„Zehntausende pflegende Angehörige in Dortmund werden im Stich gelassen“

rnPflegewissenschaftlerin kritisiert

In Dortmund haben bis zu 50.000 Menschen mit häuslicher Pflege zu tun. Doch die Politik beachte sie selbst im Wahlkampf nicht. Das ist skandalös, sagt Pflegeforscherin Angelika Zegelin.

Dortmund

, 03.09.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Prof. Dr. Angelika Zegelin (68), weiß, wovon sie redet. Die in Dortmund lebende Pflegewissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fragen rund um die Pflege und hat dabei immer wieder auf die Situation der pflegenden Angehörigen aufmerksam gemacht – ganz speziell auch in Dortmund.

Zuletzt habe es 2011 das Modellprojekt „Neuheit für Pflege“ der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen für Dortmund und Solingen gegeben, das sie wissenschaftlich geleitet habe, sagt sie.

Im Abschlussbericht habe man seinerzeit 23 Handlungsempfehlungen formuliert. Keine einzige sei seitdem umgesetzt worden, sagt Zegelin: „Nichts, aber auch gar nichts ist passiert“.

„Ohne Stimme, ohne Lobby“

Und wenn sie den Kommunalwahlkampf verfolge, dann falle ihr auf, dass auch jetzt zu diesem Thema nichts gesagt werde: „Pflegende Angehörige haben keine Stimme, keine Lobby. Sie werden mit ihren Problemen im Stich gelassen. Die Politiker schieben die Verantwortung ab auf die Kranken- und Pflegekassen. Sich darum zu kümmern, das sei nicht ihre Aufgabe“, ärgert sich Angelika Zegelin.

„Ich sehe das ganz anders. Sich um die Pflegebedürftigen und die sie pflegenden Angehörigen zu kümmern, ist eine Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Das ist sehr wohl eine Aufgabe der Städte und Gemeinden.“

In Dortmund gebe es rund 18.000 pflegebedürftige Menschen. 45- bis 50.000 Menschen kümmerten sich als pflegende Angehörige um sie, und die Dunkelziffer sei hoch. „Aber ihre Probleme und Fragen interessieren niemanden“, sagt Zegelin.

Wenn man aber die pflegenden Angehörigen so hängen lasse, dann gäben sie am Ende auf und dann bleibe nur die teure Heimunterbringung. „Das aber müssen wir vermeiden, deshalb müssen wir den ambulanten Sektor und die unterstützenden Hilfen verstärken“, sagt Zegelin.

Pflege-Gipfel mit der Stadt als Moderatorin

Aktuell wisse der eine nicht vom anderen, auch bei den Pflege-Anbietern sei das so: „Jeder kümmert sich nur um sich, sein Wirtschaftsunternehmen, seinen Wohlfahrtsverband, eine Vernetzung findet nicht statt.“

Das habe dann beispielsweise zur Folge, dass zwei Anbieter in einem Stadtteil Kurse für pflegende Angehörige anböten, zu denen sich jeweils nur drei, vier Leute anmelden. „Die Folge: Es findet gar kein Kurs statt, weil man sich nicht abgesprochen hat“, sagt sie.

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Ähnliches lasse sich bei Gesprächskreisen nachzeichnen, dabei sei Kooperation statt Konkurrenz angesagt. Die aber gebe es so gut wie gar nicht.

Genau an dieser Stelle sieht Angelika Zegelin die Stadt gefordert. Die müsse als Moderatorin agieren. Sinnvoll sei es, mit einem Pflege-Gipfel zu starten, bei dem Vertreter aller mit der Pflege befassten Organisationen und Sparten an einen Tisch kommen müssten. „Die wissen bisher ja gar nichts voneinander“, sagt Zegelin.

Eine Karte mit exakten Infos für jedes Quartier

Dann müsse die Arbeit sehr konkret werden: „Wir brauchen eine Karte von Dortmund, in der für jedes einzelne Quartier aufgelistet ist, was für pflegende Angehörige wichtig ist“, sagt Angelika Zegelin und zählt auf: Das reicht von ambulanten Pflegediensten über Kurzzeit- und Tagespflege-Angeboten und Gesprächskreisen bis zu Bildungsangeboten in Sachen Pflege.

Im Quartier müssen diese Anbieter wiederum Kontakte zu anderen Akteuren, die mit Pflege zu tun haben, aufbauen und unterhalten – beispielsweise zu Sanitätshäusern, Hörgeräteakustikern, Optikern oder Podologen.

„Sinnvollerweise gäbe es in jedem Quartier eine unabhängige Pflegeberatung, bei der man pflegenden Angehörigen für ihren ganz speziellen Fall eine individuelle Fallberatung anbiete, neudeutsch „Casemanagement“ genannt.

Die in Dortmund existierenden Pflegestützpunkte könnten das nicht leisten, sagt Angelika Zegelin: „Da fehlt meistens der notwendige Pflegesachverstand und außerdem sind diese Stützpunkte zur Neutralität verpflichtet, dürfen also gar nicht konkrete Empfehlungen etwa für einen bestimmten Pflegedienst aussprechen. Das hat zur Folge, dass die Hilfesuchenden in einem Gespräch dort ein Bündel bunter Prospekte in die Hand gedrückt bekommen. Das aber hilft nur wenig.“

Es gibt ein Jugendamt, aber kein Pflegeamt

Um eine qualifizierte Pflegeberatung in den einzelnen Quartieren in Wohnortnähe für Dortmund auf die Beine zu stellen, müsse die Stadt daher aktiv werden. Sie selbst sei bereit, bei einem solchen Prozess unterstützend mitzuarbeiten.

Aber man müsse dieses Thema als Kommune erst einmal angehen wollen.

„Wir haben beispielsweise ein Jugendamt. Das ist gut so. Aber um die Pflege kümmert sich niemand, weil sich niemand zuständig fühlt. Wir brauchen, wenn nicht ein eigenes Pflegeamt, dann doch mindestens eine gut besetzte Pflege-Abteilung etwa im Gesundheitsamt“, sagt Zegelin, „die eine qualifizierte Pflegeberatung und -begleitung in den Stadtteilen aufbaut und dann steuert und begleitet.“

Letztlich könne man das auch als Akt der Wirtschaftsförderung ansehen, denn: „Wenn ein pflegender Angehöriger nicht arbeiten kann, beeinflusst das auch die Wirtschaft.“ Deshalb müssten Angehörige so viel wie möglich entlastet werden.

Hier in die Verantwortung zu gehen, sagt Angelika Zegelin, sei eine lohnende Aufgabe für alle, die im neuen Rat Verantwortung tragen werden: „Im bisherigen Wahlkampf hat kein Politiker das in Dortmund auf dem Schirm. Das ist schade, denn hier gibt es Probleme, die Zehntausende Wähler existentiell betreffen.“

Doch die Betroffenen selbst forderten das nicht ein, denn: „Pflege wird noch immer von allen Beteiligten als Privatsache gesehen. Und das führt zu einem stummen Aushalten“, sagt Angelika Zegelin.

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