Blick in die Vergangenheit der Hirsch-Apotheke

Historisches Gebäude

„Eine der schönsten Fassaden Halterns“, heißt es in der Denkmalliste der Stadt Haltern am See über das Gebäude an der Merschstraße 11. Die Geschichte des denkmalgeschützten Hauses ist eng mit der der traditionsreichen Halterner Hirsch-Apotheke verbunden. Die Chronik zeigt, dass das Haus ein Stück Ortsgeschichte ist.

HALTERN

, 03.08.2017, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

19. Jahrhundert:

Laut Denkmalliste der Stadt Haltern am See wurde das Gebäude in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut. Genau datieren lasse sich das nicht mehr, sagt eine Sprecherin der Stadt. Der heutige Inhaber Klaus Dewies wollte es genauer wissen und hat im Jahr 2002 eine dendrochronologische Altersbestimmung des Dachstuhls in Auftrag gegeben. Dabei werden die Holzbalken anhand der Breite der Jahresringe einem Wachstumsjahr zugeordnet. „Die meisten der Eichenbalken wurden zwischen 1800 und 1810 gefällt und meistens zwei Jahre nach dem Fällen verbaut. Die ältesten Balken stammen von 1787“, sagt Dewies. Somit liege die Vermutung nahe, dass vorher an gleicher Stelle ein Bauwerk stand, dessen Dachbalken wiederverwendet wurden. Eine Apotheke zieht erst viel später in das Haus.

1834

Der königliche preußische Oberpräsident von Westfalen erteilt dem Apotheker Ferdinand Leich am 8. November das Recht, eine Apotheke in Haltern zu betreiben – die Hirsch-Apotheke. Die befand sich damals jedoch noch an der Rekumer Straße. Zu dieser Zeit gibt es in der Stadt mit rund 2000 Einwohnern keine Wasserleitungen und eine offene Kanalisation. Epidemien sind an der Tagesordnung. Die Hirsch-Apotheke bleibt bis 1950 die einzige Apotheke in der Stadt.

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1856

Der Protestant Ferdinand Leich bekommt Probleme mit den vorwiegend katholischen Halternern. Leich ist einer der Gründer und Vorsteher der damals 50-köpfigen evangelischen Gemeinde. Lange wird er von der katholischen Bevölkerung akzeptiert, doch das ändert sich mit dem Tod des ökumenischen Pfarrers. Leich entscheidet sich schließlich, die Apotheke in Haltern aufzugeben. Er verkauft die Konzession an Franz Edmund Bracht. Der ist Katholik und kann die Apotheke ohne Probleme weiterführen. Im selben Jahr kauft Bracht das Gebäude an der Merschstraße 11 und baut das heruntergekommene Haus aufwendig um. Wofür das Gebäude bis dahin genutzt wurde, ist nicht bekannt.

1857

Die Hirsch-Apotheke zieht nach dem Umbau an die Merschstraße. Zu dieser Zeit ist die Apotheke ein Treffpunkt zum Klönen und für den Austausch von Neuigkeiten.

1876

Nach Brachts Tod übernimmt Carl Hohoff die Apotheke und das Haus. Er führt die Apotheke allerdings nicht lange.

1882

Wilhelm Otto Meyer wird der neue Inhaber der Hirsch-Apotheke und des Gebäudes an der Merschstraße.

1919

Gottfried Dewies kauft am 1. Oktober die Apotheke und das Gebäude aus einer Erbstreitigkeit. Er ist der Großvater des heutigen Eigentümers Klaus Dewies. Gottfried Dewies hat große Pläne: Er will das mittlerweile verwohnte Haus von Grund auf renovieren. Ein Ausweichquartier an der Bahnhofstraße steht schon bereit, als der Zweite Weltkrieg seine Pläne durchkreuzt.

Das Gebäude im Jahr 1930 Foto: Archiv Dewies

1945

Das Gebäude übersteht den Zweiten Weltkrieg einigermaßen gut. Der Sohn von Gottfried Dewies, Walter Dewies, übernimmt zusammen mit seiner Frau Johanna, die ebenfalls Apothekerin ist, den aufwendigen Wiederaufbau des Hauses.

1955

Zehn Jahre nach dem Krieg wird die Apotheke offiziell an Walter Dewies übertragen.

1982

Der heutige Eigentümer Klaus Dewies (Foto) übernimmt die Apotheke und das Haus von seinem Vater.

1983

Die Stadt Haltern setzt das Haus an der Merschstraße 11 am 27. Juli auf die Denkmalliste. Grund dafür ist die Schönheit des Gebäudes. „Die Fassade gehört zu den schönsten in Haltern und zeichnet sich durch ihre harmonischen Proportionen aus, die sich an klassischen Vorbildern orientiert. Die Gesamtgestaltung zeigt einen den klassischen Idealen verpflichteten Bau, der in seiner äußeren Gestalt mit einfachen Mitteln einen repräsentativen Anspruch verkörpert“, heißt es in der Beschreibung des Baudenkmals der Stadt. Die Stadt nennt das Gebäude außerdem ein „Dokument der Orts-, Sozial- und regionalen Baugeschichte“.

1994

Die Sparda-Bank zieht mit in das Gebäude, das Klaus Dewies wenig später aufwendig renoviert. Die Fassade bekommt einen neuen Anstrich in apricot, petrol und gold, die Fensterscheiben werden ausgetauscht und die Fassade wird beleuchtet. Auch das Innere der Apotheke bringt Dewies auf den neuesten Stand.

2009

An der angebauten Garage des Gebäudes entsteht ein weiterer Anbau. Die 60 Quadratmeter werden seitdem von Rastam Haj-Hossein genutzt, der dort zunächst einen Gemüseladen und heute einen Imbiss betreibt.

2016

Die Fassade soll im Juni nach einer Renovierung im Dachgeschoss einen neuen Anstrich bekommen. Beim Abflämmen der alten Farbe gerät am 23. Juni der Dachstuhl in Brand. 6000 Liter Löschwasser fließen vom Dach bis in den Keller und richten einen immensen Schaden an.

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Holzbalken werden ausgetauscht, weil sich dort Schimmel gebildet hat, das Dach wird komplett neu gedeckt und die Wohnungen im Ober- und Dachgeschoss werden instand gesetzt.

2017

Ein Jahr nach dem Brand ist die Renovierung im Juli so gut wie abgeschlossen. Nur die Räumlichkeiten der Apotheke fehlen noch. Doch dann sprengen Bankräuber am 13. Juli einen Geldautomaten der Sparda-Bank in dem Gebäude. Bei der Explosion bricht ein Feuer aus und wieder fließt Löschwasser in den Keller. Doch Klaus Dewies gibt nicht auf und stellt sich der Aufgabe.

Bei dem Gebäude an der Merschstraße 11 handelt es sich um ein klassizistisches Bürgerhaus aus der Zeit des Biedermeiers. Besonders außergewöhnlich ist die klare Fassadengliederung. Risalite, also hervorspringende Gebäudeteile, umrahmen die Fenster und grenzen Ober- und Erdgeschoss klar voneinander ab. Der Risalit in der Mitte des Gebäudes ist außerdem mit Pilastern (Wandpfeiler) und einem Tympanon (Schmuckfläche im Giebeldreieck) geschmückt. Die Fassade ist symmetrisch gestaltet. „Der Bau bedient sich stilistischer Mittel, die zumeist dem großbürgerlichen Villenbau seiner Zeit entstammen; er stellt in Haltern ein Unikum dar“, heißt es in der Denkmalliste der Stadt.

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