Aus für „Streunerkatzen-Projekt“: Halterner Tierschützer schlagen Alarm

rnTierschutz Haltern

Das „Streunerkatzen-Projekt Haltern am See“ ist beendet worden. Den ehrenamtlichen Helfern ging das Geld aus. Damit entsteht eine Lücke in der Versorgung herrenloser und verwildeter Katzen.

Haltern

, 02.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es hagelte zahlreiche Kommentare von Katzenfreunden, als die Halternerin Tina Franzgrote jetzt im Sozialen Netzwerk postete. Ihr privat organisiertes „Streunerkatzen-Projekt Haltern am See“ werde seine Arbeit bis auf Weiteres einstellen, hieß es auf ihrer Facebook-Seite. Seit der Gründung vor mehr als vier Jahren scheitere es nun an finanziellen Engpässen. „Uns geht das Geld aus“, schrieb Franzgrote. Die bisher versorgten Streuner würden zwar weiterhin täglich betreut. Ortsbegehungen und Aktionen, bei denen herrenlose Katzen mit Lebendfallen eingefangen und dann kastriert werden, um die Population der herrenlosen Katzen zumindest einigermaßen in den Griff zu bekommen, seien aber ab sofort nicht mehr möglich. „Ich habe in diesem Jahr bereits etliche Katzen gefangen und kastrieren lassen. Das alles kostet Geld. So schnell kann ich die dafür benötigten Spenden gar nicht zusammensammeln“, erklärte Tina Franzgrote jetzt gegenüber der Halterner Zeitung. Tina Franzgrote betrieb das Projekt ehrenamtlich neben ihrem Vollzeitjob.

„Das darf nicht passieren“

Die Reaktionen auf die Nachricht über das Aus für das Streunerkatzenprojekt ließen nicht lange auf sich warten: „Liebe Leute, das darf nicht passieren, wir brauchen alle Tina und ihre Crew hier in Haltern am See, niemand kümmert sich sonst so voller Einsatz für die ganzen armen Seelen. Bitte, bitte spendet fleißig“, kommentierte beispielsweise Userin Heike Hopp.

Tina Franzgrote ist überwältigt: „Ich bin absolut überrascht über die Wellen, die die Verkündung meiner Zwangspause in den Sozialen Netzwerken geschlagen hat“, schreibt sie. „Mein Postfach ist in den letzten Tagen übergelaufen.“

„Das ist eine Vollkatastrophe“

In großer Sorge sind auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Katzengnadenhofs in Lippramsdorf. „Das Ende des Streunerkatzen-Projekts ist eine Vollkatastrophe“, sagt Schriftführerin Jacqueline Kaminski. Der Katzengnadenhof wird vom Verein Tierhilfe Marl/Haltern betrieben. Seit 30 Jahren werden herrenlose Katzen in einem 350 Quadratmeter großen ehemaligen Schweinestall untergebracht. Zurzeit sind es rund 70 Kater und Katzen. Das Haus ist voll. „Wir haben momentan einen Aufnahmestopp“, erklärt Kaminski.

Ansturm auf den Gandenhof befürchtet

Denn ausschließlich ein Zufluchtsort für alte und kranke Katzen ist der Gnadenhof schon lange nicht mehr. Kaminski: „Wir werden vermehrt auch mit jungen Tieren und Katzenkindern konfrontiert, die in Haltern gefunden werden. Auch trächtige Tiere sind dabei.“ Gerade in der Ferienzeit würden zudem vermehrt Katzen ausgesetzt. „Wir sind oft Anlaufstelle für hilfesuchende Katzenfreunde“, betont Jacqueline Kaminski. Mit dem Aus für das Streunerkatzenprojekt befürchten die Mitglieder der Aktiven Tierhilfe nun einen Ansturm auf den Gnadenhof. Trotz Aufnahmestopp.

Aus für „Streunerkatzen-Projekt“: Halterner Tierschützer schlagen Alarm

Die Mitglieder der Aktiven Tierhilfe Marl/Haltern: Martha Reichel (vorne links), Silvia Berger-Bergedick (vorne rechts) sowie (hinten, v.l.) Christa Radtke, Irina Oberpichler, Jacqueline Kaminski und Tina Franzgrote. © privat

Dabei ist auch die Zahl der frei werdenden Plätze in der Lippramsdorfer Tierschutz-Einrichtung sehr begrenzt. Nicht alle sind vermittelbar. „Manche Tiere sind alt, krank oder leben seit Jahren hier. Sie dürfen hier ihren Lebensabend verbringen“, sagt Kassiererin Silvia Berger-Bergedick. Lediglich rund 30 Katzen könnten an Privatleute abgegeben werden.

Katzenstreunerprojekt half jährlich rund 100 Tieren

Aus finanziellen und personellen Gründen könnten die etwa 15 ehrenamtlichen Gnadenhof-Mitarbeiter aber auf keinen Fall die Arbeit des Streunerkatzenprojekts übernehmen, in dessen Rahmen nach Angaben von Jacqueline Kaminski und Silvia Berger-Bergedick pro Jahr rund 100 Katzen eingefangen, kastriert und nach Möglichkeit weitervermittelt werden. Rund 30.000 Euro hätten im vergangenen Jahr allein für die medizinische Versorgung der Katzen im Gnadenhof aufgebracht werden müssen, erklärt Berger-Bergedick. Die Aktive Tierhilfe finanziere sich insbesondere aus den Beiträgen der 140 Vereinsmitglieder und aus Spenden. Rund 100 Paten zählt der Verein. Beim Nikolaus- und Büchermarkt sowie beim Heimatfest sind die Katzenliebhaber zudem mit einem kleinen Info- und Verkaufsstand vertreten.

AKTIVE TIERHILFE MARL/HALTERN

EHRENAMTLICHE HELFER DRINGEND GESUCHT

Die Aktive Tierhilfe Marl/Haltern sucht dringend ehrenamtliche Helfer für die Reinigung von Katzenräumen und -körben etc., für die Pflege der Außenanlagen und für handwerkliche Aufgaben. Interessierte können sich im Katzengnadenhof unter der Telefonnummer 02360 - 10038 oder per E-Mail an katzengnadenhof@web.de melden.

Mitglieder der Aktiven Tierhilfe, Streunerkatzen-Projektgründerin Tina Franzgrote und weitere aktive Tierschützer haben inzwischen den Arbeitskreis „Katzenschutz Haltern“ gegründet. „Wir brauchen dringend eine Notfallstation für Katzen“, meinen Kaminski und Berger-Bergedick. Die Flut an gefundenen Katzen sei für die Tierschützerinnen langfristig nicht mehr allein zu stemmen. „Es kann nicht sein, dass eine Handvoll Ehrenamtlicher sich um die Katzenproblematik einer 40.000-Einwohnerstadt kümmert. Und das ohne jegliche Hilfe aus öffentlicher Hand“, kritisiert Martha Reichel, Gründungsmitglied der Aktiven Tierhilfe. „Irgendwann sind auch unsere räumlichen und finanziellen Kapazitäten ausgeschöpft.“

Stadt Haltern sieht keine Möglichkeit für finanzielle Unterstützung

Die Stadt Haltern zeigt zwar Bereitschaft zum Gespräch mit den Katzenfreunden. „Finanzielle oder personelle Hilfen allerdings sind angesichts des Stärkungspakts nicht möglich“, erklärte Sprecher Georg Bockey. Die Unterstützung derartiger Projekte sei eine freiwillige Aufgabe von Städten. Der Stärkungspakt gebe den Kommunen aber vor, nur Pflichtaufgaben zu erfüllen. Auch eine Registrierungs-, Kennzeichnungs- und Kastrationspflicht für Katzen sei nicht in Planung. Eine solche Pflicht sei auch bereits 2010 vom Rat der Stadt abgelehnt worden. Ordnungsamtsleiter Helmut Lampe stellte aber auch klar: Rein rechtlich sei die Stadt nur befugt, Rechtsverordnungen zur Gefahrenabwehr zu erlassen. Von den Katzen gehe aber keine „abstrakte Gefahr beispielsweise durch Seuchen oder Krankheiten, die auf den Menschen übertragen werden könnten, aus“. In puncto Tierschutz aber sei allein der Kreis in der Pflicht. Und der sieht keinen Anlass für entsprechende Erlasse.

Kommentar

Kastrationspflicht für frei laufende Katzen muss her

Tierheime stehen einer rasant wachsenden Zahl an Katzen gegenüber, die ausgesetzt oder bei ihnen abgegeben werden. Die Einrichtungen platzen aus allen Nähten, oft herrscht ein Aufnahmestopp. Dabei ist das Leid der herrenlosen und zum Teil verwilderten Tiere unsäglich. Ohne Zufütterung verhungern sie. Zudem sind „wilde“ Katzen oft krank und verenden elendig. Und sie vermehren sich explosionsartig. Der Deutsche Tierschutzbund rechnet vor: Ausgehend von einem Katzenpaar, das pro Jahr zweimal Nachwuchs bekommt und je drei Junge pro Wurf durchbringt, ergibt sich einschließlich des Nachwuchses, der sich ebenfalls vermehrt, nach zehn Jahren eine Population von mehr als 240 Millionen Katzen. Zu dieser Vermehrung tragen Hauskatzen, die frei herumlaufen, entscheidend bei. Mehr als 200 Städte und Gemeinden in NRW haben diese Problematik erkannt und eine Kastrationspflicht für frei laufende Katzen angeordnet. Katzenhalter müssen ihre Tiere zudem mit einem Mikrochip kennzeichnen und registrieren. Für den Fall, dass sie in einer Lebendfalle landen, ist das ihr sicheres Rückfahrticket nach Hause. Das wiederum entlastet die Tierheime. Kommunen mit Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungsverordnungen für Katzen übernehmen Verantwortung. Und sie erkennen, dass die Katzenflut auf keinem anderen Weg in den Griff zu bekommen ist. Da hilft das Argument „Wer soll es denn kontrollieren?“ nur wenig. Das Problem muss angegangen werden. Aber auch vermeintliche Tierschützer, die herrenlose Katzen füttern, stehen in der Pflicht. Sie müssen auch für die Kastration der Katzen und Kater sorgen. Es gibt Tierärzte, die dieses Engagement mit günstigen Konditionen belohnen.
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