Zwischen Pflicht und Fürsorge: Der schwere Alltag in der Jugendhilfe

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Die St. Vincenz Jugendhilfe in Dortmund betreut über 200 Kinder und Jugendliche in verschiedenen Wohngruppen. Die Corona-Krise sorgt bei Bewohnern und Mitarbeitern für Schwierigkeiten.

Dortmund

, 07.04.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie haben es häufig ohnehin nicht leicht: zerüttete Familienverhältnisse, seelische Schwierigkeiten, Gewalt. Das St. Vincenz Jugendhilfe-Zentrum in Dortmund bietet über 200 Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit für einen Neustart. Enger Kontakt zwischen den Pädagogen und Bewohnern ist dabei auch in Zeiten des Coronavirus nicht vermeidbar. Das bedeutet für die Betroffenen zusätzliche Herausforderungen.

Frühmorgens geht es für viele Mitarbeiter der St. Vincenz Jugendhilfe los. Von der eigenen Familie machen sie sich auf den Weg zu ihrer zweiten, der beruflichen Familie. Gemeint sind die Kinder und Jugendlichen, die unter anderem in den Wohngruppen in der Nähe des Borsigplatzes leben. Auch in Zeiten des Coronavirus hat sich an dieser Routine wenig verändert. Trotz erhöhten Risikos und behördlicher Auflagen. Das hat seine Gründe.

Enger Kontakt ist nicht vermeidbar

„Die derzeitige Situation ist sowohl für unsere Mitarbeiter als auch für die Kinder und Jugendlichen sehr problematisch. Gerade auch in unseren Wohngruppen ist es schwierig, den geforderten Abstand zu gewährleisten. Eine angemessene Betreuung kann einfach auch nicht ohne Kontakt stattfinden“, betont der pädagogische Leiter Ralph Haar.

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Die St. Vincenz Jugendhilfe bietet unterschiedliche Betreuungskonzepte für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 0 bis 27 Jahren, die zumeist eine komplizierte Vergangenheit haben. Dabei reicht das Angebot von Mutter-Kind-Gruppen über ambulante Familienberatung bis hin zu vollstationären Wohngruppen.

„Die Kinder und Jugendlichen kommen häufig aus schwierigen Familienverhältnissen oder haben in ihrem Leben andere traumatisierende Erfahrungen gemacht. Wir kommen erst dann ins Spiel, wenn alle anderen Möglichkeiten nicht gegriffen haben“, sagt Geschäftsführer George Koldewey.

Viel Respekt für Arbeit der Betreuer und Pädagogen

Aus diesem Grund könne man auch angesichts der aktuellen Pandemie die Kinder- und Jugendbetreuung nicht ohne Weiteres herunterfahren. Laut Haar halten sich dennoch alle Mitarbeiter so weit es geht an die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen, „allerdings muss man einen etwas anderen Maßstab anlegen“.

Dadurch, dass man inbesondere in den Wohngruppen für Jugendliche und junge Erwachsene jeden Tag sehr viel Zeit auf engem Raum miteinander verbringe und sich auch physische Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern manchmal nicht vermeiden ließen, müsse man den Betreuern und Pädagogen viel Respekt zollen.

Acht bis zehn Jugendliche in einer Wohngruppe

Normalerweise besteht eine der unterschiedlichen Wohngruppen aus acht bis zehn Jugendlichen, die zum Teil eine intensive Betreuung benötigen. „Es gibt für die Mitarbeiter aber auch immer noch die eigene Familie. Das darf man nicht vergessen. Trotz des erhöhten Ansteckungsrisikos werden die Kinder aber nicht alleine gelassen“, erklärt Koldewey.

Auch in der Jugendhilfe ist die fehlende Schutzausrüstung derweil ein Problem. Ähnlich wie in Krankenhäusern, Altenheimen und Arztpraxen werden auch hier Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel knapp. Die Gefahr, sich möglicherweise mit dem Virus anzustecken, steigt. „Ich will den Mitarbeitern und Kindern aber wenigstens die Möglichkeit bieten, sich angemessen zu schützen. Deshalb kaufe ich dann beispielsweise auch die sehr teuren Masken“, so Koldewey.

„Situation schweißt die Mannschaft zusammen“

Und wenn man so will, hat die derzeitige Ausnahmesituation auch positive Effekte, wie Ralph Haar herausstellt: „Der Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Gruppen wird durch die momentane Entwicklung enorm gestärkt. Das schildern uns auch die Kinder und Jugendlichen in unseren Gesprächen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist deutlich angestiegen.“

Dafür sei sowohl die Arbeit der Betreuer und Pädagogen verantwortlich als auch die damit verbundene Nähe, denn: Durch den Wegfall von alltäglichen Strukturen wie der Schule oder den Freizeitaktivitäten außerhalb der Einrichtung fehlen feste Konzepte im Tagesablauf. „Die Mitarbeiter sind gerade dann als besondere Vertrauenspersonen gefragt, und das schweißt die Mannschaft noch einmal enger zusammen“, so Haar.

Für den Ernstfall sieht man sich in der St. Vincenz Jugendhilfe dem Geschäftsführer zufolge gut gerüstet. „Wir rechnen täglich mit dem Schlimmsten. Und das wäre die Infizierung eines Mitarbeiters oder eines unserer Kinder mit dem Coronavirus. Aber auch für ein solches Szenario haben wir uns vorbereitet.“

Mitarbeiter würden sich freiwillig in Quarantäne begeben

So habe man bereits eine ganze Etage freigeräumt, auf der man im Notfall eine Quarantänestation einrichten könne. Außerdem könne man nahe gelegene Schulräume nutzen, um die Kinder und Jugendlichen im Krankheitsfall voneinander zu trennen. Zusätzlich zu diesen Maßnahmen habe man ein Pandemie-Team gegründet, das auf alle Eventualitäten vorbereitet sei.

„Das stärkste Signal haben wir aber schon von einigen unserer Mitarbeiter bekommen“, verdeutlicht Haar. Obwohl es einige Krankmeldungen gebe, hätten sich viele bereiterklärt, „falls nötig, mit den Kindern und Jugendlichen für zwei Wochen in die erforderliche Quarantäne zu gehen. Das ist ein außergewöhnliches Zeichen“.

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