Wohnungsnot in Dortmund: Vierfache Mutter findet trotz über 300 Besichtigungen keine Wohnung

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Statt der einen Wohnungsnot gibt es in Dortmund viele verschiedene Wohnungsnöte: Familien suchen verzweifelt große Wohnungen – und wer Schulden hat, steht in der Rangliste ganz unten.

Dortmund

, 24.05.2019, 15:16 Uhr / Lesedauer: 4 min

Klar, in München ist Wohnungsnot ein Thema, auch in Berlin stehen Interessenten selbst für die Besichtigung bescheidener Buden Schlange. In der Hauptstadt startete im April der Weg zu einem Volksbegehren zur Enteignung von Immobilienunternehmen. Aber, gibt es Wohnungsnot in Dortmund? Die Antwort hängt, wie so oft, davon ab, wen man fragt. „Eine Marktanspannung in dieser Dynamik haben wir noch nicht gehabt“, sagt der Leiter des städtischen Wohnungsamtes, Thomas Böhm. Die Leerstandsquote liegt zwischen 1,6 und 1,8 Prozent, es herrscht praktisch Vollvermietung. „Man kann das nicht kleinspielen“, sagt Böhm, „aber das Wort Not ist mir zu groß“. Auch das Wohnungsunternehmen Vonovia und der Spar- und Bauverein sprechen nicht von Wohnungsnot.

Vergleiche man die Situation mit der vor zehn Jahren, gebe es sehr wohl eine Wohnungsnot, „und das ist eine Schande“, sagt hingegen Thomas Bohne, Leiter der Zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Menschen bei der Diakonie Dortmund.

Wohnungsnot in Dortmund: Vierfache Mutter findet trotz über 300 Besichtigungen keine Wohnung

Verglichen mit der Situation von vor zehn Jahren gibt es nach Ansicht von Thomas Bohne von der Diakonie in Dortmund inzwischen eine Wohnungsnot: „Und das ist eine Schande.“ © Peter Bandermann

Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund sagt, dass man im höherpreisigen Segment schon noch einfacher Wohnungen finde. Zugleich kennt er genug Fälle, in denen Mieter lange nach größeren oder barrierefreien Wohnungen suchen. „Vielleicht ist es in Dortmund nicht die Wohnungsnot – aber es gibt verschiedene Wohnungsnöte“, sagt Scholz.

Zwei Familien suchen und suchen – und finden keine Wohnung

Zwei Beispiele.

Manuela Jarosch lebt seit 2015 mit ihren vier erwachsenen Kindern in einer 4-Zimmer-Wohnung am Borsigplatz. Den Kindern gehören die Schlafzimmer, die 46-Jährige schläft im Wohnzimmer auf der Couch. Gebürtig aus Schleswig-Holstein, sei sie „eine entspannte norddeutsche Seele“, aber selbst ihr fehle die Privatsphäre: „Es ist unbehaglich.“ Jarosch sucht eine 6-Zimmer-Wohnung. Ein Reihenhaus in Hacheney zuletzt hätte preislich gepasst – „bei dem schlechten Zustand wären 750 Euro aber zum Fenster rausgeworfen gewesen“. Neben ihrer Arbeitslosigkeit sei für Vermieter ihr ältester Sohn ein Problem: Réne David Andree ist Autist und spricht kein Wort. Er sei ein „sehr angenehmer Zeitgenosse“, sagt Jarosch über den 26-Jährigen. Viele Vermieter hätten aber Vorbehalte. Und so hat Jarosch trotz nach eigenen Angaben über 300 Wohnungsbesichtigungen bislang nichts gefunden.

So intensiv suchen Alina Köhler und ihr Mann nicht – aber auch schon seit einem halben Jahr. Bislang bewohnen die 33-Jährige, ihr Mann, die dreijährige Tochter und der zehn Monate alte Sohn eine Drei-Zimmer-Wohnung im Saarlandstraßenviertel. Wegen des Nachwuchses sucht die Familie eine 4-Zimmer-Wohnung. Balkon und Wanne soll sie haben, bezahlbar sein – und die Familie möchte im Saarlandstraßen- oder im Kreuzviertel, wo Familie und Freunde wohnen, bleiben. Bisher empfinde sie noch keine echte Wohnungsnot, sagt Alina Köhler, doch früher oder später brauche die Familie ein zweites Kinderzimmer: „Vielleicht wird es dann eine Not“.

Es fehlen kleine, große und barrierefreie Wohnungen

Wenn eine Familie wegen Kindern mehr Platz braucht, aber keine Wohnung im bisherigen Umfeld findet, „ist das schon ein Aspekt von Wohnungsnot“, sagt Tobias Scholz vom Mieterverein. Unabhängig vom Viertel rücken beide geschilderten Fälle ein Segment ins Licht, in dem das Angebot rar ist: das der großen Wohnungen, also ab vier Zimmern aufwärts. Bei Vonovia, dem mit 20.000 Wohnungen größten Vermieter in Dortmund, stehen derzeit nur zwei 5-Zimmer- und 25 4,5-Zimmer-Wohnungen leer. „Das ist gemessen am Gesamtleerstand oder am Gesamtbestand dann doch sehr niedrig“, sagt Regionalleiter Ralf Peterhülseweh.

Von den 16.400 Wohnungen der städtischen Wohnungsgesellschaft Dogewo21 würden nur 50 den heutigen Ansprüchen an eine Vier-Zimmer-Wohnung genügen, sagt Geschäftsführer Klaus Graniki. „In Dortmund fehlen 4,5- bis 5-Zimmer-Wohnungen, das ist ein Riesenproblem.“ Noch ein „Riesenproblem“ sieht er darin, dass altersgerechte, barrierefreie Wohnungen fehlen. Sehr stark nachgefragt in Dortmund werden zudem seit Jahren preiswerte kleine Wohnungen. Um sie konkurrieren etwa Studenten, Singles, Ältere mit kleiner Rente und Flüchtlinge.

Wohnungsnot in Dortmund: Vierfache Mutter findet trotz über 300 Besichtigungen keine Wohnung

„In Dortmund fehlen 4,5- bis 5-Zimmer-Wohnungen, das ist ein Riesenproblem“, sagt Dogewo21-Geschäftsführer Klaus Graniki. © Stephan Schütze

Wie den Markt entspannen? „Bauen, bauen, bauen“, sagt Graniki. Doch Grundstücke sind teuer, die Baukosten steigen seit Jahren, Baufirmen haben Engpässe. 2017 wurden in Dortmund 1475 Wohnungen fertiggestellt; das laut Wohnungsmarktbericht 2018 „selbst gesteckte Ziel“, jährlich 2000 Wohnungen fertigzustellen, verfehlte die Stadt. Die Zahlen für 2018 hat die Stadt noch nicht veröffentlicht.

Geförderter Wohnungsbestand schmizt immer weiter ab

Genug Wohnbauland habe Dortmund, sagt Wohnungsamts-Leiter Böhm, auch sei das Interesse privater Investoren da. Bloß dauere es, bis sich Flächeneigentümer und Investoren einigten. Und die Stadt könne „keinen nötigen“. Aus Sicht des Mietervereins muss die Stadt selbst mehr Wohnungen bauen und hat Zeit verschenkt, sagt Tobias Scholz. Nach den 2016/2017 durch die Stadtentwicklungsgesellschaft (DSG) begonnenen Neubauprojekten am Erdbeerfeld und an der Holtestraße „hat man nicht mit der Schlagzahl weitergemacht“, lautet seine Kritik. Das Mieter-Netzwerk „arm in Arm“, dem 20 Partner angehören, fordert von der Stadt unter anderem, durch die Stadtwerke-Tochter Dogewo21 und die DSG möglichst viele neue geförderte Wohnungen selbst bauen zu lassen. Dogewo21 will auf dem DSW-Gelände an der Deggingstraße bauen – das dauert aber bis 2021.

2019 stehen Dortmund 39,9 Millionen Euro für den geförderten Wohnungsbau zur Verfügung; Böhm hofft, dass sie ausgeschöpft werden. Für alle neuen Baugebiete gilt: 25 Prozent der neugebauten Wohnungen müssen gefördert, mit einer Höchstmiete bis 5,70 Euro, sein (durch eine Neuregelung können es ab Juni 2019 6,20 Euro pro Quadratmeter sein). Weil die Preisbindung geförderter Wohnungen nach 20 bis 25 Jahren erlischt, geht ihre Zahl stetig zurück: Ende 2018 gab es nur noch 22.155. Zugleich hat rund die Hälfte aller Haushalte in Dortmund Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein und damit auf die günstigen Wohnungen.

48-Jähriger verlor seine Wohnung und landete auf der Straße

Für Thomas Bohne von der Diakonie steht daher fest: „Es gibt in Dortmund Wohnungsnot für Menschen, die ein geringes Einkommen haben.“ Die Beratungsstelle für wohnungslose Menschen der Diakonie hat 2018 über 2000 Menschen beraten – ein Plus von 70 Prozent gegenüber 2010.

Ein Betroffener: Ein 48-Jähriger, dessen Vermieter ihm 2017 nach 13 Jahren wegen Eigenbedarfs kündigte. Er fand nichts Neues, im April 2018 folgte die Zwangsräumung. Der Mann, der seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte, landete in der Männerübernachtungsstelle: „Es war eine Katastrophe.“ Er habe exakt 324 Wohnungen besichtigt, erzählt der wegen Krankheit arbeitsunfähige Mann. Wegen 30.000 Euro Schulden und negativer Schufa-Einträge habe er überall gehört: „Keine Chance.“ Obwohl er keine Mietschulden habe, „war ich in der Rangliste jedes Mal ganz unten“. Dass selbst die Dogewo und die Genossenschaften Mieter wegen Schufa-Eintrags automatisch ablehnen, ist für Bohne ein „No-Go“. „Ein Schufa-Eintrag führt nicht automatisch zur Ablehnung“, sagt Franz-Bernd Große-Wilde, Vorstandsvorsitzender vom Spar- und Bauverein Dortmund. Aber zur „genaueren Betrachtung“. Ähnlich klingt es bei der Dogewo.

Alina Köhler und ihre Familie suchen zwar schon lange eine größere Wohnung, haben aber noch keine Wohnungsnot. Und auch Manuela Jarosch, die verzweifelt eine Sechs-Zimmer-Wohnung sucht, um nicht mehr im Wohnzimmer schlafen zu müssen, sagt: „Solange ich ein Dach über dem Kopf hab‘, geht‘s.“ Der 48-Jährige aber hat die Wohnungsnot in Dortmund knallhart erlebt. Herausgeholfen hat ihm nicht der freie Markt. Er erzählt, wie er im Anschluss an ein Wohntraining und ambulant betreutes Wohnen bei der Diakonie kürzlich einen Mietvertrag unterschrieben hat, weil sich eine Diakonie-Mitarbeiterin bei einer privaten Wohnungsgesellschaft sehr für ihn eingesetzt habe. Er weint, als er das Ende seiner Wohnungsnot schildert.

Mieten im Bestand schützen

Genauso wichtig wie Wohnungsneubau sei es, Mieten im Bestand zu schützen, sagt Tobias Scholz vom Mieterverein. Wer eine Mieterhöhung erhalte, solle diese unbedingt prüfen lassen: „Denn wenn ich bei der Mieterhöhung zugestimmt habe, ist das Geld weg.“ Thomas Bohne von der Diakonie empfiehlt auch Mietern, denen ihr Vermieter wegen Eigenbedarfs kündigt, den Gang zum Mieterverein. Dieser könne die Rechtmäßigkeit und die Kündigungsfrist prüfen. Denn da, so Bohne, werde von Vermieterseite „manchmal auch Schindluder“ betrieben.
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