Zahl der Obdachlosen in Dortmund steigt

43 Prozent mehr in sechs Jahren

Durch andere Großstädte in Deutschland fahren sogenannte Kältebusse, in denen sich Obdachlose aufwärmen und versorgen können. In Köln und Berlin werden Boxen aus Spanplatten aufgestellt, damit sich Wohnungslose nachts vor der Kälte schützen können. In Dortmund findet sich nichts davon. Weder Bus noch Boxen. Dabei steigt die Zahl der Bedürftigen.

DORTMUND

, 16.01.2017, 02:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zahl der Obdachlosen in Dortmund steigt

In Dortmund gibt es immer mehr Obdachlose.

Die Grünen im Rat der Stadt preschten vor einiger Zeit vor mit ihrer Forderung nach einem Kältebus. Werner Lauterborn, der vor 21 Jahren die ökumenische Wohnungslosen-Initiative Gast-Haus statt Bank gründete, unterstützte das Engagement. Er war dabei, ein Konzept zu erstellen, wie ein solcher Bus vor Ort eingesetzt werden könnte. „Einer unserer Mitarbeiter hatte den Kältebus in Hamburg betrieben“, sagt Lauterborn.

Allerdings brauche es sehr viele freiwillige Helfer, um den Bus effektiv einsetzen zu können. Und andere Organisationen im Bereich der Wohnungslosenhilfe, wie das Diakonische Werk, hätten in früheren Gesprächen gesagt, in Dortmund brauche man keinen Kältebus. Es gebe verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten. Eine dieser Möglichkeiten ist die Frauenübernachtungsstelle mit 16 Plätzen und sechs Notquartieren. Sie wird von der Diakonie selbst betrieben. Dort liegt die Belegung bei 142 Prozent.

„Dahinter steckt aber auch der Anspruch der Diakonie, niemanden abzulehnen. Notfalls muss noch ein Bett reingestellt werden“, sagt Tim Cocu, Sprecher des Diakonischen Werkes. Die städtische Männerübernachtungsstelle an der Unionstraße mit 46 Plätzen hingegen ist bei Wohnungslosen aus verschiedenen Gründen seit Jahren unbeliebt. Auch weil es immer wieder zu Diebstählen unter den Bewohnern gekommen sein soll.

Kältebus nicht der beste Lösungsansatz

Nach wie vor hält man beim Diakonischen Werk einen Kältebus nicht für den besten Lösungsansatz, in Dortmund brauche es mehr sichere Übernachtungsplätze, so Cocu, auch für eine bessere medizinische Betreuung. Man sei da in Gesprächen mit anderen Trägern.

Über Boxen aus Spanplatten als Unterschlupf vor Nässe und Kälte, verteilt über einige Stellen der Innenstadt, hat nach Recherchen dieser Redaktion in Dortmund noch niemand vor Ort nachgedacht. Dazu müssten auch Geldgeber gefunden werden. Die Probleme drängen. Zwar gehen die Landesstatistiker von 440 Wohnungslosen in Dortmund aus (Stand Mitte 2015), aber nicht nur die gemeinsame Fraktion der Linken und Piraten in Dortmund nimmt eine deutlich höhere Dunkelziffer an.

Die Linken und Piraten fordern, wie berichtet, eine städtische Initiative, um betroffene Menschen gezielt aus der Wohnungslosigkeit herauszuholen. Die Obdachlosenwohnungen in Grevendicksfeld seien nur eine wichtige Notreserve, um das Durchsacken ganzer Familien in die Obdachlosigkeit zu verhindern, heißt es in der Stellungnahme der Fraktion.

Einen Anstieg von 43 Prozent in den letzten sechs Jahren registriert die zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose beim Diakonischen Werk in der Rolandstraße. Die Stelle ist auch als Postadresse für Menschen ohne festen Wohnsitz hinterlegt. 2006 gab es dort 1200 Anfragen von Wohnungslosen, im letzten Jahr waren es bereits rund 1700.

"Gast-Haus statt Bank" baut medizinische Betreuung aus

Unterdessen baut das „Gast-Haus statt Bank“ in der Rheinischen Straße die medizinische Betreuung für Wohnungslose aus. Seit Januar ist mit einem Frauenarzt dort der sechste Mediziner im Einsatz, im Februar folgt noch ein Augenarzt. Letztes Jahr bewirtete das Gast-Haus 105.000 Gäste. Die weitaus meisten Gäste kommen zum Frühstück. 140 ehrenamtliche Mitarbeiter leisteten im Vorjahr 15.000 Arbeitsstunden. Für Werner Lauterborn ist die ökumenische Wohnungsloseninitiative damit am Limit.

Übereinstimmend mit Linken und Piraten sehen auch die Grünen im Rat dringenden Handlungsbedarf bei den städtischen Hilfen für Wohnungslose. Fraktionssprecher Ulrich Langhorst regt an, über „Housing First“ nachzudenken, bei dem Obdachlose ohne Umwege in eine eigene Wohnung ziehen können. Der Grünen-Vorschlag zur Öffnung nicht mehr benötigter Asylunterkünfte für Wohnungslose verhallt bisher. 

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