Andreas Wilhelm hat keine Lust mehr. Er schließt sein Traditionsunternehmen. © Lukas Wittland
Geschäftsschließung

Wut auf die Stadt: Traditionsunternehmen schließt nach 102 Jahren

„Ich habe meinen Stolz“, sagt Andreas Wilhelm und begründet damit die Schließung des Familienunternehmens am Ostwall. Durch die Planung der Stadt, sei ihm die Lust vergangen.

Es fällt Andreas Wilhelm nicht leicht über die Schließung seines Geschäfts zu sprechen, das ist ihm anzusehen. Immer wieder muss er schlucken. Seit 42 Jahren hat er in dem Familienunternehmen am Ostwall gearbeitet.

Vor 102 Jahren hatte sein Großvater, dessen alte Lederweste noch an einer Wand im Geschäft hängt das Modehaus Wilhelm gegründet. Der Enkel hat es in dritter Generation weitergeführt – und ist auch derjenige, der es jetzt schließt. „Ich habe einfach keine Lust mehr“, sagt der 63-Jährige.

Wilhelm ärgert sich über die Baustellen vor seiner Tür

Worauf er keine Lust mehr hat, ist durch die Eingangstür zu erkennen. Bagger stehen vor der Tür und Absperrbarken. „Ich weiß nicht, wie man an jeder Ecke anfangen kann zu bauen und nie etwas fertig machen kann“, sagt Andreas Wilhelm.

Nach dem ersten Corona-Lockdown hätten sie fast drei Monate eine Baustelle vor der Tür gehabt. In diesem Jahr dann ein ähnliches Bild. Weil die Stadt den Ostwall zum Radwall umbaut, werden vor der Eingangstür des Übergrößen-Geschäfts wieder rot-weiße Barken aufgestellt. Doch dann passiert lange nichts. Die Stadt begründet das mit Corona-Fällen im Bauunternehmen, das mit dem Umbau beauftragt ist.

Seit Monaten hat Andreas Wilhelm eine Baustelle vor seiner Haustür.
Seit Monaten hat Andreas Wilhelm eine Baustelle vor seiner Haustür. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Mehrmals habe er bei der Stadt angerufen und gefragt, wie lange er die Baustelle noch vor seiner Tür geben würde. Entweder habe er niemanden erreichen können oder man habe ihn damit vertröstet, dass man ihm auch nicht weiterhelfen könne, weil man wegen Corona ja im Homeoffice sei. Am Ende gibt es aber doch ein Schild, dass darauf hinweist, dass man entlang der Barken und über den Schotterweg das Modegeschäft weiter erreichen könne.

„Wie soll ich als Unternehmer planen?“

„Wie soll ich als Unternehmer planen, wenn mir niemand sagen kann, ob eine Baustelle eine Woche dauert oder länger?“, fragt er sich. Vor gut drei Wochen habe er den Entschluss gefasst, am 8. September macht er ihn in einem Video öffentlich: „Ich ziehe nach 102 Jahren die Reißleine“, sagt er in diesem. „Das tut mir leid für die Kunden, aber irgendwann ist einfach mal Schluss.“

Schilder weisen im Laden offensiv auf die Geschäftsaufgabe hin.
Schilder weisen im Laden offensiv auf die Geschäftsaufgabe hin. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

Eine Kundin, die mit ihrem Mann schon seit dreißig Jahren in seinem Geschäft einkaufe, habe ihn angerufen und geweint, erzählt er am Mittwoch (15.9.) in seinem Laden. Überall hängen Schilder, die auf den Räumungsverkauf hinweisen. Auch die Außenfassade ist dementsprechend verkleidet. Am 31. Oktober ist hier Schluss.

Dabei habe er die Corona-Situation noch ganz gut überstanden, sagt er. „Ich schließe nicht, weil ich pleite bin.“ Das habe er auch in einem Gespräch mit der Wirtschaftsförderung gesagt, die nach seinem Video auf ihn zugekommen sei.

„Die Wut ist stärker als die Trauer“

Die Kunden, die jetzt noch mal in den Laden kommen, seien traurig und wütend, sagt Wilhelm. „Viele von ihnen sind Stammkunden.“ Sie könnten die Situation aber verstehen. Die meisten seien zuletzt gestresst und genervt in das Geschäft gekommen, weil sie keinen Parkplatz finden konnten und durch das Baustellen-Labyrinth mussten. Viele kommen aus Soest und dem Sauerland zum Übergrößen-Geschäft am Ostwall.

„Wie man als Stadt so mit seinen Gästen und Steuerzahlern umgehen kann, kann ich überhaupt nicht verstehen. Deshalb ist die Wut stärker als die Trauer“, sagt Wilhelm. Die Stadt habe ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt. Nach unzähligen Tiefschlägen fehle nun die Kraft.

Andreas Wilhelm blickt auf eine Werbung des Modehaus Wilhelm aus dem Jahr 1926. Damals verkaufte sein Großvater auch noch Gehstöcke.
Andreas Wilhelm blickt auf eine Werbung des Modehaus Wilhelm aus dem Jahr 1926. Damals verkaufte sein Großvater auch noch Gehstöcke. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

„Ich war immer stolz darauf, für mein Unternehmen relativ viele Steuern zu zahlen. Das ist jetzt vorbei, weil ich glaube, das Geld ist in Dortmund momentan nicht in den richtigen Händen“, sagt der 63-Jährige. „Ich habe einen gewissen Stolz und bin da sehr gradlinig. Ich bin nicht wie Don Quijote und renne gegen Windmühlen an. Das war‘s“, sagt Andreas Wilhelm.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland