Armut in Haltern: Wenn Familien aus Geldnot nicht verreisen können

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Ferienzeit ist Urlaubszeit – aber nicht für alle. Für viele Familien sind eine Reise oder ein Ausflug aus Geldnot unvorstellbar. Die Scham ist groß, aber Halterner Vereine helfen diskret.

Haltern

, 16.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Manche Kinder haben nach den Sommerferien nicht viel zu erzählen. Sie schweigen und schämen sich teilweise in der Schule, weil sie die Grenzen der Stadt nicht verlassen haben.

Ganz im Gegensatz zu den meisten ihrer Mitschüler, die über ihre Ferienerlebnisse aus unterschiedlichen Ländern berichten und vor Glück sprudeln. Diese Beobachtung machen viele Lehrer in Haltern, sagt Beate Mertmann, Vorsitzende der Bürgerstiftung Haltern.

Erlebnistag mit der Bürgerstiftung

Um Kindern aus finanziell schwächeren Familien auch besondere Erfahrungen in den Ferien zu schenken, hat die Halterner Bürgerstiftung einen Erlebnistag eingeführt. Dabei werden beispielsweise Ausflüge zum Wuppertaler Zoo unternommen, wo Kinder den Elefanten beim Baden zusehen können.

Zwischen 50 und 60 Kinder nehmen seit 2016 jedes Jahr an dem Angebot teil, so Beate Mertmann. Sie alle eint, dass sie in Haltern wohnen, ihre Eltern wenig Geld verdienen oder Sozialleistungen wie Hartz IV beziehen. Das Geld für die Freizeiten kommt aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Eltern und Kinder sind dankbar für die Hilfe

Mertmann betont, dass weder die geförderten Eltern noch deren Kinder eine Anspruchshaltung à la „haben, haben, haben“ an den Tag legen, sondern dankbar für die Hilfe sind. Sie wünscht sich, dass in Zukunft mehr Kinder an den Ausflügen teilnehmen, aber sie vermutet, dass das Schamgefühl viele davon abhält.

Diesen Eindruck teilt Patrick Dülge. Er ist der Vorsitzende von Holytainment. Ein katholisches Ferienwerk in Haltern, dass seit 1999 Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche anbietet.

Dieses Jahr fahren die Teilnehmer unter anderem nach Italien und in die Niederlande. Das Angebot richtet sich an alle Kinder, unabhängig davon, wo sie herkommen, welcher Religion sie angehören und wie viel ihre Eltern verdienen.

Für einige ist es die erste Reise ihres Lebens

Während der Freizeit seien die sozialen Unterschiede zwischen den Kindern nicht zu erkennen, aber der Schein trügt. Hier treffen unterschiedliche Gesellschaftsschichten aufeinander.

Während einige bereits mehrmals im Urlaub waren, ist es für andere die erste Reise ihres Lebens, weil es die finanzielle Situation ihrer Eltern nicht erlaubt.

Eine 14-tägiges Kinderlager nach Winterswijk kostet 359 Euro. Ein vergleichsweise niedriger Preis, wenn man es mit den Angeboten anderer Reiseveranstalter vergleicht. Aber für manche ist auch dieser Betrag zu hoch.

Jedes siebte Deutsche ist zu arm für einen Urlaub

Für einkommensschwache Familien, die Arbeitslosengeld II oder Leistungen nach dem Asylbewerleistungsgesetz beziehen, werden Fördermittel der Stadt Haltern beantragt und Sponsorengelder angezapft.

Für zehn der etwa 300 Kinder war das notwendig, so Dülge und ergänzt: „An Geld scheitert die Teilnahme an der Ferienfreizeit nicht. Das Angebot gilt für alle. Darauf weisen wir immer hin.“ In den letzten Jahren habe der Bedarf zugenomen.

Nicht alle haben jedoch das Glück an einer Ferienfreizeit wie dieser teilnehmen zu können. In Deutschland war 2018 rund jeder siebte Bundesbürger zu arm für einen Urlaub, also etwa 14,5 Prozent, wie aus Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervorgeht.

Die Lage in Deutschland verbessert sich

Der Anteil ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist: 2013 waren es noch 22,4 Prozent, also mehr als jeder Fünfte. Zudem liegt Deutschland deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von geschätzten 27,2 Prozent.

Zu den gut 12 Millionen Deutschen, die sich aktuell aus Geldmangel keine Urlaubsreise leisten können, gehören vor allem Hartz-IV-Bezieher, Geringverdiener und Alleinerziehende.

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