Zwischen Naturidyll und Strukturwandel - per Rad einmal quer durch Dortmund

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Natur und Industriekultur prägen das Ruhrgebiet im Wandel. Bestes Beispiel dafür ist die Emscher. Der einstige Abwasserfluss ist inzwischen ein Ziel für idyllische Radtouren.

Dortmund

, 10.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer in Aplerbeck aus der Bahn steigt, erlebt eine Mischung aus Großstadt und Idylle, die auf die bevorstehende Tour einstimmt - auf einen Mix aus Industriekultur, Natur und Strukturwandel. Die Emscher ist das Band, das alles zusammenhält.

Die Emscher, das war lange Zeit ein Begriff, bei dem viele Ruhrgebiets-Bewohner die Nase rümpften oder sich sogar zuhielten. Das Flüsschen war über Jahrzehnte die Abwasser-Kloake des Reviers - mit entsprechendem Gestank. Doch zumindest in Dortmund ist der einst in ein Betonkorsett gezwängte und hermetisch abgeriegelte Abwasserfluss nicht mehr wiederzuerkennen.

Mehr als 5 Milliarden Euro investiert die Emschergenossenschaft in den Umbau des gesamten Flusslaufs zwischen der Quelle in Holzwickede und der Mündung in den Rhein in Dinslaken. Dortmund hat das Glück, am Oberlauf zu liegen und damit ganz am Anfang der Investitionskette zu stehen. Inzwischen ist aus der Emscher auf Dortmunder Stadtgebiet ein Naturidyll geworden - das auf einem begleitenden Weg mit dem Rad erkundet werden kann.

Gut 25 Kilometer durch Dortmund

Der Emscher-Radweg ist gut 100 Kilometer lang. Ein Viertel der Strecke liegt auf Dortmunder Stadtgebiet. Ich starte meine Tour der Einfachheit halber in Aplerbeck - nicht weit vom Emscherquellhof in Holzwickede entfernt. Der Vorteil: Mit der Stadtbahn-Linie U47 kann man hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Die Mitnahme von Fahrrädern ist kein Problem.

Und das Idyll beginnt schon beim Aussteigen. Denn gleich hinter dem alten Aplerbecker Amtshaus liegt mit Haus Rodenberg eine erste Sehenswürdigkeit der Tour. Der ehemalige Adelssitz geht auf eine mittelalterliche Wasserburg am Ufer der Emscher zurück und ist heute eine Außenstelle der Dortmunder Volkshochschule mit Gastronomie.

Haus Rodenberg in Aplerbeck ist ein guter Ausgangspunkt für eine Radtour entlang der Emscher.

Haus Rodenberg in Aplerbeck ist ein guter Ausgangspunkt für eine Radtour entlang der Emscher. © Stephan Schütze

Hier beginnt auch der besonders komfortable Weg auf der Emscher-Radtour. Über einen gut ausgebauten Rad- und Fußweg oder kleinen Wohnstraßen geht es begleitet von viel Grün durch den Dortmunder Stadtteil Schüren. Hinter der Brücke der Schnellstraße B 236, die an ihren hohen Lärmschutzwänden zu erkennen ist, wartet die nächste Sehenswürdigkeit: der Phoenix-See. Ein Vorzeigeprojekt für den Strukturwandel, aber auch für den Wandel der Emscher, die am Nordufer des Sees fließt.

Der Phoenix-See als „Überlauf“

Der Bau des 24 Hektar großen, künstlichen Sees auf dem Gelände des früheren Stahlwerks Phoenix wurde zum Teil aus Mitteln des Emscherumbau-Programms finanziert. Aus gutem Grund: Der See ist Teil des Hochwasserschutzes und dient als Überlauf, wenn die Emscher mal über die Ufer tritt.

Gut zu erkennen ist der Verlauf der Emscher am Nordufer (l.) des Phoenix-Sees.

Gut zu erkennen ist der Verlauf der Emscher am Nordufer (l.) des Phoenix-Sees. © Hans Blossey

Die Anwohner etwa aus den Dortmunder Ortsteilen Marten und Dorstfeld können ein Lied davon singen. Denn sie waren zuletzt 2008 Opfer eine verheerenden Überschwemmung durch Hochwasser. Rückhaltebecken sollen die Gefahr künftig eindämmen.

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Der Lauf der Emscher entlang des Sees zeigt aber auch, wie schnell sich Natur entwickeln kann. Zahlreiche seltene Pflanzen- und Vogelarten haben sich hier angesiedelt.

Naturidyll Emscher: Aus der Abwasserkloake ist an vielen Stellen in Dortmund ein Naturparadies geworden.

Naturidyll Emscher: Aus der Abwasserkloake ist an vielen Stellen in Dortmund ein Naturparadies geworden. © Stephan Schütze

Auch wenn die offizielle Strecke des Emscher-Radwegs über die Hermannstraße im Süden verläuft, nehme ich den Radweg entlang der Emscher am Nordufer des Sees. Es lohnt sich immer wieder, die eigentlich ausgeschilderte Tour-Strecke zu verlassen - und zum Beispiel am Phoenix-See eine erste Rast einzulegen. Denn am Hörder Hafen locken Restaurants und Eis-Cafes. Der Besucherandrang ist, vor allem bei gutem Wetter, riesig. Deshalb muss man an der Hafenpromenade auch vom Rad absteigen und schieben.

Auf gut ausgebauten Wegen verläuft der Emscher-Radweg im Bereich Hörde.

Auf gut ausgebauten Wegen verläuft der Emscher-Radweg im Bereich Hörde. © Oliver Schaper

Doch nach der Rast geht es über gut ausgebaute Wege weiter, wobei in Hörde für etwas Verwirrung gesorgt ist: Gleiche mehrere parallele Wege führen, mal oben auf einem ehemaligen Bahndamm, mal unten im Tal in Richtung Westen. Irgendwie landet man aber immer beim nächsten Höhepunkt der Tour - dem ehemalige Industrieareal Phoenix-West.

Industiekultur auf Phoenix-West

Die denkmalgeschützten alten Hochöfen bieten hier Orientierung. Drumherum ist ein neuer Technologiepark entstanden, aber mit dem Phoenix-Park auch ein neues Stück Grün. Er bildet gewissermaßen den Gegenpol zum Westfalenpark nördlich der Emscher.

Das ehemalige Industrieareal Phoenix-West ist eine Zwischenstation wert.

Das ehemalige Industrieareal Phoenix-West ist eine Zwischenstation wert. © Oliver Schaper

Und Phoenix-West bietet auch eine weitere Rastmöglichkeit: die Stehbier-Halle der Bergmann-Brauerei mit ihrem Biergarten ist ein Treffpunkt für Wanderer und Radler. Von hier aus geht es an alten Industrierelikten wie den Gichtgas-Rohren und den Überresten eines Viadukts auf den Weg zwischen Phoenix- und Westfalenpark, der ein Stück Emscher-Geschichte markiert. Der Emscherlauf südlich der Buschmühle war zur Bundesgartenschau 1991 im Westfalenpark das erste renaturierte Teilstück des Flüsschens.

Zwischen Natur und Stadion

Gleich hinter Phoenix-Park und Buschmühle lohnt sich ein weiterer ganz kurzer Abstecher: Etwas versteckt am Rande eines Vogelschutzgehölzes liegt die „Niere“ - eine nur für Radfahrer reservierte Rundstrecke, auf der man für Radrennen trainieren kann. Als ganz normaler Ausflügler sollte man sich aber darauf einstellen, für die ehrgeizigen Rennradler rechtzeitig Platz zu machen.

Dann doch lieber gemütlich weiter. Es geht entlang von Kleingärten in Richtung Bolmke - ein kleines Naturparadies gleich südlich der Dortmunder Innenstadt. Besonders beeindruckend ist hier der Blick aus der Natur auf die gewaltige Kulisse des Signal Iduna Parks mit der größten Stehtribüne Europas - auch wenn die zurzeit coronabedingt verwaist ist.

Die Bolmke ist ein Naturparadies unmittelbar südlich der Dortmunder Innenstadt.

Die Bolmke ist ein Naturparadies unmittelbar südlich der Dortmunder Innenstadt. © Dieter Menne (A)

Weiter westlich ist der begleitende Emscherweg jäh unterbrochen - unter der Schnettkerbrücke, über die die B1 führt, ist noch kein Durchkommen. Der Weg führt hier am Rande des Stadtteils Schönau vorbei. Am Kreisverkehr vor dem Uni-Campus geht es dann in Richtung Norden durch Dorstfeld, wo die Anwohner einst besonders vom Emscher-Gestank geplagt wurden.

Über Jahrzehnte haben vor allem die Anwohner des Emschertals in Dorstfeld unter der stinkenden Kloake gelitten. Jetzt ist die Emscher auch hier renaturiert.

Über Jahrzehnte haben vor allem die Anwohner des Emschertals in Dorstfeld unter der stinkenden Kloake gelitten. Jetzt ist die Emscher auch hier renaturiert. © Stephan Schütze (A)

Der Weg zwischen Emscherallee und Emscher ist frisch angelegt, führt am Hafen vorbei in Richtung Huckarde und Deusen. Hier soll 2027 die Internationale Gartenausstellung unter dem Titel „Emscher Nordwärts“ zur Touristenattraktion werden - die Emscher mittendrin. Noch ist es hier eher ruhig. Entlang des Radwegs grüßen mal Kunstwerke als Überbleibsel des Projekts Emscherkunst, dann die Faultürme des Emscher-Klärwerks in Deusen.

Zu Füßen des Deusenbergs prägt üppige Natur die Emscher.

Zu Füßen des Deusenbergs prägt üppige Natur die Emscher. © Stephan Schütze

Zur Linken liegt der Deusenberg, eine ehemalige Müllhalde, die jetzt eine Attraktion für sportliche Radler anderer Art ist: Auf dem 112 Meter hohen Hügel wurde 2004 eine Mountain-Bike-Strecke angelegt. Es lohnt sich aber auch, das Rad unterhalb der Treppe stehen zu lassen und vom Deusenberg einen Blick auf Dortmund zu werfen. Es ist das Gegenstück zum Feldherrn-Hügel am Phoenix-See, bei dem man aus Süden auf die Stadt blickt.

Der Deusenberg bietet eine tolle Aussicht auf Dortmund - und eine Strecke für Mountainbiker.

Der Deusenberg bietet eine tolle Aussicht auf Dortmund - und eine Strecke für Mountainbiker. © Stephan Schütze

Von hier aus geht es fast nur noch durch Natur durch den Dortmunder Stadtteil Mengede. Der Emscher-Umbau ist aber auch hier ein ständige Begleiter - in Form riesiger Hochwasser-Rückhaltebecken entlang des Flusslaufs.

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Eine völlig neue Landschaft ist hier entstanden. Und ein Naturparadies. Denn das 33 Hektar große Areal des Rückhaltebeckens Mengede/Ickern an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel ist inzwischen eines der größten Vogelschutzgebiete der Region geworden.

Die Hochwasserrückhaltebecken in Ellinghausen sind noch in Bau. Hier begleitet die Emscher viel Natur.

Die Hochwasserrückhaltebecken in Ellinghausen sind noch in Bau. Hier begleitet die Emscher viel Natur. © Hans Blossey

Und wir freuen uns am Ende der Tour auf eine weitere Rast. Dazu lädt das Café im „Hof Emschertal“ von dessen Terrasse aus man einen tollen Blick auf die Emscher-Auen hat. Die Großstadt scheint jetzt weit entfernt zu sein.

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