Auszubildende in der LWL-Klinik Marl-Sinsen sprechen über ihren Arbeitsalltag

Im Interview

Anna Eckmann und Nicolai Risch arbeiten im LWL-Wohnverbund Marl-Sinsen. Wie ihr beruflicher Alltag aussieht und wo die Herausforderungen liegen, erklären die beiden im Interview.

Haltern

21.01.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Team im LWL-Wohnverbund Marl-Sinsen (v.l.): Hannes Leopold, Stefan Rütsch, Regina Bücking, Nicolai Risch, Anna Eckmann und Heiko Hötting.

Das Team im LWL-Wohnverbund Marl-Sinsen (v.l.): Hannes Leopold, Stefan Rütsch, Regina Bücking, Nicolai Risch, Anna Eckmann und Heiko Hötting. © LWL-Klinik Marl-Sinsen

Eigentlich wollte Anna Eckmann Psychologie studieren, aber dann kam alles ganz anders. Aktuell absolviert die 26-Jährige ein duales Studium im Bereich Soziale Arbeit, in Kooperation mit der Internationalen Universität Bad Honnef (IUBH) und dem Marler Wohnverbund des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Über ihre Erfahrungen spricht sie gemeinsam mit Nicolai Risch, der seine Ausbildung berufsbegleitend an der Fachschule für Heilerziehungspfleger am Richard-Von-Weizsäcker-Berufskolleg in Lüdinghausen durchläuft.

Frau Eckmann, warum haben Sie sich für das Duale Studium und den LWL-Wohnverbund entschieden?

Anna Eckmann: Nach zwei Semestern Psychologiestudium habe ich gemerkt, dass mir diese Form des Lernens zu praxisfern war. Ich interessiere mich zwar für psychologische Themen, aber ich brauche auch eine praktische Komponente.

Deshalb habe ich mich nach Alternativen umgesehen. Mit einem Dualen Studium im Bereich Soziale Arbeit kann ich mein Interesse an psychologischen und sozialen Themen perfekt mit der Praxis verknüpfen. Durch Freunde bin ich auf den Marler LWL-Wohnverbund aufmerksam geworden und auch die Uni hat ihn als Arbeitgeber empfohlen.

Und auf welchem Weg sind Sie zum LWL-Wohnverbund gekommen Herr Risch?

Nicolai Risch: Ich habe nach meinem Fachabitur ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Förderschule gemacht. Da ist mir schnell klar geworden, dass ich gerne mit Menschen zusammenarbeite, die einen Hilfebedarf haben. Jetzt mache ich hier eine berufsbegleitende Ausbildung zum Heilerziehungspfleger.

Und wie war der erste Tag in der „Praxis“?

Anna Eckmann: Das war total spannend. Ich habe erst einmal realisiert, wie viele unterschiedliche Bereiche sich hier unter einem Dach verbergen. Es gibt Gruppen für Erwachsene mit Hilfebedarf und solche für Kinder mit geistigen Behinderungen, eine Kurzzeitwohngruppe, ein Suchtwohnheim für Bewohner mit einer chronischen Suchterkrankung und das Ambulant Betreute Wohnen. Das sind viele Möglichkeiten, um Erfahrungen zu sammeln.

Und als es dann in den Kontakt mit den Bewohnern ging, hatten Sie da Hemmungen?

Anna Eckmann: Nein, im normalen Kontakt eigentlich gar nicht. Außerdem war ich ja nie alleine, sondern hatte immer erfahrene Kollegen an meiner Seite. Mit der Zeit habe ich allerdings gemerkt, dass die Bewohner alle sehr unterschiedlich sind. Und auch, wenn sie nicht immer über die Möglichkeit verfügen, sich verbal mitzuteilen, merke ich mittlerweile genau, wie der Gemütszustand eines Bewohners oder einer Bewohnerin gerade ist. Das gibt mir zusätzlich Sicherheit.

Nicolai Risch: Also, ich war anfangs schon aufgeregt. Aber das hat sich schnell gelegt, als ich gemerkt habe, wie positiv die Kinder in der Kinderkurzzeitwohngruppe auf mich reagieren.

Was sind denn Ihre Hauptaufgaben?

Anna Eckmann: Ich begleite die Bewohner in ihrem Alltag. Das heißt, ich gehe mit ihnen einkaufen und gestalte mit ihnen den Nachmittag. Dazu kann ein Spaziergang zu unserem Tiergehege oder eine Stadtfahrt gehören. Außerdem helfe ich ihnen beim Essen und kümmere mich auch um ihre Pflege, wenn es nötig ist.

Nicolai Risch: So ähnlich ist es auch bei mir, ich spiele mit den jüngeren Bewohnern, wir gehen gemeinsam spazieren oder fahren ins Schwimmbad.

Zur Pflege gehört ja manchmal auch, einem Erwachsenen die Windeln zu wechseln. War das ein Problem für Sie?

Anna Eickmann: Ganz ehrlich, am Anfang hatte ich schon Bedenken. Aber meine Kollegen haben mir viel Zeit gegeben, mich zuschauen lassen, und erst dann, als ich mich richtig sicher gefühlt habe, bin ich selbst aktiv geworden. Und jetzt macht es mir nichts mehr aus. Es gehört einfach dazu, damit sich unsere Bewohner wohlfühlen, und darum geht es mir ja auch.

Was empfinden Sie als besondere Herausforderung in Ihrem Berufsalltag?

Anna Eickmann: Das sind Situationen, in denen jemand aggressiv gegen sich oder andere wird. Aber wir arbeiten ja immer in einem Team und deshalb stehen mir immer Kollegen zur Seite, wenn ich Hilfe brauche.

Nicolai Risch: Ich finde es eher herausfordernd, dass die Gruppenzusammensetzung sich immer wieder ändert, weil ich auf einer Kurzzeitpflegestation arbeite. Das bedeutet für mich, dass ich mich immer wieder auf neue Menschen mit anderen Herausforderungen einstellen muss.

Anna Eickmann: Eine gute Hilfe sind die regelmäßigen Feedbackrunden, die wir bei der Übergabe durchführen. So kann ich meine Erlebnisse sofort mit den anderen Kollegen besprechen und auch mein Verhalten reflektieren.

Für größere Probleme gibt es im Haus mit unseren Praxisanleitenden Regina Bücker und Heiko Hötting, der Jugend- und Ausbildungsvertretung mit ihrem Vorsitzenden Hannes Leopold oder dem Kollegiale-Hilfe-Team auch stets Ansprechpartner für mich. Das macht mich sicherer und bewahrt mich davor, negative Gedanken oder Sorgen mit nach Hause zu nehmen.

Nicolai Risch: Genauso geht es mir auch. Ich nehme nichts mit nach Hause und kann Beruf und Privatleben sehr gut voneinander trennen.

Eine wichtige Frage zum Schluss: Warum machen Sie diese Arbeit, was trägt Sie?

Anna Eickmann: An erster Stelle stehen für mich die Menschen, mit denen ich arbeite. Mittlerweile kommen mir Bewohner entgegen, wenn ich auf die Station komme, und ich sehe ihre Freude.

Ich weiß noch genau, als mich der erste Bewohner mit meinem Namen angesprochen und begrüßt hat. Das war ein schönes Gefühl! Außerdem kann ich Sachen, die ich in der Uni lerne, zum Beispiel über Methoden der Konfliktbewältigung, direkt in die Praxis umsetzen, und dieser direkte Bezug erleichtert mir nicht nur den Berufsalltag, sondern auch das Lernen.

Nicolai Risch: Ich habe sehr genau gespürt, wann ich von einem Gast zu einer Bezugsperson für unsere Bewohner geworden bin. Zum Beispiel, als ich zum ersten Mal das Essen anreichen oder beim Anziehen helfen durfte. Das sind so kleine Situationen im Alltag, wo du merkst, dass jemand anfängt, dir zu vertrauen. Und dieses Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen und den Effekt auch sofort zu merken, das ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Der LWL-Wohnverbund Marl-Sinsen betreut an seinen Standorten in Marl, Haltern, Herten und Dorsten mehr als 200 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und Hilfebedarfen. In Haltern ist er mit einer Außenwohngruppe in Sythen, Eschweg 4, mit sechs Plätzen und einer weiteren Wohngruppe auf der Recklinghäuser Str. 88, mit neun Plätzen vertreten. www.lwl-wohnverbund-marl-sinsen.de
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