Betreutes Wohnen Sythen: Politik wirft Stadt Alleingang bei Bauprojekt vor

rn„Desaster für Wohnqualität“

Das Bauprojekt Betreutes Wohnen in Sythen schlägt immer höhere Wellen. Nach den Anwohnern stößt die Stadt nun auf den Widerstand der Politik. Die meisten Fraktionen finden deutliche Worte.

Sythen, Haltern

, 13.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der mutmaßliche Alleingang der Verwaltung bei der weiteren Entwicklung des Bauprojekts Betreutes Wohnen in Sythen hat ein zweites Nachspiel. Nachdem die Anwohner im Baugebiet Elterbreischlag bereits ihren Unmut und ihre Enttäuschung über die 52-Meter-„Großstadtfassade“, die zwischen Dietrich-Bonhoeffer-Weg und Eltritt im Zuge des Bauprojekts Betreutes Wohnen in Sythen entstand, geäußert haben, reagiert nun auch die Politik. Offenbar blieb sie bei der Entscheidung über eine Änderung des Bauvorhabens außen vor. Wie bereits berichtet, hatte die Stadt einen Nachtragsantrag des Berliner Immobilien-Giganten der TSC Real Estate Germany vom Juni 2019 nur wenige Monate später - im September - genehmigt.

Zur Vorgeschichte: Die fünf Einzelhäuser für das Betreute Wohnen mit insgesamt 35 Wohnungen sollten ursprünglich durch komplett verglaste Treppenhäuser miteinander verbunden werden. Mit dem Nachtragsantrag wurde diese insgesamt auflockernde Gestaltung aufgegeben und durch komplett gemauerte Treppenhäuser ersetzt. So entstand eine 52 Meter lange Häuserfront - hineingebaut in ein Wohngebiet, das überwiegend mit Einfamilienhäusern bestückt ist.

Interfraktionelle Runde tagt am Montag

Für kommenden Montag lädt die Verwaltung nun zur Interfraktionellen Runde ins Rathaus ein. Darauf (oder auch auf eine Sondersitzung des Bauausschusses oder des Stadtentwicklungsausschusses) hatte die FDP-Fraktion nach der Berichterstattung in der Halterner Zeitung vergangene Woche gepocht. „Ich verstehe nicht, warum die Stadt die Politik nicht in die Entscheidung über diese geplanten Änderungen einbezogen hat“, erklärt Kai Surholt.

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Der FDP-Fraktionsvorsitzende spricht von einem „Trauerspiel für Sythen“. Zum von der Verwaltung „durchgedrückten“ geänderten Bauvorhaben sagt er: „So etwas gehört sich nicht.“ Die Stadt müsse sich nun erklären. Kai Surholt kennt nach eigenen Angaben viele Menschen in dem Baugebiet. „Sie sind alle maßlos enttäuscht“, betont er. „Und ich kann das gut verstehen.“

„Nachtragsantrag war der Fraktion nicht bekannt“

Auch die Fraktion der Grünen hat sich an den Bürgermeister gewandt. Der Nachtragsantrag der Real Estate sei der Fraktion nicht bekannt, betont Geschäftsführerin Maaike Thomas. Die ursprünglich eingereichten Baupläne für das Betreute-Wohnen-Projekt hätten „einen komplett anderen Eindruck“ vermittelt. „Eine derart massive Bebauung war gar nicht zu erwarten“, stellt Thomas fest. Die Entwurfsplanung sah Stadtvillen, viel Grün und eine offene Gestaltung vor. Thomas: „Jetzt fühlen sich die Anwohner hintergangen.“ Die Grünen fordern eine gründliche Aufklärung durch die Verwaltung.

„Nächster Skandal - offenbar mit Genehmigung vom Bürgermeister“

Besonders deutliche Worte findet Beate Pliete. „Die Geschichte des Seniorenheimes und des Betreuten Wohnens in Sythen ist alles andere als rühmlich“, erklärt die SPD-Fraktionsvorsitzende in einer Mitteilung. Nach „jahrelangen Verzögerungen auf den Baustellen, schlechter Betreuung im Seniorenheim mit Heimaufsicht und Belegungsstopp“ komme nun der nächste Skandal und dies „offenbar mit Genehmigung vom Bürgermeister“ auf die Sythener Bevölkerung zu.

Andernorts entstehen Hochhäuser mit Glasfassaden

Den Fraktionen seien im Laufe des Genehmigungsverfahrens in den Jahren 2016 und 2017 „fünf Häuser mit verglasten Laubengängen“ präsentiert worden. Die Realität sehe nun aber völlig anders aus. Die mehr als 50 Meter lange Häuserfront sei in einem „Kasernenstil“ erbaut worden. Die Sozialdemokratin fragt: „Verglaste Laubengänge, die angeblich aus brandschutztechnischen Gründen nicht möglich seien. Wer soll das glauben? Ganze Hochhäuser werden heute mit Glasfassaden versehen.“ Anscheinend wolle der Investor nicht zu viel Geld in die Hand nehmen - „Beton ist eben preiswerter“.

Betreutes Wohnen Sythen: Politik wirft Stadt Alleingang bei Bauprojekt vor

Von wegen Verglasung: Der blickdichte Lückenschluss zwischen den Häusern ist vollzogen. © Silvia Wiethoff

Die politischen Vertreter seien davon ausgegangen, dass die ursprünglich vorgestellten Pläne auch tatsächlich realisiert werden, „weil es bis heute keinerlei anderweitige Informationen gegeben hat“, betont Beate Pliete. Bürgermeister Bodo Klimpel wirft sie daher vor, intransparent gehandelt zu haben. Er habe die Bürger und die Politik nicht beteiligt. „Das Ergebnis ist ein Desaster für die Wohnqualität in Sythen.“

Stadt will „lückenlos aufklären“

Die CDU-Fraktion möchte sich aktuell nicht zum Fall äußern und beruft sich auf ihre Fraktionssitzung am Montag, in der man alles erörtern wolle. Das erklärte der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Hendrik Griesbach.

Auch die Stadt Haltern sah sich bislang nicht in der Lage, nähere Auskünfte in dieser Sache zu erteilen. Sprecher Georg Bockey meinte, derzeit sei die Verwaltung damit beschäftigt, die Angelegenheit lückenlos aufzuarbeiten.

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