Greta und Molly sind Urban Explorer - sie erkunden verlorene Orte wie die Schachtanlage Auguste Victoria 8 in Lippramsdorf. © Privat
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AV 8 in Haltern: Was Urban Explorer wie Greta und Molly an diesem Ort reizt

„Lost Placer“ oder „Urban Explorer“ gehen zu Orten, die andere verlassen haben. Greta und Molly waren schon mehrmals auf dem Zechengelände Auguste Victoria 8. Ist es der Reiz des Verbotenen?

Die Szene der Lost Placer oder Urban Explorer ist häufig auf dem ehemaligen Bergwerk AV 8 in Haltern-Lippramsdorf unterwegs, manchmal holt sie die Polizei wieder herunter. So wie die fünf jungen Niederländer, die oben im Schachtturm turnten, oder drei Deutsche aus Meinerzhagen. Überall im Zaun sind Löcher, es ist nicht schwierig, auf die Suche nach der morbiden Schönheit eines aufgegebenen Berufszweigs zu gehen. Aber es ist nicht legal, es ist Hausfriedensbruch.

Verlassene Orte üben auf Greta und Molly eine besondere Anziehungskraft aus. Sie nennen sich Urban Explorer und als diese waren sie schon mehrmals auf dem Lippramsdorfer Zechengelände. Manchmal gehen sie auch einfach nur in der landschaftlich reizvollen Lippeaue mit Blick auf AV 8 spazieren. Greta und Molly haben einen Blick für schöne Bilder.

Wer ist zuerst am schönsten verlorenen Ort?

In dieser Geschichte tragen sie nicht ihre vollen Namen. Auch in der Szene sind sie nur unter ihrem Pseudonym bekannt. „Das Konkurrenzdenken in der Community ist leider groß“, sagt Molly (40). Dabei geht es darum: Wer hat zuerst bei der Recherche den schönsten verlorenen Ort entdeckt, wer war zuerst auf eigene Faust dort, wer hat zuerst die besten Videos gedreht oder Fotos gemacht. Molly und seine Frau fotografieren vor allem, sie drehen aber auch Videos. 15.000 Follower auf YouTube haben sie und einen guten Namen bei den Urban Explorern.

Ein Blick von Transportbändern auf den prägnanten Schachtturm.
Ein Blick von Transportbändern auf den prägnanten Schachtturm. © Greta-und-Molly © Greta-und-Molly

Das Hobby begleitet Molly fast schon ein Leben lang, wie er erzählt. Als Jugendlicher entdeckte er den Spaß daran, alte Geschichte zu erleben und zu dokumentieren. „Das Gefühl für einen besonderen Ort bekommt man erst, wenn man selbst dort gewesen ist“, findet er.

Zehn Jahre haben Greta und Molly in Berlin gelebt, dort haben sie unter anderem Filme über Hinterlassenschaften der alten DDR gedreht. Sie waren aber auch in Frankreich, Polen, Belgien oder Luxemburg beispielsweise, haben alte Bunker, Industrieanlagen und verfallene Häuser aufgespürt. Dass sie immer wieder von ihrem jetzigen Wohnort Gelsenkirchen nach Lippramsdorf kommen, liegt auch daran, dass der Vater ein überzeugter Bergmann war.

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Ein Blick auf den verlorenen Ort AV 8

Lost Places finden sie durch vielfältige Recherche – das Zechensterben zum Beispiel war in den vergangenen Jahrzehnten allgegenwärtig. Da liege ein Ziel nah. Greta und Molly gehen nur dort hinein, wo Türen oder Fenster offenstehen.

„Wir hinterlassen nichts außer unsere Fußspuren“

„Es gehört zum Kodex der Urban Explorer, nichts zu demolieren, nichts zu stehlen, nichts zu verändern. Wir hinterlassen nichts außer unseren Fußspuren.“ Besuche können aber auch anders aussehen. Randalierer, beutesuchende Einbrecher oder Graffiti-Sprayer hätten AV 8 ganz schön verändert. Im März 2020 sei alles noch ordentlich gewesen, inzwischen nicht mehr. „Es ist viel kaputt gemacht worden von denen, die die Bergmannstradition nicht wertschätzen“, bedauert Molly.

Unser Ansporn ist, anderen Leuten, die sich selbst nicht trauen, verlorene Orte zu zeigen.

Greta und Molly

Natürlich weiß das Ehepaar, dass der Zutritt zu den meisten Objekten verboten ist. Dass Greta und Molly in friedlicher Absicht kommen, haben sie schon manchem Security-Dienst erklären müssen. Diese Erklärung war meistens ihr Freibrief. Ärger mit der Polizei hatten sie noch nie. „Wir sind aber auch sehr, sehr vorsichtig und übertreiben nie.“ Aber letztlich siege immer die Neugier, dabei gehe man auch schon mal bei einem Streifzug ein Risiko ein. Mehr als kleine Blessuren trugen sie aber bislang nicht davon.

Greta und Molly machen das nicht für Geld. „Unser Ansporn ist nicht, unser Hobby kommerziell auszuschlachten. Unser Ansporn ist, anderen Leuten, die sich selbst nicht trauen, verlorene Orte zu zeigen“, formuliert Molly den Entdeckergeist. „Das lässt uns einfach nicht mehr los. Da sind wir beide von einem Schlag.“

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Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief