Alle Hoffnung steckt in einer Tasche

MÜNSTER Sein Schatz ist seine Tasche. Alt und abgewetzt ist sie, ihr Inhalt ist für seinen Besitzer alles, was er hat. Papiere, drei Ordner dick, sind darin. Und zwei Fotos.

von Von Johanna Rüschoff

, 07.01.2008, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Aloisius Steier lebte sieben Monate in seinem Auto.

Aloisius Steier lebte sieben Monate in seinem Auto.

Auf diesen ist je ein Haus abgebildet - die Bilder zeigt Aloisius Steier denen, die nachfragen, wie andere Leute die Fotos ihrer Kinder zeigen. Hier, im Obdachlosenheim in der Nähe des münsterschen Bahnhofs, wird nicht viel gefragt.

Drei Männer

Steier lebt seit einigen Wochen hier - am 11. Dezember hatte die Polizei seinen Wagen wegen fehlender Versicherung stillgelegt. Der BMW, Baujahr 1984, war zuvor Steiers Zuhause. Sieben Monate lang lebte der Münsteraner zwischen Lenkrad und Schaltknüppel. Jetzt sitzt er zwischen halb vollen Bierflaschen und Zigarettenkippen in einem winzigen Zimmer, das er sich mit zwei Männern teilt. Einer liegt im Bett. "Die trinken zu viel, die Jungs", sagt Steier und kramt in seiner Aktentasche. Er macht das oft. Kramen in der Tasche, die er immer bei sich hat, die er nie aus dem Auge verliert. Deren Inhalt belegen soll, dass er von der Bank betrogen wurde.

Der gelernte KFZ-Schlosser, der einmal verheiratet war, aber keinen Kontakt zu seiner Ex-Frau hat, glaubt an sein Recht. Hat in seinem Glauben mehrere Anwälte beschäftigt - Geld besitzt er dennoch nicht, ein Haus gehört der Ex-Frau, das andere der Bank. Er musste im Mai auf die Straße, seitdem lebte er im Auto, jetzt eben im Heim. Kinder hat der 69-Jährige keine. Und auch sonst hat er keine Verwandten in der Nähe. "Ich habe einen Neffen in Amerika, stellen Sie sich das mal vor", lacht Steier und fährt sich mit der Hand über die lichten Haare.

Versichert ist sein Auto mittlerweile wieder, aber die Zulassung ist noch auf fünf Tage beschränkt. Übernachten will er in seinem Auto nicht mehr.

"Es geht mir gut"

"Warum sollte ich", sagt Steier "es geht mir doch gut. Meine Zimmernachbarn sind nette Jungs. Und was essen kann ich hier auch. Da kann man nicht meckern." Gut, die Sache mit dem Alkohol...

Selbst rührt er keinen Alkohol an, seit seinen beiden Schlaganfällen. "Ich will schließlich noch ein bisschen leben", sagt Steier und hält dabei seine Aktentasche mit beiden Händen fest. In der nächsten Woche wird der Mann, der seine Tasche für das Ticket in eine andere Welt hält, 70 Jahre alt. Aber vorher, vorher hat er noch einen Termin beim Rechtsanwalt.

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