware Wohnung“ sind besonders Menschen mit geringem Einkommen von ihren Vermietern abhängig. Dr. Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund kennt Probleme wie die von Sarah Rademacher: „Es gibt sicher eine Klientel auf dem Anbietermarkt, die das ausnutzt. Vermieter, die sich nicht vernünftig kümmern.“ Doch man könne als Vermieter nicht immer nur kassieren, sondern müsse auch präsent sein. Und schauen, ob es Probleme gibt.

Scharnhorst: Stolperfallen, Müll und marode Spielplätze

So wie in Scharnhorst, dem Schauplatz des zweiten Besuchs. In der Droote-Siedlung gibt es jede Menge Probleme. Mit Müll, kaputten Spielgeräten, undichten Stellen. Und mit der Hausverwaltungsfirma Paul Immobilien, die von der Eigentümerin, der Forte Capital, eingesetzt wird.

Hier wohnt Hannelore Jacoby. Beim ersten Telefonat beschreibt sie sich selbst – anhand eines Gruppenfotos des Mieterbeirats. „Ich bin die dunkelhaarige kleine Pummelige vorne in der ersten Reihe.“

Bei einem Rundgang durch die Siedlung Ende Mai steht fest: Sie hat Recht. Ja, Hannelore Jacoby ist klein. Aber wenn es darum geht, den Mund aufzumachen, ist sie vorne in der ersten Reihe.

Hannelore Jacoby– „die meisten nennen mich Hanne“ - ist 45 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Sie hat kein Problem damit, ihren Namen zu nennen. Im Gegenteil - vor rund einem Jahr hat sie mit anderen Unzufriedenen den Mieterbeirat gegründet. „Ich sage, was mir nicht passt.“

Flachdach-Bauten aus den Siebzigern

Immerhin scheint bei diesem Besuch die Sonne. Doch der Gang durch die Häuserblocks offenbart: Hier möchte man nicht wohnen, egal ob bei Regen oder Sonnenschein. Hier möchte man nur ganz schnell wieder weg.

Der Unterschied zur Wohnung von Sarah Rademacher ist der, dass es sich hier nicht um ein Haus mit sechs Mietparteien handelt. Es ist eine Anlage mit insgesamt 245 Wohnungen. Altbau-Charme sucht man hier vergeblich.

Nicht mehr ganz dicht.

Nicht mehr ganz dicht. © Martina Niehaus

Die Fassaden der Flachdach-Bauten aus den 1970er-Jahren zerfallen allmählich. Da, wo Kinderhände sie erreichen können, sind sie mit Kritzeleien übersät. Zwischen den Häusern kleben Gummilippen, die vor fünfzig Jahren „in“ gewesen sein müssen. Früher waren sie sicher mal schwarz, heute sind sie grau und rissig. Die Plattenwege sind Flickwerk.

Rostige Schrauben im „Spieleparadies“

Am Spielplatz sind die Kletterbalken gespalten. Verrostete Schrauben stehen heraus. Von einem Wipptier hängt ein Fetzen Flatterband herab; der metallene Fuß ragt aus dem Boden.

Ein trauriges Wipptier.

Ein trauriges Wipptier. © Martina Niehaus

Ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, steht mit einem Fußball unterm Arm allein auf dem Spielplatz und starrt uns an. Das Starren verwandelt sich in ein starres Grinsen. Mit dem Ball spielt er nicht. „Ballspielen ist den Kindern hier verboten“, sagt Hanne Jacoby.

Sie zeigt auf ein Schild, auf dem ein lustiger Biber mit einem roten Megaphon abgebildet ist. „Spieleparadies – hier wird gespielt“, ruft der Biber auf dem Schild. „Ist das nicht ein Witz?“ fragt Hanne Jacoby. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken. Zumal der Junge nicht aufhört zu glotzen.

Die Haustür ist kaputt. Das freut die Übernachtungsgäste.

Wir lassen das beunruhigende Kind hinter uns. Weiter geht’s, um die nächste Ecke, in einen muffigen Hausflur. Hier schließt die Haustür nicht richtig. „Mal funktioniert sie, mal nicht“, sagt Hanne Jacoby. Seit Monaten. Auf viele Beschwerden habe die Hausverwaltung irgendwann reagiert – mit einer fragwürdigen Reparatur.

Die kaputte Haustür ist notdürftig geflickt. Trotzdem schließt sie nicht richtig.

Die kaputte Haustür ist notdürftig geflickt. Trotzdem schließt sie nicht richtig. © Martina Niehaus

Unterlegplatten, wie man sie beim Verlegen von Laminat benutzt, sind unter dem Schloss angebracht. Offenbar ohne Erfolg. „Wir hatten hier schon Übernachtungsgäste im Keller“, erzählt Hanne Jacoby. Der Unterschied zu Clarenberg: In der Droote-Siedlung gibt es keine Dachböden. Illegale Partys feiert man hier nur im Keller.

Die Mängel sind nicht neu. Bereits Anfang März hatten die Mieter mit Unterstützung der Orts-SPD, des Mieternetzwerkes Dortmund und des Dortmunder Mietervereins eine Mängelliste an den Vermieter weitergereicht.

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Zu den kaputten Spielgeräten hatte der Vertreter von Forte Capital, Helge Neitzel, erklärt, dass man diese bald erneuern werde – „nach der Winterperiode“. Drei Monate ist das her. Geschehen ist nichts. Auf Anfrage hat sich jetzt Geschäftsführer Jens Müller von Paul Immobilien geäußert. Eine Antwort – das ist immerhin ein Fortschritt im Vergleich zu Sarah Rademachers Vermieter.

Schuld sind viele. Der Vermieter nicht.

Jens Müller erklärt bereitwillig, wer Schuld hat an allem: Schuld sind die Corona-Einschränkungen (Verzögerung von Reparaturen), die Mieter selbst (wer Schimmel habe, heize bzw. lüfte oft falsch) oder die Entsorgungsbetriebe (Mülltonnen ohne Deckel).

Die Standfestigkeit des Klettergerüstes „wurde geprüft und ist gegeben“. Ein neuer Spielplatz solle in der 28. Kalenderwoche errichtet werden. Anfang Juli – da ist der Begriff „nach der Winterperiode“ weit gefasst.

Auch die Natur ist schuldig: Was die Wege betrifft, gebe es alte Bäume, die zu nah stehen und die Platten anheben. „Da Wurzelwachstum ein dynamischer Prozess ist, muss hier ständig nachgearbeitet werden.“

Ein Spielparadies?

Ein Spielparadies? © Martina Niehaus

Und die kaputte Haustür? Das komme immer wieder vor. Laut Jens Müller entstünden diese Schäden „durch unsachgemäßen Gebrauch oder Vandalismus“. Also durch die Schuld der Mieter. Mit dem Mieterbeirat und dem Mieterverein finde aktuell ein monatlicher telefonischer Austausch statt. Man stehe den Mietern „ununterbrochen“ zur Verfügung. Darüber kann Hanne Jacoby genauso herzlich lachen wie über den Biber mit dem Megaphon.

Der Mieterverein Dortmund kennt die Zustände in Scharnhorst. Das Modell, das Tobias Scholz beschreibt, ist klassisch: Die Eigentümerin sei ein Finanzinvestor und reagiere nur auf Druck. „Investitionen erfolgen nur in Leerstände“, sagt er. Für die Mieter gebe es große Versprechungen. „Aber es steckt wenig dahinter.“

Wickede: „Chefsache“ Mieterkommunikation

Der dritte Besuch, Anfang Juni 2020. In der Meylantsiedlung in Wickede beklagen die Menschen, dass es keinen persönlichen Ansprechpartner gibt. Vermieterin ist die Landesentwicklungsgesellschaft-Immobilien-AG, ein börsennotiertes Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf. Die LEG.

Ruth Ranft wohnt seit 1993 in der Meylantsiedlung. Ihr dünnes Haar hat die 67-Jährige zu einem winzigen Dutt zusammengeklammert. Sie ist stolz darauf, dass sie erst wenige graue Strähnen hat. „Muss ich nichts färben“, sagt sie.

Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen. Aber sie hat Zeit für einen Spaziergang. Dabei fällt auf, dass ungewöhnlich viel Müll und Sperrmüll herumliegt. Tonnen quellen über, Deckel stehen offen.

Anwohnerin Ruth Ranft zeigt das alte Sofa, das seit Jahren unter einer Platane liegt.

Anwohnerin Ruth Ranft zeigt das alte Sofa, das seit Jahren unter einer Platane liegt. © Martina Niehaus

Ein altes Sofa gammelt unter einer Platane vor sich hin. Seit fünf Jahren, erzählt die Mieterin. Ein Einkaufswagen liegt wie ein totes Tier im Gras. „Und das ist heute noch ein guter Tag“, sagt Ruth Ranft.

Früher gab es ein Mieterbüro und einen Hausmeister

Die Mieterin, die mit Mann und Hund in einer 50-Quadratmeter-Wohnung im vierten Stock wohnt, erzählt von früher. Als es noch einen Mieterbeirat gab und ein Mieterbüro. Als man den Hausmeister wegen kleinerer Reparaturen ansprechen konnte. Sobald sie beim Erzählen in der Gegenwart ankommt, wird sie sarkastisch.

„Reparaturen werden über diese tolle neue Hotline entgegengenommen. Es kommt dort vor, dass einem einfach während des Gesprächs der Hörer aufgeknallt wird.“ Arbeiten würden nicht richtig ausgeführt – vorausgesetzt, es komme überhaupt jemand. „LEG“ buchstabiert Ruth Ranft so: „Langsam, eigennützig, gewinnorientiert. Die Abkürzung gefällt mir.“

Ganz in der Nähe gibt es einen Discounter.

Ganz in der Nähe gibt es einen Discounter. © Martina Niehaus

Auch andere lassen ihren Frust raus. Völlig unaufgefordert. So wie Mary Möllers, die zufällig an den Mülltonnen auftaucht. Die Mutter von drei Kindern – zumindest sind drei Namen auf ihren Unterarm tätowiert – ist hier aufgewachsen. „Ist doch der Horror hier, oder?“, fragt sie und zeigt auf den Sperrmüll. „Wer das Viertel kennt, weiß, dass es früher anders war. Jetzt isses die Hölle.“

Viele der „Alteingesessenen“ sind weg

Was genau ist anders geworden? Das Wohnungsamt hatte zwischen 2009 und 2016 im Meylantquartier Daten erhoben und mit „Experten“ gesprochen – mit Menschen aus den Bereichen Soziales und Wohnungswirtschaft sowie der Polizei. Der Bericht darüber stammt aus dem März 2018.

Die Daten zeigen unter anderem, dass der Anteil an ausländischen Mietern deutlich gestiegen ist – um 15 auf insgesamt 27 Prozent innerhalb von sieben Jahren. Was auch damit zusammenhängt, dass die Stadt Dortmund Wohnungen zur Unterbringung von Flüchtlingen angemietet hatte.

Hier möchte man nur eins: Schnell wieder weg.

Hier möchte man nur eins: Schnell wieder weg. © Martina Niehaus

Doch das ist nicht ausschlaggebend. Gleichzeitig haben sich über Jahre hinweg das Alter der Mieter und die Struktur der Haushalte geändert. Bewohner über 46 machten im Jahr 2016 nur noch 39,7 Prozent aus – rund 8 Prozentpunkte weniger als 2009. „Der Anteil an (Ehe)Paaren ohne Kinder ist erheblich zurückgegangen. Die Zahlen der Einpersonenhaushalte und alleinerziehenden Haushalte sind deutlich höher“, steht in dem Bericht.

Schließung des Mieterbüros war ein Fehler

Und was sagten die Experten? Die sahen „ein gutes Miteinander“ bei den alteingesessenen Hausgemeinschaften – also gerade bei denjenigen, die weniger werden. Bei jungen Familien fehle es dagegen vermehrt an „Vernetzung innerhalb der Nachbarschaft“.

Ruth Ranft bekommt das Wegbrechen ihrer Altersgruppe zu spüren. Weil immer mehr von denen, mit denen sie sich verbunden fühlt, wegziehen. Wenn sie können. Oder „wegsterben“, wie sie sagt. Doch sie glaubt, dass alles besser funktionieren könnte, wenn sich die LEG mehr kümmern würde. „Wenn man einen direkten Draht hätte, wäre hier nicht alles so usselig.“

In der Meylant-Siedlung in Wickede gibt es viele Probleme.

In der Meylant-Siedlung in Wickede gibt es viele Probleme. © Martina Niehaus

Genau dieses Problem findet sich in dem Bericht des Wohnungsamtes wieder. Ziemlich deutlich sogar: „Zahlreiche Experten kritisierten insbesondere die Schließung des Mieterbüros der LEG im Herbst 2016. Die Einrichtung der zentralen Service-Hotline bietet ihrer Meinung nach keinen Ersatz für einen Ansprechpartner vor Ort. Das ist vor allem ein Problem für die alteingesessenen Bewohner.“

Da hilft es auch wenig, wenn man einen Netto vor der Tür hat. Oder wenn einige der Gebäude vor fünf Jahren zum Teil saniert wurden. Das Aktionsraumbüro des Jobcenters: aufgelöst. Das Begegnungsangebot von VitalLokal: eingestellt. Die „Grone Bildungszentren NRW gGmbH“ hat sich aus dem Quartier zurückgezogen. Die Räumlichkeiten stehen leer.

Eine Grableuchte vor der Wohnungstür

Eine LEG-Pressesprecherin hat auf Anfrage angekündigt, dass „Glas und Möbelreste“ bald aus dem Wohnumfeld entfernt werden sollten. „Das wird umgehend erledigt.“ Die Hotline für die Mieter sei „rund um die Uhr“ zu erreichen. Doch an einen guten Draht zum Vermieter glaubt Ruth Ranft mittlerweile ebenso wenig wie die Mieter aus Scharnhorst und Clarenberg.

Dann erzählt sie von einem jungen Paar, das vor einem Jahr in die Meylantsiedlung einzog. „Es kam sehr bald zu massiven Beschwerden wegen Ruhestörungen, Schlägereien, Polizeieinsätzen und Verstößen gegen die Hausordnung.“ Sie habe sich wiederholt über das Paar beschwert. „Aber es geschah nichts.“

Die Mieter dieser Wohnung waren oft wegen Ruhestörung aufgefallen. Dann kam es zu einer Tragödie.

Die Mieter dieser Wohnung waren oft wegen Ruhestörung aufgefallen. Dann kam es zu einer Tragödie. © Martina Niehaus

Die Situation eskalierte am 12. März 2020. Ruth Ranft erzählt: „Die Frau hat ihren Partner hier in der Wohnung erstochen.“ Heute stehen vor der Wohnungstür, hinter der der 33-Jährige starb, immer noch eine rote Grableuchte und ein Porzellanengel.

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Zum Thema Mieterkommunikation erklärt die LEG, diese sei „Chefsache“. Dann folgt eine umständliche Formulierung: „Wir merken aber, dass für einige Mieter, u.a. ältere Menschen oder Menschen mit Sprachbarrieren, eine direkte Kommunikation mit unseren Fachleuten vor Ort möglicherweise für beide Seiten (also für unsere Mieter und uns als Vermieter) hilfreich ist, um Probleme schneller zu lösen.“

Die LEG plane, „in einigen unserer Quartiere mit einem solchen besonderen Bedarf wieder Mietersprechstunden durch unsere Kundenbetreuer anzubieten.“

Tobias Scholz vom Mieterverein weiß, dass es in Dortmund häufig Beschwerden gegen die LEG gibt. „In manchen Beständen wird das Thema Reparaturen sehr knapp gefahren“, sagt er. Schwierigkeiten würden zu oft einfach ausgeblendet.

Nordstadt: Prostitution im Hausflur

Drei Besuche bei drei Frauen haben gezeigt: Wer kassiert, kümmert sich noch lange nicht. Gerade bei großen Immobilienfirmen sind Leitungen und Wege lang. Schlimmer noch gebärdet sich mancher Privatvermieter.

„Hier gibt es Menschen, die es auf die Schwächsten der Schwachen abgesehen haben“, sagt Dennis Zilske vom Planerladen im Dortmunder Norden. Der Planerladen mit seinem Büro in der Schützenstraße arbeitet eng mit den Mietervereinen zusammen. Die Mitarbeiter setzen sich neben anderen Projekten für Konfliktvermittlung ein.

„Mit der Zeit bauen wir zu den Leuten ein Vertrauensverhältnis auf“, erklärt Mitarbeiterin Gamze Çalışkan. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, sagt die 53-Jährige, bräuchten oft Hilfe. Bei rechtlichen Fragen, bei Behördengängen.

Immer wieder komme dann auch die Wohnsituation zur Sprache – denn die sehe bei vielen Familien heftig aus, wie Zilske bestätigt. „Wir erleben das bei unseren Besuchen“, erzählt der 40-Jährige. Er zählt auf, was er zu sehen bekommt. „Zerstörte Briefkästen, kaputte Wohnungstüren, nicht beschriftete Klingelanlagen, offene Kabel.“

Gamze Çalışkan und Dennis Zilske vom Planerladen in der Nordstadt.

Gamze Çalışkan und Dennis Zilske vom Planerladen in der Nordstadt. © Planerladen

Die zerstörte Haustür, wie es sie auch in der Droote-Siedlung in Scharnhorst gibt, sei „ein Dauerthema“. Denn lasse sie sich nicht ordentlich abschließen, könne der Hausflur zum Schlupfwinkel werden, in dem Drogengeschäfte abgewickelt würden. Auch Prostitution sei in einigen Fällen ein Problem. Gamze Çalışkan betont: „Da wohnen viele kleine Kinder. Niemand kümmert sich. Niemand übernimmt Verantwortung.“

Wie aus 53 Quadratmetern 110 wurden

Die Verantwortung, da sind sich beide einig, liege in solchen Fällen beim Vermieter. Das Problem: Die Mieter kennen ihre Rechte nicht. Und viele haben Angst.

So wie die Familie, die mit mehreren Kindern auf viel zu kleinem Raum lebt. Zilske hat den Mietvertrag gesehen: „Darin waren tatsächlich 110 Quadratmeter angegeben – für eine solche Wohnfläche bekommt der Vermieter natürlich entsprechende Bezüge.“ Die Planerladen-Mitarbeiter wissen jedoch aus Gesprächen, dass es sich um eine Zwei-Zimmer-Wohnung handelt – also messen sie selbst nach. „Wir kamen auf ganze 53 Quadratmeter.“

Hat diese Masche System? Auf Anfrage erklärt Stadtsprecher Maximilian Löchter: „Fälle, in denen Mietverträge mit falschen Quadratmeterangaben abgeschlossen wurden, sind weder dem Jobcenter noch dem Sozialamt aktuell bekannt. Sofern die Kunden hierüber keine Mitteilung machen, kann dies von Amts wegen auch nicht festgestellt werden.“

Einschüchterungsmasche funktioniert

Und hier liegt ein Kern des Problems. Die Betroffenen trauen sich nicht, sich bei den Behörden zu melden. Die Familie in der Wohnung mit den gefälschten Quadratmeter-Zahlen sagt, der Vermieter habe sie bedroht und lasse die Wohnung beobachten. „Wir konnten nichts unternehmen“, bedauert Gamze Çalışkan. „Wir gehen davon aus, dass das System hat.“ Dennis Zilske: „Da kommt der Vermieter und sagt: Ich erhöhe die Miete, und das Geld kassiere ich in bar. Die Mieter machen das mit – denn sie haben auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Alternative.“ Besonders von dieser Einschüchterungsmasche betroffen seien rumänische und bulgarische Zuwanderer.

Kein Bußgeld bei Baumängeln?

Gibt es direkte Verstöße gegen die Bauordnung, wird die Wohnung geräumt. Den Bewohnern wird damit nicht geholfen. Zilske: „Sie werden obdachlos oder kommen im besten Fall bei Verwandten unter – dann ist das nächste Haus überbelegt. Das Problem hat sich im Endeffekt verschlimmert oder nur verlagert.“

Gefährliches Kabelwirrwarr in einem Keller. Es erinnert fast an einen Oktopus.

Gefährliches Kabelwirrwarr in einem Keller. Es erinnert fast an einen Oktopus. © Martina Niehaus

Und der Vermieter – muss er sich verantworten? Meistens nicht, sagt Stadtsprecher Maximilian Löchter: Die Bauordnung NRW sehe zwar Bußgelder vor, es gebe jedoch keinen Bußgeldkatalog wie in der Straßenverkehrsordnung. „Somit ist ein Bußgeld immer eine Einzelfallentscheidung.“ Der Eigentümer sei oft nicht der Verursacher der Baumängel – oder man könne keinen ermitteln.

„Schwarze Schafe“ auf beiden Seiten

Michael W. Mönig ist Hauptgeschäftsführer des Vereins „Haus und Grund“ in Dortmund. Er glaubt, dass es viele „schwarze Schafe“ gibt – unter Vermietern ebenso wie unter Mietern.

Und dass die meisten privaten Vermieter ihrer sozialen Verantwortung nachkämen: „Wir wissen aus einer eigenen Untersuchung, dass private Vermieter in Dortmund an langfristig sicheren Einnahmen interessiert sind und eher auf den einen oder anderen Euro verzichten, wenn stattdessen der Mieter länger in der Wohnung bleibt.“

Mietervereine können helfen

Marco Krieg vom Mieternetzwerk Dortmund e.V. glaubt nicht allein an den guten Willen der Vermieter. „Für die Mieter müsste mehr Aufklärung von Seiten der Stadt kommen“, fordert der 33-Jährige. „Wie oft habe ich schon den Spruch gehört: Wenn es Ihnen nicht passt, ziehen Sie doch aus.“

Er fordert mehr Überprüfungen. „Die Stadt muss Druck aufbauen, Strafen müssen auch mal durchgesetzt werden.“ So müssten Eigentümer für Schäden haftbar gemacht werden können.

Hanne Jacoby vom Mieterbeirat.

Drei Besuche haben gezeigt: Es gibt die Wohnhölle. © Martina Niehaus

Tobias Scholz betont, dass auch der Mieterverein bei Problemen helfen könne. „Wir übernehmen für den Mieter den Schriftverkehr. Meistens kommt dann ziemlich flott Bewegung in die Sache.“ Die meisten Dinge ließen sich außergerichtlich aus der Welt schaffen. Für Menschen, die Sozialhilfe beziehen, gibt es einen ermäßigten Sozialbeitrag. Der liegt dann bei jährlich 54 Euro anstatt 90 Euro.

Lichtblicke sind selten. Aber es gibt sie.

Tatsächlich gibt es auch Lichtblicke: Die Mitarbeiter des Planerladens zeichnen regelmäßig Vermieter aus, die sich gegen Diskriminierung einsetzen. Und die bewusst auf Vielfalt setzen und Menschen mit Migrationshintergrund in die Mietergemeinschaft integrieren. Dennis Zilske: „Da gibt es auch sehr gute private Vermieter, die ein wirklich persönliches Verhältnis zu ihren Mietern pflegen und sich gut kümmern.“

Einen guten Vermieter zu finden ist ein Traum, der für Menschen wie Hanne Jacoby in Scharnhorst, Ruth Ranft in Wickede und Sarah Rademacher in Clarenberg vermutlich genau das bleiben wird. Ein Traum.

Sie werden wohl weiter in ihrem persönlichen Alptraum wohnen. Hanne Jacoby wird weiter im Namen des Mieterbeirats Beschwerdemails schreiben. Ruth Ranft wird weiter Müllberge fotografieren und Bilder davon an die LEG schicken. Und Sarah Rademacher wird weiter nachts wachliegen, in dem Schlafzimmer mit der feuchten Wand. Und zuhören, wenn fremde Menschen über ihrem Kopf Partys feiern.

„Es ist superätzend – ich würde einfach mal gerne irgendwo wohnen bleiben“, sagt sie. Aber wegziehen wird sie auch nicht. Einen Umzug kann sie sich nicht leisten.

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