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Als Lippramdorfer Kinder nach Kriegsende in einer Wehrmachtsbaracke Erstkommunion feierten

rnVor 70 Jahren

Der Krieg war gut vier Jahre vorüber, als 47 Kinder zur Erstkommunion gingen. In einer Wehrmachtsbaracke, denn die Kirche stand nicht mehr. 70 Jahre danach erzählen sie, wie das damals war.

Lippramsdorf

, 29.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Am Weißen Sonntag (das ist der Sonntag nach Ostern) war traditionell in St. Lambertus Erstkommunion. Und so empfingen 47 Lippramsdorfer Jungen und Mädchen am 24. April 1949 zum ersten Mal das heilige Brot in Form einer Hostie aus den Händen von Pfarrer Alois Tüshaus und wurden offiziell in der Gemeinde willkommen geheißen. „An jeder Bank standen Führengel, die uns zum Altar begleiteten“, erinnert sich 70 Jahre danach Renate Buchgeister, geborene Wessels. „Wir durften über den roten Teppich gehen, der nur für besondere Feiertage ausgebreitet wurde.“ Die Notkirche, eine alte Wehrmachtsbaracke, war laut Renate Buchgeister übervoll. Nach einem Bombenangriff auf Lippramsdorf war die eigentliche Pfarrkirche St. Lambertus in Schutt und Asche gefallen.

Als Lippramdorfer Kinder nach Kriegsende in einer Wehrmachtsbaracke Erstkommunion feierten

In der damaligen Notkirche von Lippramsdorf (die Kirche war im Krieg zerstört worden) gingen am 24. April 1949 47 Jungen und Mädchen zur Erstkommunion. Pfarrer Alois Tüshaus (r.) und Kaplan Franosch bereiteten sie auf das Fest vor. © Foto Patzke

Die Kinder waren fein herausgeputzt. Die Jungen trugen dunkle Hosen, weiße Kniestrümpfe, weiße Hemden und Jacken; die Mädchen hatten dunkelblaue kurze Kleider an. „Geld für weiße Kommunionkleider hatten die meisten Eltern nicht. Deshalb gab es zum Fest ein Feiertagskleid, das weitergetragen werden konnte“, erzählt Renate Buchgeister von Bescheidenheit in kargen Zeiten.

Viele solcher Erinnerungen lebten auf, als sich 18 der ehemaligen Kommunionkinder zur Jubiläumsmesse in St. Lambertus und einem dankbaren Beisammensein im Haus Teltrop versammelten.

„Die Menschen waren froh über das Ende des Zweiten Weltkrieges“

„16 Mitschüler sind schon verstorben, das Schicksal von vier Mitschülern konnte ich nicht ermitteln, sieben mussten aus persönlichen Gründen heute absagen“, berichtet Alt-Bürgermeister Josef Schmergal von den Vorbereitungen. In einer Rede, die er im Haus Teltrop hielt, zeichnete er ein Bild der damaligen Verhältnisse in Lippramsdorf. Das eigenständige Dorf hatte 1900 Einwohner (heute 3800), „die Menschen lebten sehr bescheiden und waren froh über das Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Zu jener Zeit feierten die Katholiken sonntags drei Messen, nachmittags war Christenlehre. Von der Kanzel herab fragte der Pastor die Kinder dann, was sie aus dem Katechismus gelernt hatten.

Die Jungen und Mädchen gingen zu Fuß zur Kirche und zur Schule, Fahrräder hatten nur die wenigsten. „Und die jüngeren Geschwister trugen die Kleider der älteren, wenn sie diesen nicht mehr passten“, erzählt Josef Schmergal.

In dieser Zeit machten sich die Eltern keine großen Gedanken, in welchem Restaurant sie zur Erstkommunion essen gehen sollten, welche Kommuniongeschenke ihre lieben Kleinen gerne hätten und wie viele Gäste zur Feier eingeladen werden sollten. Josef Schmergal: „Nein, alles ging den normalen, zur damaligen Zeit machbaren Weg.“

Zu Fuß zur Kirche

Die Eltern und Kinder liefen am Erstkommuniontag zu Fuß zur Kirche, gegessen wurde zu Hause, eingeladen wurden Oma, Opa und die Taufpaten. Als Geschenke gab es ein Gebetbuch, einen Rosenkranz und einen Weihwasserbehälter, eventuell noch ein Kreuz. „Aber das nicht für das eigene Zimmer, denn das hatten die Kinder in fast allen Fällen sowieso nicht“, so Schmergal weiter.

Renate Buchgeister weiß noch genau, wie der Tag in ihrer Familie begangen wurde: „Nach der Messe gingen wir nach Hause, wo ein Frühstück auf uns wartete. Denn man musste bis zur Kommunion nüchtern bleiben.“ Zum Mittagessen gab es Hühnersuppe, Kartoffeln, Schweinebraten und Erbsen mit Möhren. Danach noch einen leckeren Pudding.“ Um 14 Uhr, nach dem Kaffeetrinken, mussten die Kommunionkinder zur Dankandacht und am nächsten Morgen nach einer Messe um 9 Uhr wurde in Pastors Garten ein Gruppenfoto von allen Kindern gemacht.

Als Lippramdorfer Kinder nach Kriegsende in einer Wehrmachtsbaracke Erstkommunion feierten

Eine aus Holz ausgeschnittene 70 behängte Papierkünstlerin Barbara Große-Vorholt aus Dorsten-Lembeck mit dekorativen Anhängern, gefaltet aus alten Gebetbuch-Seiten. © Foto Schrief

„Es ist eine Gnade und es ist wunderbar, dass Sie heute dieses besondere Ereignis feiern können“, begrüßt Pfarrer André Pollmann die Feiernden zum Gottesdienst. Pastoralreferentin Veronika Bücker erinnerte daran, dass der Empfang der Erstkommunion eigentlich zunächst für jeden etwas Intimes sei, weil jeder für sich erst einmal herausfinden müsse, wie er seinen Weg im Glauben an Christus tatsächlich weitergehe. „Wir sind sehr dankbar für die eindrucksvolle Gestaltung der Messe“, sagt Josef Schmergal. Und ebenso dankbar, diesen Tag gemeinsam und vor allem in einer Zeit des Friedens feiern zu können. Hans Nienhaus brachte das in der Dekoration für die Kirche zum Ausdruck: Eine 70 aus Holz war bestückt mit Anhängern aus gefalteten Gebetsbuchseiten, eine Wurzel dokumentierte die tiefe Bindung zum Glauben und ein Foto erinnerte an das denkwürdige Ereignis vor 70 Jahren.

Messgebete in Latein

Nach dem Kommunionsonntag 1949 durften die Jungen übrigens Messdiener werden (Mädchen waren am Altar nicht zugelassen). Die Jungs mussten allerdings erst alle Messgebete in Latein lernen und durften erst Messe dienen, wenn sie alle lateinischen Gebete auch ins Deutsche übersetzen konnten.

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