Zwei Flüchtlings-Generationen im Gespräch: „Mutter meinte: Wenn du bleibst, bist du tot.“

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Marianne Knoll und Rateb Al-Jabban sind beide geflüchtet – sie 1945 aus Ostpreußen, er 2015 aus Syrien. Ein Gespräch zum dritten Jahrestag der Ankunft der Flüchtlingszüge am Hauptbahnhof.

Dortmund

, 06.09.2018, 13:51 Uhr / Lesedauer: 6 min

Heute vor drei Jahren kamen drei Züge mit rund 2500 Flüchtlingen an Bord am Hauptbahnhof Dortmund an. Wie ist es, seine Heimat zu verlassen und sich in der Fremde zurechtzufinden? Zum Jahrestag haben wir zwei Flüchtlinge aus zwei Generationen zum Gespräch am Hauptbahnhof getroffen. Rateb Al-Jabban (20) aus Syrien, der im Spätsommer 2015 nach Dortmund kam, und Marianne Knoll (82), die 70 Jahre zuvor, im Januar 1945, ihre Heimat in Ostpreußen verlassen musste.

Herr Al-Jabban, wir sitzen hier im Dortmunder Hauptbahnhof, wo Sie kurz vor den Flüchtlingszügen – am 20. August 2015 – alleine ankamen, als 17-Jähriger. Was dachten Sie, als Sie hier auf einem dieser Gleise aus dem Zug stiegen?

Rateb Al-Jabban: Ich dachte mir, wo bin ich jetzt? Was soll ich machen? Ich schaute die Leute an, keiner schaute mich an, für sie war alles ganz normal. Die liefen weiter, keiner hat mich was gefragt. Dann haben mich zwei Leute mit blauer Weste [von der Bahnhofsmission, Anmerkung der Redaktion] auf Englisch angesprochen. Die haben mich nach Hacheney geschickt, zur Erstaufnahme.

Marianne Knoll: Wie sind Sie denn nach Dortmund gekommen?

Rateb Al-Jabban: Ich bin mit einem Freund aus Syrien mit dem Bus in den Libanon gefahren und von dort in die Türkei. In der Türkei haben wir dann eine Gruppe gebildet und sind mit dem Boot nach Griechenland gefahren. Die Gruppe blieb bis Budapest zusammen. Danach hat sich die Gruppe aufgelöst. Jeder wollte woanders hin, nach Dänemark, nach Schweden, nach Deutschland.

Marianne Knoll: Wie sind Sie denn übers Wasser gekommen? War es sehr gefährlich?

Rateb Al-Jabban: In der Türkei habe ich einen Menschendealer [einen Schleuser, Anm. d. Red.] gesucht, der uns nach Griechenland fährt. Das kostete 1200 Euro. Die Dealer hatten Waffen dabei, einer eine Kalaschnikow, die anderen Pistolen. Sie sagten die ganze Zeit, dass wir leise sein sollen. Dann sind wir eine Stunde durch die Berge gelaufen bis zum Strand. Dort haben wir eine halbe Stunde gewartet, weil die ganze Zeit ein Polizeiboot vor dem Strand hin- und herfuhr. Und dann meinte er: Ihr geht jetzt alle in ein Boot. Es war etwa neun Meter lang und aus Plastik.

Marianne Knoll: Und zu wievielt waren Sie?

Rateb Al-Jabban: 35, 40 Leute, mit Kindern. Das war richtig, richtig mies. Als wir eingestiegen waren, sagten uns die Dealer, dass von ihnen keiner mitfährt, sondern dass einer von uns das Boot steuern sollte. Dann haben wir das gemacht. Nach drei Stunden waren wir auf Kos [eine griechische Insel, Anm. d. Red.].

Zwei Flüchtlings-Generationen im Gespräch: „Mutter meinte: Wenn du bleibst, bist du tot.“

Rateb Al-Jabban kam 2015 als 17-Jähriger über Griechenland und die Balkanroute nach Dortmund. Seine Flucht dauerte weniger als zwei Wochen. Er macht gerade sein Fachabitur am Karl-Schiller-Berufskolleg und will später Wirtschaftsinformatik an der FH Dortmund studieren. Nebenbei arbeitet er ehrenamtlich für die Flüchtlings-Organisation „Train of Hope“. Mittlerweile fühlt er sich in der Nordstadt zuhause. © Stephan Schütze

Wenn Sie das hören, Frau Knoll, kommen bei Ihnen dann die Erinnerungen an Ihre eigene Flucht wieder hoch? Sehen Sie da Gemeinsamkeiten?

Marianne Knoll: Wir hatten es etwas einfacher, wir kamen ja aus der gleichen Kultur und sprachen die gleiche Sprache. Aber die Flucht war schon Chaos hoch drei. Als die Russen immer näher kamen im Januar 1945, sind fast alle aus unserer Gegend auf einmal geflohen. Die Züge waren überfüllt, die haben zum Teil die Leute durch die Fenster reingeschoben. Es wurde geschrien, Mütter und Kinder wurden getrennt. Meine Mutter und eine Freundin sind zusammen mit neun Kindern geflohen, die Väter waren ja im Krieg.

Was haben Sie mit auf die Flucht mitgenommen?

Marianne Knoll: Meine Mutter hatte einen Eimer Zucker mit eingepackt. Wir Kinder bekamen jeden Tag einen Löffel Zucker. So haben wir die Hungerperioden einigermaßen überstanden. Der Zucker hat gereicht, bis wir ins Erzgebirge kamen. Wir mussten auch unsere Schulbücher mitnehmen. Unsere Schulranzen waren mit Schulbüchern voll. Und wenn wir nachher zwischendurch zur Schule gingen, waren wir die einzigen mit Schulbüchern.

Rateb Al-Jabban: Ich habe nichts mitgenommen außer Geld und ein paar Klamotten. Und Ketten. Als meine Freunde mitbekamen, dass ich gehe, hat mir jeder von ihnen eine Kette oder ein Armband mitgegeben. Die habe ich immer noch.

Marianne Knoll: Was mich so schockiert, ist, dass Ihre Mutter Sie als Minderjährigen alleine auf die Strecke geschickt hat. Hatte sie keine Angst um Sie?

Rateb Al-Jabban: Ich wurde bald 18. Mit 18 muss man in Syrien in die Armee. Da habe ich gesagt: Ich will meine Hände nicht mit Blut dreckig machen. Und dann habe ich entschieden: Ich will jetzt weg. Ich will keinen töten, ich will nicht getötet werden. Und dann starb auch noch mein bester Freund. Er wurde bei uns in der Nachbarschaft auf der Straße erschossen. Meine Mutter meinte: „Wenn du bleibst, bist du tot. Wenn du zur Armee gehst, bist du sowieso tot, aber auch wenn nicht, kannst du hier sterben.“ Die Wahrscheinlichkeit war für sie höher, dass ich in Syrien sterbe, als auf der Flucht. Also sagte sie: „Geh lieber weg, ich bete für dich.“

Zwei Flüchtlings-Generationen im Gespräch: „Mutter meinte: Wenn du bleibst, bist du tot.“

Marianne Knoll wuchs in Bischofsburg in Ostpreußen auf. Als sie acht Jahre alt war, floh sie mit ihren Geschwistern vor der nahenden Roten Armee. Seit 1960 lebt sie in Dortmund, wo sie fünf Kinder aufzog. „Wir waren nirgendwo gelitten“, sagt sie über ihre Erfahrungen als Flüchtling. © Stephan Schütze

Marianne Knoll: So eine Flucht ist ja teuer, woher nahmen Sie das Geld für die Flucht?

Rateb Al-Jabban: Von meiner Mutter. Bei uns ist das so: Wenn die Frau heiratet, dann kauft der Mann ihr Gold. Und meine Mutter hat ihr Gold verkauft und mir das Geld gegeben. Für meine ganze Familie reichte es nicht. Ich habe auch noch einen kleinen Bruder und eine große Schwester.

Irgendwann ist jede Flucht vorbei, dann beginnt die Phase des Ankommens. Frau Knoll: Wie wurden Sie von den Alteingesessenen aufgenommen?

Marianne Knoll: Wir waren nirgendwo gelitten – nicht im Erzgebirge, nicht in Thüringen und auch nicht in Haltern, wohin uns 1948 mein Vater holte, der aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. In Haltern hatten wir einiges auszustehen, auch weil wir evangelisch waren und die Halterner erzkatholisch. Wir waren ausgegrenzt, auch die Eltern. Da gab‘s das nicht, dass die Einheimischen uns mal eingeladen hätten. Wir waren die Flüchtlinge! Später bin ich mit meinem Mann, der aus Westpreußen geflohen war, nach Aachen und nach Köln gezogen. Erst als wir 1960 nach Dortmund zogen, konnte ich sagen: Ich bin Zuhause, das ist meine Heimat.

Rateb Al-Jabban: Ich wurde herzlich aufgenommen, zuerst in der Erstaufnahme, dann von meinen Betreuern. Als ich 18 Jahre alt wurde, habe ich gesagt: Jetzt will ich wieder zur Schule gehen. Doch dazu musste ich Deutsch lernen. Zu der Zeit, im Oktober 2015, war es sehr schwer, einen Platz in einem Deutschkurs zu finden. Da hat mich in einem Café in der Münsterstraße ein alter Mann, ein Deutscher, ehrenamtlich unterrichtet. Als ich dann Deutsch konnte, durfte ich im Frühling 2016 zur Schule gehen. Gerade mache ich mein Fachabitur an einer Berufsschule.

Sie erleben gar keine Ablehnung?

Rateb Al-Jabban: Es gibt immer Ausnahmen, aber im Alltag sind höchstens ein, zwei Prozent der Menschen unfreundlich zu mir. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben, um unseren Ruf zu verbessern.

Marianne Knoll: Was sagen Sie denn zur Islam- und Fremdenfeindlichkeit, zum Beispiel zu den rechtsradikalen Demos in Chemnitz? Was empfinden Sie dabei, wenn die gegen Migranten demonstrieren?

Rateb Al-Jabban: Wenn die was gegen uns haben, haben die was gegen uns, da kann man nichts dran ändern.

Zwei Flüchtlings-Generationen im Gespräch: „Mutter meinte: Wenn du bleibst, bist du tot.“

Zwei Flüchtlings-Generationen im Gespräch: Rateb Al-Jabban (20) und Marianne Knoll (82) am Gleis 21/23 des Dortmunder Hauptbahnhofs. © Stephan Schütze

Marianne Knoll: Aber macht Sie das nicht wütend?

Rateb Al-Jabban: Mich nicht. Ich kann nur sagen, dass diese Leute, die da demonstrieren, nicht cool sind.

Marianne Knoll: Ich finde das bei uns so schlimm, dass Rechtsradikalismus sich so breit macht, das ist ganz fürchterlich.

Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus, Herr Al-Jabban? Wollen Sie hierbleiben oder zurück nach Syrien?

Rateb Al-Jabban: Ich habe hier meine halbe Jugend verbracht. Ich bin auch hier aufgewachsen, das ist mein zweites Land. Ich will hier weiter zu Schule gehen, studieren und arbeiten.

Marianne Knoll: Was möchten Sie mal werden?

Rateb Al-Jabban: Ich wollte Lehrer werden, aber das dauert zu lange. Ich bin jetzt 20, wenn ich Lehramt studiere, bin ich erst mit 30 fertig, das will ich auch nicht. Ich werde Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule in Dortmund studieren und in diesem Bereich arbeiten.

Marianne Knoll: Und wenn Syrien einmal Fachkräfte in deinem Bereich brauchen sollte, würdest du nicht zurückgehen?

Rateb Al-Jabban: Sehr schwierige Frage. Wenn alles passen würde, vielleicht. Ich würde es aber eher so machen wie die Türken, die hier leben. Die gehen ab und an zum Urlaub in die Heimat. Ich würde das gleiche machen.

Marianne Knoll: Fühlen Sie sich hier Zuhause?

Rateb Al-Jabban: In der Nordstadt schon, ehrlich gesagt.

Wenn Sie beide an Ihre alte Heimat denken, woran denken Sie am liebsten zurück?

Marianne Knoll: An meine Kindheit dort, aber nichts Bestimmtes. Eine richtige Bindung habe ich nicht mehr nach Ostpreußen, ich war ja erst acht Jahre alt, als wir fliehen mussten. Ich war zwar später ein paar Mal in unserer alten Heimat Bischofsburg aber das löst nichts mehr bei mir aus. Ich wäre wahrscheinlich auch nicht zurückgegangen. Ich fand die Reden in den Vertriebenen-Vereinen auch oft verlogen. Wenn man die gefragt hat: „Würdet ihr denn zurückgehen?“, haben die geantwortet: „Ne, das nicht!“ Aber Ansprüche stellen und sagen: „Das ist meine Heimat!“

Rateb Al-Jabban: Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, unsere Straße, unsere Altstadt, die war richtig schön. Ich komme aus Süd-Damaskus, unser Viertel ist halb zerstört, halb noch in Ordnung. Bei uns im Haus ist zum Glück alles noch ganz.

Marianne Knoll: Wollen Sie Ihre Familie noch nachholen?

Rateb Al-Jabban: Ich will, aber das ging bisher nicht.

Marianne Knoll: Würde Ihre Familie denn auch kommen?

Rateb Al-Jabban: Mein Vater nicht, der sagt immer, dass er in Syrien sterben will, aber meine Mutter und meine Geschwister würden kommen. Mein Wunsch ist, vor allem meine Geschwister nachzuholen. Meine Schwester hat ihr Wirtschafts- und Verwaltungsstudium abgeschlossen, mein Bruder ist noch in der 10. Klasse.

Mit ihrer Lebenserfahrung aus 82 Jahren und ihren Erlebnissen als Flüchtling, Frau Knoll: Was würden Sie Herrn Al-Jabban raten, um hier tatsächlich anzukommen?

Marianne Knoll: Dass er so weiter macht. Dass er seinen Beruf aufbaut, sich hier eine Heimat schafft, eine Familie gründet, ein Haus baut. Dann ist er wirklich ganz angekommen. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!

Rateb Al-Jabban: Dankeschön.

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