Deutschland wird Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft 2024 und Dortmund damit erneut Gastgeber für ein internationales Fußballfest. Das weckt Erinnerungen an die WM 2006.

Dortmund

, 27.09.2018, 18:10 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Sektkorken haben nicht geknallt. Aber es gab am Donnerstagnachmittag auf jeden Fall Gund zum Feiern bei der Dortmund-Agentur am Friedensplatz. Das Team um Agentur-Leiter Dr. Ulrich Potthoff hatte die Bewerbung der Stadt als Spielort für die Fußball-EM mit vorbereitet. Jetzt steht fest, dass Dortmund im Jahr 2024 wieder eine der deutschen Gastgeber-Städte zwar nicht für die Fußball-Welt-, aber für Fußball-Europa-Meisterschaft ist.

Von „2006 reloaded“ war im Vorfeld schon die Rede. Denn es werden unwillkürlich Erinnerungen wach an die Fußball-WM 2006. Das Sommermärchen ist zwar durch Diskussionen um mögliche Tricks des DFB bei der Bewerbung um die WM etwas in Verruf geraten. Die schönen Erinnerungen an vier tolle Fußball-Wochen bleiben aber. An Gäste aus aller Welt, friedliche Feiern auf Friedensplatz und Altem Markt, ausgelassene Stimmung bei Fan-Festen und im Stadion.

Gäste aus aller Welt genossen 2006 die WM-Stimmung im Signal Iduna Park und in der ganzen Stadt.

Gäste aus aller Welt genossen 2006 die WM-Stimmung im Signal Iduna Park und in der ganzen Stadt. © Menne

In der Tat: Dortmund zeigte sich im Juni und Juli 2006 als perfekter Gastgeber. Schon am Hauptbahnhof wurden die Besucher mit einem Blick auf die Südtribüne empfangen. Die vorgehängte Fassade mit Impressionen der gelben Wand an der Bibliothek gehörte zur besonderen WM-Deko, mit der sich Dortmund präsentierte. So wie der rote Teppich, der vom Bahnhof quer durch die Stadt bis zum Stadion führte. Oder die Nashörner und Blumenkübel in den Nationalfarben der Gastländer.

Ein roter Teppich führte die WM-Gäste quer durch die Stadt zum Stadion und zur Westfalenhalle.

Ein roter Teppich führte die WM-Gäste quer durch die Stadt zum Stadion und zur Westfalenhalle. © Menne

Die Gäste dankten es auf ihre Weise. Mit viel Lob und toller Stimmung. Die Fans des Inselstaats Trinidad und Tobago veranstalteten spontan einen karibischen Karnevalsumzug durch die City mit Musik und bunt schillernden Kostümen. „Das war ein tolles Geschenk an uns. So etwas Farbenfrohes habe ich in Dortmund noch nicht gesehen“, schwärmte der städtische WM-Beauftragte Gerd Kolbe.

Die Gäste aus Trinidad und Tobago feierten in der Dortmunder City Karneval.

Die Gäste aus Trinidad und Tobago feierten in der Dortmunder City Karneval. © Menne

Das Afrika-Zentrum in den Westfalenhallen wurde zum Schauplatz für internationale Begegnungen. Auf dem Friedensplatz und auf dem Alten Markt wurde bis tief in die Nacht gefeiert – bis die „Cleansmänner“ der EDG anrückten.

Das Afrikazentrum in den Westfalenhallen wurde zum internationalen Treffpunkt.

Das Afrikazentrum in den Westfalenhallen wurde zum internationalen Treffpunkt. © Vahlensieck

Die ganze Stadt war im WM-Fieber. In der ganzen Nachbarschaft herrschte eine positive Euphorie, erinnert sich Tim Diekhans, der 2006 ein Geschäft mit Fußball-Euphorie an der Hohen Straße betrieb. Ein idealer Ort. Denn die Hohe Straße wurde zur WM-Meile, über die die Fans aus aller Welt von der City in Richtung Stadion zogen. „Der rote Teppich lief direkt an unserer Tür entlang und hat uns viele Kunden gebracht“, erzählt Diekhans. „Die Schweden haben reichlich Schweden-Trikots, die Japaner wahllos alles gekauft.“

Diskussionen um Uefa-Auflagen für die Gastgeber-Städte

Doch lässt sich das Sommermärchen von 2006 einfach so wiederholen? Erst einmal wartet auf die Organisatoren viel Arbeit. Das Pflichtenheft des europäischen Fußball-Verbandes Uefa ist ähnlich streng und umstritten, wie das des Weltverbandes Fifa. Und dabei gibt es durchaus noch Nachholbedarf. Wie berichtet, hatte Dortmund in der Rangliste der DFB-Evaluierungskommission unter 14 Bewerberstädten und am Ende zehn Spielorten nur Rang 8 belegt. Bemängelt wurden neben den vergleichsweise geringen Hotelkapazitäten auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für kommerzielle Interessen der Uefa.

Die Wünsche der Uefa hatten schon im Vorfeld der Bewerbung für politischen Streit gesorgt. Etwa die Forderung, dass in einer „kommerziellen Zone“ 500 Meter rund um die Stadien Demonstrationen generell nicht zulässig sein und den Uefa-Sponsoren weitreichende wirtschaftliche Sonderrechte eingeräumt werden sollen. Dass viele Regelungen noch verhandelbar sind, zeigt das Beispiel der Fußball-WM 2006. Damals hatten Funktionäre der Fifa mit Hinweis auf den Schutz von Sponsoren das denkmalgeschützte „U“-Signet auf dem Dach der Westfalenhalle, die DAB-Werbung an der Halle 2 und den Mercedes-Stern auf dem Dach des Hallen-Hotels moniert. Am Ende blieben alle drei Werbe-Embleme auf den Dächern.

Politik sieht mehr Chancen als Risiken

Diskutiert wurde auch über die finanziellen Risiken, die auf die Stadt als Spielort zukommen. Von Kosten von bis zu 6,4 Millionen allein im Stadionumfeld war die Rede. Am Ende schätzten Verwaltung und Rat die Chancen, die eine EM-Beteiligung bietet, aber dann doch höher ein als die Risiken. Und überhaupt: „Eine Fußball-EM in Deutschland ist ohne Dortmund als Spielort auch nicht ansatzweise vorstellbar“, hatte OB Sierau erklärt.

Entsprechend groß war am Donnerstag seine Freude über die EM-Vergabe. „Wir können Fußball und wir können Events“, verkündete Sierau selbstbewusst mit Hinweis auf die Erfahrungen mit Großveranstaltungen. Und er verwies auf die erhofften wirtschaftlichen Impulse. „Schon wenn es um das Stadtmarketing geht, ist eine EM ein werbewirksames Pfund.

Die Attraktivität und Bekanntheit der Stadt wird international unterstrichen. Und wenn sich aus den weiteren Maßnahmen im Zusammenhang mit der EM Vorteile ergeben, von denen wir in Dortmund nachhaltig profitieren, kann das nur gut sein“, sagte Sierau. Hoffen kann etwa auf Fördermittel für Baumaßnahmen – wie schon im Vorfeld der WM 2006 als neue Brücken oder auch der Umbau der Hohen Straße vom Bund mitfinanziert wurden.

Nachhaltige wirtschaftliche Erfolge erwartet IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schreiber durch die EM. Und auch er hofft, dass man dabei an die WM 2006 anknüpfen kann. „Die Stadt, die fußballbegeisterten Menschen und auch die Unternehmen haben sich damals als wahre Markenbotschafter gezeigt“, stellt Schreiber fest.

Fußballmuseum plant Sonderformate zur EM

Einer, der die WM 2006 hautnah miterlebt hat, ist Manuel Neukirchner. Damals war er Chef des Medienzentrums in den Westfalenhallen, heute ist er Direktor des Deutschen Fußballmuseums. „Alle drei bisherigen Turniere in Deutschland haben Momente für die Ewigkeit hinterlassen“, stellt Neukirchner fest. „Hier kommt das Deutsche Fußballmuseum ins Spiel. Ab sofort können und werden wir uns mit Sonderformaten zur EM 2024 beschäftigen. Erste Ideen gibt es schon. Und das EM-Motto ,United by football. Vereint im Herzen Europas‘ liefert uns natürlich eine Steilvorlage.“

Von einer ähnlichen Euphorie wie 2006 geht auch Gerd Kolbe aus. Der Ex-WM-Beauftragte hat später auch als Berater die Weltmeisterschaften in Südafrika und Russland und die Fan-Feste dort miterlebt. „Dort hat man gesehen, dass – losgelöst von den Turbulenzen im Fifa und Uefa – die Faszination des Fußballs ungebrochen ist“, berichtet Kolbe. Und wenn die Bevölkerung wie 2006 einbezogen werde, könne auch die EM 2024 für Dortmund wieder ein großer Erfolg werden.

Gespräche mit dem DFB

Die Vorbereitungen dafür sollen schon bald beginnen, kündigt Ulrich Potthoff von der Dortmund-Agentur an. Man warte nun auf schon angekündigte Gespräche mit dem DFB, um die Rahmenbedingungen für die Gastgeber-Städte zu klären. Dann geht es an die organisatorischen Vorbereitungen, etwa mit der Einrichtung eines städtischen EM-Büros. Die Hoffnung ist, dass Dortmund bei der Euro 2024 wie 2006 mit dem Signal Iduna Park sogar wieder als Halbfinal-Spielort dabei zu sein.

Der Signal Iduna Park ist das große Pfund der Stadt als Spielort für die EM 2024.

Der Signal Iduna Park ist das große Pfund der Stadt als Spielort für die EM 2024. © Oskar Neubauer

Bis dahin ist noch viel zu tun. Doch die Mühen dürften sich lohnen, ist Gerd Kolbe überzeugt: „Für die Stadt ist die EM eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance, die man mit beiden Händen ergreifen muss.“

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