"Schieb mal den Rock hoch" - Vulgäre Kreide-Sprüche auf Dortmunds Straßen

rn„Catcalls of Dortmund“

Auf Dortmunds öffentlichen Flächen häufen sich Sprüche mit sexistischen Inhalt. Die Schmierereien sind nicht willkürlich, sondern folgen einem Plan. Und es sollen noch mehr werden.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 09.09.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Ewa (29) und Marie (22) „ankreiden" gehen, tun sie das am liebsten in den frühen Abendstunden. Dann sei die Gefahr geringer, während der Arbeit selbst Opfer davon zu werden, worauf sie mit ihrer Arbeit aufmerksam machen wollen.

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Die Studentin und Sozialarbeiterin haben nämlich eine Herzensangelegenheit. Seit jeher wünschen sich die beiden Frauen, dass endlich Schluss sei mit sexistischen Äußerungen gegenüber Frauen im Alltag. Lange suchten sie nach einer Möglichkeit, dieses Thema in der Dortmunder Öffentlichkeit auszubreiten.

Dann wurden sie auf das Internet-Format „catcallsof..." aufmerksam. „Catcalling“ ist das englische Wort für „hinterherpfeifen“, „catcalls“ kann man als „Belästigungen“ übersetzen“. Die prominentesten Vertreter sind wohl „catcallsofnewyork".

Das Konzept hinter der Idee ist simpel: Frauen, die einen sexistischen Spruch im Alltag abbekommen haben, können sich bei den Initiatoren über die Sozialen Medien melden, vornehmlich via Instagram. Wurde der Spruch als sexistisch genug auserkoren, wird er anschließend mit Kreide auf einer öffentlichen Fläche aufgemalt und mit den Hashtags der Kampagne versehen.

400 Nachrichten von belästigten Frauen in vier Wochen

Nach dem Vorbild des New Yorker-Modells stolpern seit etwa vier Wochen nun auch die Dortmunder in der Stadt über solche Sprüche; zurzeit etwa am Stadtgarten, am Europabrunnen, vor dem Theater, vor dem Dortmunder U sowie, vielleicht als prominentestes Beispiel, vorm Eingang der Thier Galerie.

„Er schaute mir in den Ausschnitt. Da ist ja ganz schönes Flachland", ist dort aktuell zu lesen. Ein Spruch, der im Vergleich zu anderen an die Initiatorinnen herangetragenen wohl noch als gemäßigt gelten könne, wenn man etwa einen anderen nimmt, der ebenfalls eingesandt wurde: „Bist du da unten genau so schön rot wie oben? Schieb mal den Rock hoch, Hexe!“

„Wir haben lange überlegt, ob wir manche Schimpfworte mit Sternchen zensieren sollten, da auch Kinder unsere Ankreidungen lesen können", sagt Ewa.

Allerdings bekämen die gleichen Kinder solche Sprüche im Original ja durchaus auch zu hören, und schließlich gehe es bei der Aktion ja darum, auf das Problem in seiner ganzen Derbheit aufmerksam zu machen. Die beiden Ankreiderinnen hätten sich in den meisten Fällen deshalb dafür entschieden, die Sprüche im Originalton auf die Böden zu malen.

Deutschland-weites "catcallsof"-Treffen am Dortmunder U geplant

Nach vier Wochen Ankreide-Arbeit, für die die Dortmunderinnen ein bis zwei mal pro Woche mit Kreide im Rucksack losziehen, planen sie nun größer: Sie wollen ihr Zwei-Personen-Team vergrößern. Auch die Zahl der bisher 16 Ankreidungen, das Resultat aus rund 400 Anfragen in vier Wochen auf dem Instagram-Kanal „@catcallsofdortmund", soll stark erhöht werden.

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„Wir planen unter anderem ein Treffen mit ‚catcallsof‘-Mitgliedern aus ganz Deutschland im Herbst am Dortmunder U.“ Dort soll es auch darum gehen, stärker auf das Thema aufmerksam zu machen. Eine Idee gibt es schon: „Man könnte etwa Postkarten und Sticker mit Catcalls versehen, und diese unter den Menschen verteilen", so Marie. „Natürlich nur mit den einordnenden Hashtags darunter."

Genauere Angaben zur Weiterentwicklung ihres Projektes können die Frauen zurzeit allerdings noch nicht machen. Die positiven Reaktionen auf ihrem Instagram-Kanal zeigten aber, dass die weitere Arbeit an dem Projekt durchaus erwünscht sei.

Und die Reaktionen auf der Straße? "Bisher ist uns während des Ankreidens noch nichts allzu schlimmes passiert", so Ewa. "Allerdings gab es da schon einige Reaktionen von Männern, die uns in eine Diskussion verwickeln wollten." So sei etwa zu diskutieren gewesen, was an der Frage: "Willst du mir nicht einen blasen?" so verheerend sei.

Info

Online-Petition

Marie und Ewa werben auf ihrem Instagram-Account @catcallsofdortmund auch für eine Online-Petition, die sich dafür einsetzt, "catcalling" künftig als Straftat zu behandeln. Die Petition ist zu finden unter https://bit.ly/2Zl0430.
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