Anwohner streitet mit Landwirt darüber, wie sehr Schweine stinken dürfen

rnGeruchsbelästigung

Schweine schwitzen wie Sau? Das stimmt nicht. Schweine stinken wie Sau? Willi Hoven findet das und fühlt sich durch den Schweinestall auf einem Halterner Bauernhof belästigt.

Haltern

, 12.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Willi Hoven wohnt seit 2005 an der Lavesumer Straße. „Nach meinem Einzug habe ich erst ein Jahr später zum ersten Mal diesen Geruch aus dem Schweinemast-Betrieb bemerkt“, sagt er gegenüber der Halterner Zeitung.

Vornehmlich in den Sommermonaten gehe bei austauscharmer Luftbewegung eine unzumutbare Gestanksbelästigung aus. Dann sei es unmöglich, auf dem Balkon zu sitzen und die Fenster zu öffnen. „Das ist bei Hitze eine echte Herausforderung“, findet er. Und auch: „Die Belästigung ist größer geworden und hat sich unerträglich gesteigert.“ Dieses Empfinden hätten seine Nachbarn auch.

Von Vorwürfen überrascht

Markus Tappe ist überrascht. Sein Hof liegt etwa 250 Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt. Niemand aus der Nachbarschaft habe sich bislang bei ihm persönlich über Gestank aus dem Schweinestall beschwert. „Seit mindestens 15 Jahren haben wir den gleichen Bestand an Mastschweinen“, sagt Markus Tappe. In Zukunft seien es eher weniger, wenn er sich an der staatlichen Tierwohl-Kennzeichnung beteilige.

„Ich nehme immer schon viel Rücksicht auf die Bewohner in unserem Umfeld“, führt er aus. So bringe er beispielsweise keine Gülle an Wochenenden aus und erfülle mit der Installation der vorgeschriebenen Klimatechnik die Auflagen der Immissionsschutzbehörde. Mit unangemeldeten Kontrollen müsse er immer wieder rechnen.

Kreis: Hof ist unauffällig

Die Immissionsschutzbehörde beim Kreis Recklinghausen hat nichts zu beanstanden. „Der Betrieb Tappe ist völlig unauffällig“, sagte auf Nachfrage Kreissprecher Jochem Manz. Zehn Prozent der Jahresstunden, das seien 36 Tage am Stück, dürfe es riechen. „Wenn es heiß ist und kaum ein Lüftchen weht, ist Geruch sicherlich nicht auszuschließen“, erklärt Manz, „aber Belästigungen sind selten.“

Willi Hoven findet, eine Schweinemast habe in unmittelbarer Nähe von Siedlungen in der heutigen Zeit nichts mehr zu suchen. Die Immissionsschutzbehörde widerspricht: Der Hof Tappe genieße Bestandsschutz.

Anwohner streitet mit Landwirt darüber, wie sehr Schweine stinken dürfen

Werben für Verständnis und eine gute Nachbarschaft: Landwirt Johannes Eickhoff, Katrin Bielefeld (Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband), Landwirt Markus Tappe und Ehefrau Lena. © Elisabeth Schrief

Ortslandwirt Johannes Eickhoff aus Haltern bestätigt, dass der Luftaustausch in den Schweineställen im Sommer höher sei, damit es den Tieren gut gehe. „Die Tiere werden im Sommer mit viel frischer Luft versorgt. Gemessen sind das 100 Kubikmeter Luft in der Stunde.“ Umso schneller gelüftet werde, desto höher sei die Geschwindigkeit, mit der die Luft nach oben durch den Schornstein gehe. „Aber nur der Nordwind treibt Geruch aus dem Schweinestall in die Stadt“, sagt Markus Tappe, „und das ist sehr selten.“ Meistens wehe ein Süd-West-Wind.

„Beschwerden ignoriert“

Willi Hoven fühlt sich dennoch belästigt. Beschwerden bei Behörden seien allerdings mit „fadenscheinigen Argumenten“ ignoriert worden.

Grundsätzlich ist es so, dass beim Neubau eines Stalles zum Bauantrag ein Geruchsgutachten eingereicht werden muss. Ein solches Gutachten, so erklärt Katrin Bielefeld vom Landwirtschaftlichen Kreisverband Recklinghausen, erfolgt durch Berechnungen und berücksichtigt die Geruchsfreisetzung vor Ort. Kriterien sind unter anderem die Anzahl der Tiere, die Größe und Lage des Stalles und die Lage des Dunglagers. Die erforderliche Bewertung dieser Ergebnisse basiert auf der Geruchsimmissions-Richtlinie.

Anwohner streitet mit Landwirt darüber, wie sehr Schweine stinken dürfen

Ein Blick in einen Schweinestall: Niederdruck-Sprühanlagen schaffen im Schweinestall Abkühlung und helfen den Tieren, ihre überschüssige Körperwärme loszuwerden. © Alfons Deter

Im Kreisverband Recklinghausen gibt es 283 landwirtschaftliche Betriebe, die sich auf Schweinehaltung spezialisiert haben. 190.724 Schweine stehen in den Ställen. „Es hat sich gezeigt, dass gut ausgestattete und gut geführte Ställe mit hohen Standards die Tiergesundheit und damit gesunde Lebensmittel sichern“, schlägt Katrin Bielefeld eine Bresche für die Höfe.

Appetitlos und träge

Schweine fühlen sich übrigens bei Temperaturen zwischen 20 und 25 Grad wohl, unter Hitze leiden sie wie Menschen. „Schweine schwitzen nicht“, stellt Johannes Eickhoff klar. Bis auf einige Schweißdrüsen, die an den Rüsselscheiben sitzen, haben Schweine keine Drüsen, die der Regulation des Wärmehaushalts dienen.

Der Hitzestress, so Eickhoff, wirke sich bei den Tieren ähnlich aus wie beim Menschen: Sie haben nur wenig Appetit und sind träge. In den Sommermonaten laufen die vorhandenen Ventilatoren in den Ställen auf voller Leistung, um die Tiere mit einem angenehmen Raumklima zu versorgen. Bewährt hatten sich vor allem Wasserdüsen, die die Tiere mit Wasser benebeln und zur Kühlung beitragen. „Wir geben ihnen viel Wasser zu trinken und verdünnen das Futter, um den Schweinen Erleichterung zu verschaffen und ihnen zu helfen, mit der Hitze klar zu kommen.“

Großer Druck

Zu den Vorwürfen der Geruchsbelästigung meint Johannes Eickhoff, dass das Geruchsempfinden der Menschen sehr individuell ist. Hinzu komme wahrscheinlich, dass sich gerade in den Sommermonaten die Menschen mehr draußen aufhielten. „Der Druck auf die Landwirtschaft wird immer größer. Für den Landwirt steht stets der Tierschutz im Vordergrund.“ Vielfach werde die Freilandhaltung von Schweinen gefordert. „Die Geruchsimmissionen werden dadurch bedingt zukünftig steigen“, ist Johannes Eickhoff sicher.

Kommentar

Haltern ist (noch) durch Landwirtschaft geprägt. Aber das Leben und Arbeiten auf den Höfen wird zunehmend schwerer. Das geht nicht nur Bauer Tappe mit seinem Betrieb am Ortsrand von Haltern-Mitte und damit angrenzend an Wohnbebauung so. Mit Beschwerden über den Geruch aus den Tierställen setzen sich auch andere heimische Betriebe auseinander. Was ist zumutbar und was nicht? Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Nordrhein-Westfalen von 2015 müssen Menschen auf dem Land unangenehme Landluft aushalten. Allerdings gibt es eine Geruchsimmissions-Richtlinie sowie einen Tierhaltungserlass, der unter anderem für große Schweineställe den Einbau von Abluftreinigungsanlagen zur Minderung von Staub, Gerüchen und Ammoniak vorsieht. Der Konflikt ist damit nicht gelöst, denn es stinkt immer noch. Filtertechnik, die Gerüche neutralisiert, ist komplex, anfällig und nicht für jeden Betrieb wirtschaftlich darstellbar. Und für alte Ställe gelten die hohen Auflagen nicht. Beide Seiten haben berechtigte Anliegen. Was bleibt? Die Nase rümpfen, wenn es wieder dicke aus der Luft kommt. Oder – trotz allem - versuchen, Verständnis füreinander zu finden im Sinne einer duften Nachbarschaft.
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