Rund 40.000 Schülerinnen und Schüler haben in Dortmund am 2. Juli Zeugnisse bekommen. © dpa
Meinung

Zeugnisse 2021 verkennen, was Kinder im Corona-Jahr geleistet haben

Tausende Dortmunder Kinder haben Zeugnisse bekommen. Dass hinter ihnen ein schwieriges Schuljahr liegt, in dem sie Großes geleistet haben, wird kaum erwähnt. Das ist ein Unding, findet unser Autor.

Die Sommerferien sind da. Sie markieren das Ende des ersten kompletten Schuljahres unter Corona-Bedingungen. Ein Schuljahr, dessen Mühen eigentlich kaum in Worte zu fassen sind. Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, das Schulsystem als Ganzes war im Dauerstress.

Und jetzt? Gehen Tausende von Dortmunder Kindern und Jugendlichen mit Zeugnissen nach Hause, die aussehen als wäre nichts gewesen. Zeugnisse – so kritisiert es unter anderem die Landeschülervertretung -, in denen die Schüler so bewertet werden, als hätte es rund vier Monate Distanzunterricht, Maskenpflicht und die gravierende Ungleichheit bei der digitalen Ausstattung nie gegeben. Lehrerverbände widersprechen diesem Eindruck.

Belastung dieses Schuljahres wird nicht berücksichtigt

Tatsächlich ist die Phase des Distanzunterrichts auf vielen Zeugnissen oft gar nicht, manchmal nur mit wenigen Worten erwähnt.

Das verkennt, welche Belastung die Zeit zwischen Dezember und Mai war. Aus Sicht eines Vaters eines Erstklässlers, der Schule ohne Corona gar nicht kennt, sehe ich dieses Schuljahr noch einmal im Schnelldurchlauf.

Einschulung in Voll-Maskierung, dann die Debatten darüber, ob Lüften wirklich schützt und wie viele Jacken im Unterricht angemessen sind.

Dann zerbrechliche Normalität. Das Kind lernt Lernen. Das Kind lernt Freundschaft. Das Kind lernt Lesen, Rechnen, Englisch, Musik. Es lernt das Leben. Das in diesen Monaten häufig daraus besteht, das Erwachsene über Abstand, Impfungen und Verbote reden und selbst oft kurz davor sind, die Nerven zu verlieren.

Es folgt die zweite Welle mit der fast unvermeidlichen Quarantäne. Als das vorbei ist, sind Mama und Papa auf einmal der Lehrkörper.

Das alles endet im Mai so abrupt, wie es angefangen hat. Alles wieder wie vorher? Nun ja: Der Rhythmus ist wieder da, das Gefühl noch nicht. Weil niemand weiß, ob es so bleibt.

Jeder Lernfortschritt ist Gold wert

Unter diesen Bedingungen jedes gelesene Wort, jede Rechenaufgabe, jedes Kunst-Gekrickel, jede Kurvendiskussion und Textanalyse so viel Wert wie pures Gold. Das gilt für Lernanfänger genauso wie für ältere Schülerinnen und Schüler.

Das kann man Heranwachsenden gar nicht häufig genug sagen. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben das in den vergangenen Wochen und Monaten auch getan, die Eltern sowieso.

Im Internet kursiert mittlerweile ein viel beachtetes Beispiel für den richtigen Umgang mit der Ausnahmesituation. Zum Zeugnis gab es ein Begleitschreiben mit Dank für die außergewöhnliche Leistung und die Geduld bei technischen Problemen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben sich die Mühe zu solchen Schreiben gemacht. Aber das sollte nicht auch noch ihre Aufgabe sein.

Bewertet wurden die Kinder nach den alten Kriterien, vorgegeben vom Schulministerium. Natürlich: Schule soll nicht bauchpinseln. Und eine besondere Betonung der Corona-Situation könnte auch Nachteile haben, wenn in Zukunft Zeugnisse aus dieser Zeit deswegen als minderwertig eingestuft würden.

Aber es bricht sich auch niemand einen Zacken aus der kultusministerialen Krone, wenn man Schülerinnen und Schülern – und übrigens auch dem Lehrpersonal – einfach mal eine Portion Extra-Respekt zollt. Von mir aus auch per Erlass.

So übernimmt Oberbürgermeister Thomas Westphal in einem YouTube-Video die Anerkennung der Schüler, die in diesen Tagen ihren Abschluss gemacht haben. Das lässt bei Westphal zumindest ein Gespür dafür erkennen, dass den jungen Menschen in dieser Gesellschaft mehr Respekt zusteht als sie vielfach erfahren.

Kinder kommen in der Gesellschaft weit hinten

Das sture Weiter-so in der Zeugnisfrage ist Bestätigung eines übergreifenden Gefühls, das sich bei mir und vielen Eltern, mit denen ich spreche, festgesetzt hat.

Kinder, generell Menschen bis 25, haben in diesem Land einen festen Platz. Aber der ist nun einmal irgendwo weit hinter „der Wirtschaft“, der Freiheit zum Shopping und natürlich einer Fußball-EM, die einfach nur gut aussieht, wenn Tausende Zuschauer in den Stadien sind.

Die Fußballspiele könnten ein Auslöser dafür sein, dass Kinder wegen der Verbreitung der Delta-Variante auch nach den Ferien weiter mit Masken zur Schule müssen, vielleicht sogar der Wechselunterricht ein „Comeback“ feiert.

Es wäre der Gipfel des Zynismus. Und ein guter Text für die Corona-Zeugnisse 2022.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth