Zerbrechliche Idylle einer fast intakten Ehe

Schwuler Vater erzählt

DORTMUND Martin* schweigt. Der 47-Jährige hat zweieinhalb Stunden über seine Vergangenheit geredet; seine Ehe, das Scheitern, das Leben danach. Jetzt überlegt er kurz. „Ja“, sagt Martin dann. „Heute kann ich mir vorstellen, wieder zu heiraten.“ Diesmal einen Mann.

von Von Claudia Picker

, 30.12.2009, 11:36 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bis Männer sich eingestehen, dass sie schwul sind, vergeht manchmal viel Zeit: Danach fällt eine große Last von ihnen ab.

Bis Männer sich eingestehen, dass sie schwul sind, vergeht manchmal viel Zeit: Danach fällt eine große Last von ihnen ab.

Er lächelt. „Das Gespräch ist mir wichtig“, sagt er. Weil er mit seiner Lebensgeschichte nicht allein sei, weil es nicht nur für Frau und Kinder schlimm sei, auch für den Vater – und weil Schwulsein zu oft nicht akzeptiert werde. Diese Erfahrung hat der 47-Jährige sogar bei seinem Vater machen müssen. Als Martin sich mit 40 Jahren outet trifft er auf Verständnis – und Wut. Seine Mutter umarmt ihn, sein Vater schimpft auf Schwule. „Aber ich war doch noch derselbe Sohn wie vor einer halben Stunde“, sagt Martin. Er war es nicht – ist es nicht. Der Pädagoge lebt sein Schwulsein öffentlich. Trotz gelegentlicher Beschimpfungen auf der Straße, trotz Ablehnung durch seinen Vater und der Angst vor Gewalt. „Das muss normal werden“, sagt er. „Niemand sollte sich verstecken müssen, für etwas, für das er nichts kann.“

Martin bringt ein Tablett mit Tiermotiv-Tassen ins Wohnzimmer. Er setzt sich auf das terrakottafarbene Sofa. Schweigt. Wo soll er anfangen? Er nimmt seine Tasse, trinkt einen Schluck Kaffee. „Eigentlich“, sagt er, „fing es vor 30 Jahren an“. Als Jugendlicher macht er die erste Erfahrung mit Zärtlichkeiten unter Männern. Danach: Panik. „Ich wollte da nichts mit zu tun haben.“

Dann ging alles seinen „normalen“ Gang: die erste Freundin ist die große Liebe, Hochzeit, Haus, Kinder. Aber etwas fehlt. Martin bekommt Depressionen. „20 Jahre habe ich versucht, nicht schwul zu sein.“ Langsam beginnt er sich selbst zu akzeptieren, muss sich nicht mehr beweisen: „Schwulsein ist keine willentliche Entscheidung.“ Schwul ist man oder ist man nicht. Und Martin ist es. „Meine Frau kam damals zu mir“, sagt er. Damals, vor sieben Jahren. „Was ist mit dir los“, fragt sie, und ob es eine andere Frau gibt. „Nein habe ich gesagt. Und wenn, dann wäre es keine Frau.“ „Wir haben geweint, gezittert und uns getröstet“. Martin erzählt heute ohne zu stocken vom Ende seiner Ehe. „Es zu sagen, war das Schwierigste“, sagt er. Aber lügen will er nicht. Er hat Angst, dass seine Frau ihn raus wirft, ihm die Kinder entzieht. Sie reagiert anders; akzeptiert die Wahrheit. Beide machen eine Therapie, leben in Freundschaft zusammen, bis Martin auszieht.

Auf dem Regal steht ein altes Foto von Martins jüngstem Sohn. Der Junge auf dem Foto lächelt. Damals, als er hört, dass sein Vater schwul ist, weint er in seinem Kinderzimmer. Martin geht zu ihm. „Ist das so schlimm?“ Sein Sohn schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er. „Aber du wirst von uns weg gehen.“ Die Kaffeetasse ist längst leer. Die Geschichte des 47-Jährigen geht weiter: Seiner Mutter habe er auf dem Sterbebett noch sagen können, wie glücklich er jetzt ist. „Sie hat sich gefreut.“ Sein Vater kann das nicht. Martin streicht sich über seinen Bart. „Weil ich jetzt einen Freund habe, ist er nicht zur Kommunion seiner Enkelin gekommen“, sagt er – und blickt an die Wand. „Das tut weh.“

 

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