Zwei Drittel der Dortmunder sind mit der Sicherheit nachts in der City unzufrieden

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Die Bewertungen von objektiver und subjektiver Sicherheit gehen häufig weit auseinander. Die Stadt Dortmund will gegen Angsträume vorgehen. Experten erklären Probleme rund um diesen Begriff.

Dortmund

, 02.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Polizei zeigt mit ihrer Kriminalstatistik, dass in Dortmund in den vergangenen 15 Jahren niemals weniger Straftaten registriert wurden als aktuell. Dabei geben die Dortmunder ihrem subjektiven Sicherheitsgefühl die Schulnote „befriedigend“. Doch gleichzeitig bestehen in der Stadt verschiedene sogenannte „Angsträume“.

Die subjektive Bewertung hat die Stadtverwaltung in einer Bürgerbefragung mit 8000 Haushalten ermittelt. Die Durchschnittsnote 3,1 bildet sich aus drei Einschätzungen zum jeweils eigenen Wohnviertel, den regelmäßig genutzten Wegen und der Innenstadt. Nur 38 Prozent der Dortmunder sind demnach nachts in der Innenstadt mit der Sicherheit zufrieden.

Angstforscher: „Die Definition sollte auf der Statistik beruhen“

Als unsere Redaktion ihre Facebook-Abonnenten nach Stellen gefragt hat, an denen sie sich in der Stadt unsicher fühlen, nannte die überwiegende Mehrheit pauschal die relativ große Nordstadt als sogenannten Angstraum. Darauf erwidern andere Nutzer: „Wann wart ihr denn das letzte Mal da?“ Antworten blieben fast immer aus.

Der Psychiater und Angstforscher Borwin Bandelow hält gar nichts davon, bei Angsträumen von der Wahrnehmung der Menschen vor Ort auszugehen. „Die Definition von Angstraum sollte – wenn man sie überhaupt braucht – auf der Kriminalstatistik beruhen und nicht auf subjektiven Gefühlen“, sagt Bandelow.

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Ansonsten könnten diese Aussagen auch erhebliche Nachteile für bestimmte Menschen bringen. Zum Beispiel für Händler, deren Straße kurzerhand zum Angstraum erklärt werde und in der folglich weniger Leute einkaufen würden.

„Angsträume sind oft Orte, an denen nicht unbedingt viele Straftaten stattfinden“, sagt der Kriminologe Thomas Feltes. Umgekehrt gebe es auch Kriminalitätsschwerpunkte, die keine Angsträume sind. Deshalb sei es so schwierig, Angsträume zu bestimmen. Sie basieren auf subjektivem Empfinden.

Jeder Fünfte hält einen Überfall für wahrscheinlich

Eine Befragung der Ruhr-Universität Bochum (RUB) ergab in Kurzform: Obwohl nur wenige Befragte selbst Opfer einer Straftat wurden, haben viele Angst davor, Opfer zu werden. So waren zum Beispiel zwar nur 0,3 Prozent Opfer eines Raubüberfalls geworden, mehr als 19 Prozent hielten es aber für wahrscheinlich, dass sie in den kommenden zwölf Monaten Opfer eines solchen Überfalls werden.

Anfang Oktober hat die Stadt Dortmund den „Masterplan Kommunale Sicherheit“ veröffentlicht. Dieser Katalog ist zusammen mit Bürgern, Polizei, Feuerwehr, Politikern und Wissenschaftlern sowie Vereinen und Verbänden erstellt worden.

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Darin ist zu lesen: „Ist Sicherheit die Abwesenheit von Unsicherheit oder zeigt sie sich vielmehr als eine soziale Fiktion?“ Sicherheit könne man nicht objektiv messen, aber sehr deutlich sei es jedenfalls erkennbar, dass die Bevölkerung ein verbessertes Sicherheitsgefühl fordere.

„Das Bestreiten oder Relativieren von beunruhigenden oder beängstigenden Umständen führt nie zu einer Verbesserung des Sicherheitsgefühls“, so die Stadtverwaltung. Darstellungen, die von der eigenen Wahrnehmung abweichen, würden sehr kritisch und misstrauisch hinterfragt.

Erst seit den 70ern ist die Sicherheit ein Thema

Erst seit den 70er-Jahren ist übrigens ein echter Fokus auf Sicherheitsaspekte im Städtebau gelegt worden. Zum Beispiel bei zu engen oder zu dunklen Unterführungen. Der Grund laut Stadtverwaltung: Erst damals wurden Frauen in Entscheidungsprozesse und den wissenschaftlichen Diskurs eingebunden. Vorher hätten die Verantwortlichen dem Thema kaum Wert beigemessen.

Eine der wichtigsten Maßnahmen des neuen Masterplans: In jedem Stadtbezirk sollen jetzt die jeweils fünf wichtigsten Orte untersucht werden, ob die Beleuchtung dort bei Dunkelheit ausreichend ist.

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