Betrug aus "innerer Leere" begangen

Wegen Borderline-Persönlichkeitsstörung

Eine 25-jährige Halternerin leidet unter einer Borderline-Störung. Sie hat deswegen den Drang, ihre "innere Leere" mit Gaunereien zu bekämpfen. Das Schöffengericht Marl beleuchtete am Freitag in der Hauptverhandlung gegen die junge Frau das Krankheitsbild. Und ließ sie mit einer milden Strafe davonkommen.

Haltern

, 03.06.2017, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Betrug aus "innerer Leere" begangen

Viele Borderline-Patienten ritzen sich. Therapien können helfen.

„Das ist doch wohl ein Witz“, empörte sich am Freitag ein Betrugsopfer in der Sitzung des Schöffengerichtes Marl über das vom Staatsanwalt geforderte Strafmaß für eine 25-jährige Halternerin. Sie soll wegen einer Borderline-Störung vermindert schuldfähig sein – vier Monate auf Bewährung hielt der Anklagevertreter deshalb für ausreichend und angemessen.

Wegen seines Zwischenrufes kassierte der Zeuge einen scharfen Verweis von Richterin Britta Jungclaus, die ihm den Rauswurf aus dem Gerichtssaal androhte, sollte er sich nicht zusammenreißen. Das wirkte.

In Tränen aufgelöst

Ganz bescheiden, zum Teil in Tränen aufgelöst, trat dagegen die junge alleinerziehende Mutter zweier zwei und fünf Jahre alter Kinder als Angeklagte auf. „Es stimmt, was mir vorgeworfen wird. Ich habe den Herrn betrogen“, sagte sie nach Verlesung der Anklageschrift. Demnach machte sie dem Halterner im August 2016 weis, sie habe Thermomix-Geräte zu verkaufen. Das Opfer leistete daraufhin eine Anzahlung auf ihr Konto, zahlte später sogar einen Gesamtbetrag von 2550 Euro, um mehrere kostspielige Küchenhelfer von ihr zu kaufen. Die Geräte hatte die Angeklagte aber gar nicht, wie sie am Freitag einräumte: „Immer, wenn ich so eine innere Leere verspüre, begehe ich eine Straftat“, erklärte sie dem Gericht. Das wollte dann Näheres über ihre psychische Erkrankung wissen, die von der Universitätsklinik in Münster Ende Mai schriftlich bescheinigt worden ist. Die junge Mutter leidet unter einer „emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung“, einer sogenannten Borderline-Erkrankung. Bei der 25-Jährigen äußere sich der Drang zur Selbstverletzung in „pathologischem Kaufverhalten“ und der Neigung, sich als wohlhabende, gut situierte junge Frau zu geben.

Einschlägig vorbestraft

Da die Erkrankung erst jetzt diagnostiziert worden sei, so die Bewährungshelferin, könne sich ihre Klientin auch erst jetzt erklären, warum sie schon früher straffällig geworden ist. Um die unheilvolle Serie zu beenden, wolle sie sich in Therapie begeben, sagte die Angeklagte. Nächste Woche solle diese beginnen. Als Grund für ihr phasenweise irrationales Verhalten gab die junge Frau an, von ihrer Mutter nie beachtet worden zu sein, weil sie ein ungewolltes Kind war: „Ich hatte eine schlimme Kindheit.“

Therapieplatz sowie umfassendes Geständnis und die Erkenntnis, dass das Verhalten der Angeklagten zwanghaft ist, führten am Ende zu dem milden Urteil. Allerdings bürdete ihr das Schöffengericht strenge Auflagen auf: drei Jahre Bewährungszeit sowie die Anordnung, die Therapie erfolgreich zu Ende zu bringen. „Halten Sie sich straffrei, auch im Interesse ihrer Kinder“, gab die Richterin der jungen Frau mit auf den Weg.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist durch impulsives, instabiles Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet. Gestört ist auch das Selbstbild der Betroffenen.
Die Borderline-Erkrankten sind unfähig, ihre Gefühle zu kontrollieren. Sie geraten in Spannungszustände, die sie als unerträglich empfinden. Um diesen Zustand zu verändern, entwickeln die Patienten außergewöhnliche Strategien, die in gefährlichen Verhaltensweisen münden können.

Lesen Sie jetzt