Busse brachten 130 Flüchtlinge zur Sythener Unterkunft

"Sie sind willkommen!"

130 von mehr als 1800 Flüchtlingen, die im Laufe des Sonntags den Dortmunder Hauptbahnhof erreichten, , haben vorläufig Obdach in Sythen gefunden. Die ersten Busse erreichten gegen Mittag das Camp, am Abend wurden weitere 50 Flüchtlinge aufgenommen. Der Einsatz kam für alle überraschend.

HALTERN

, 06.09.2015, 17:16 Uhr / Lesedauer: 2 min
Busse brachten 130 Flüchtlinge zur Sythener Unterkunft

Verunsichert und mit vielen Fragen stehen die Flüchtlinge vor der Notunterkunft. Gekommen sind vor allem Jugendliche und junge Familien.

Christoph Schlütermann (Vorstand DRK-Kreisverband Coesfeld) steigt zu den erschöpften und zum Teil verängstigten Ankömmlingen in die Busse. Er beruhigt sie nach langer Odyssee auf Englisch: „You are welcome, everything is good!“ („Sie sind willkommen, alles ist gut“). „Salam ma leikum – der Friede sei mit Dir!“ antworten die zumeist jungen Menschen aus Syrien, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind. Unsicher lächelnd, vor allem erleichtert gehen sie zum Eingang der Unterkunft.

13-Jähriger sucht Vater

Einen Monat seien sie unterwegs gewesen, erzählt ein junger Syrer. Geflüchtet in die Türkei, von dort mit einem Boot nach Griechenland, mit Zügen über Budapest, bis sie Dortmund erreichten.

An der Hand hat er Mohamed. Der 13-Jährige sucht seinen Vater Achmed. Der ist vor sechs Monaten nach Deutschland geflohen, die Mutter lebt noch in Syrien. Dass sein Vater in einer ostdeutschen Stadt untergekommen ist, erfährt Mohamed erst, als Christoph Schlütermann einen Handy-Kontakt hergestellt. Der Vater wird seinen Sohn holen.

Ins Krankenhaus

Mit wenig Gepäck, oft nur Badelatschen an den Füßen, kommen die Flüchtlinge in der Landesnotunterkunft an. DRK-Helfer verteilen Wasser und viele gute Worte. Bevor sich die Flüchtlinge ausruhen und essen können, werden sie registriert und medizinisch von zwei Ärzten untersucht. Wer krank ist, wie zwei junge Männer mit Bronchitis und Augenentzündung, wird ins Krankenhaus gebracht.

In der Nacht haben Rot-Kreuz-Helfer im Sythener Supermarkt eingekauft, um am Sonntag eine warme Mahlzeit kochen und die Flüchtlinge mit Getränken versorgen zu können.

Katastropheneinheit alarmiert

„Als uns die Bezirksregierung Samstag eröffnete, wir müssten die Unterkunft unverzüglich für eine Aufnahme herrichten, haben wir die Katastropheneinheit alarmiert“, berichtete gestern Christoph Schlütermann. Erst Samstagmorgen hatte er definitiv erklärt, der Kreisverband Coesfeld übernehme die Versorgung und Betreuung der Flüchtlinge in Sythen. Über zwei Wochen hatte die Bezirksregierung einen Betreiberverband gesucht.

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Ankunft der Flüchtlinge

100 von mehr als 1500 Flüchtlingen, die im Laufe des Sonntags den Dortmunder Hauptbahnhof erreichten, haben vorläufig Obdach in Sythen gefunden.
06.09.2015
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Eine junge syrische Mutter wiegt ihr völlig übermüdetes Kind in den Armen.© Foto Elisabeth Schrief
Mutter und Kind: Froh über die geglückte Flucht, aber fremd in Sythen. Hinter der Erleichterung verbirgt sich auch Unsicherheit und Angst vor der Zukunft.© Foto Elisabeth Schrief
Familiäre Geborgenheit nach langer, beschwerlicher Reise.© Foto Elisabeth Schrief
Mohamed (M.) hat seinen Vater verloren. Christoph Schlütermann findet ihn über eine Handynummer in Tübingen. Der 13-Jährige ist glücklich.© Foto Elisabeth Schrief
Christoph Schlütermann (M., Vorstand DRK-Kreisverband Coesfeld) begrüßt die Flüchtlinge. "Sie sind uns willkommen", sagt er und versucht damit, die Menschen nach ihren fürchterlichen Strapazen zu beruhigen.© Foto Elisabeth Schrief
So sieht ein Schlafsaal für Familien in der Sythener Notunterkunft aus. Für kleine Kinder wurden Bettchen gespendet.© Foto Elisabeth Schrief
Verunsichert und mit vielen Fragen stehen die Flüchtlinge vor der Notunterkunft. Gekommen sind vor allem Jugendliche und junge Familien.© Foto Elisabeth Schrief
Zwei Busse brachten die Flüchtlinge von Dortmund nach Sythen.© Foto Elisabeth Schrief
Bis zu sechs Wochen bleiben die Flüchtlinge in der Erst-Notunterkunft, bevor sie auf die Städte verteilt werden. 15 bis 20 DRK-Helfer kümmern sich im Schichtdienst um die Kinder und Erwachsenen.© Foto Elisabeth Schrief
Die Stadt ist mit eigenen Kräften unterstützend bei der Erstaufnahme vor Ort. Ratsmitglied Franz Schrief, Bürgermeister Bodo Klimpel und Erster Beigeordneter Hans-Josef Böing kamen zur Begrüßung, auch Landrat Cay Süberkrüb erkundigte sich in Sythen nach dem Stand der Dinge.© Foto Elisabeth Schrief
Zwei Busse brachten am Sonntagmittag 100 Flüchtlinge nach Sythen in die Landesnotunterkunft. Die zumeist jungen Syrer hatten tagelang in Budapest ausgeharrt, Sonntag kamen sie im Dortmunder Hauptbahnhof an. Von dort wurden sie auf Städte im Umkreis verteilt.© Foto Elisabeth Schrief
Ein Security-Dienst am Eingang der Notunterkunft untersucht das Gepäck der Flüchtlinge.© Foto Elisabeth Schrief
Dankbar, einen Zufluchtsort gefunden zu haben, steigen die Flüchtlinge aus den Bussen und lassen sich einem Sicherheitscheck unterziehen.© Foto Elisabeth Schrief
Bevor die Flüchtlinge in die Notunterkunft geleitet werden, müssen sie ihre Personalien aufschreiben. DRK-Mitarbeiter helfen dabei.© Foto Elisabeth Schrief
Bis eine Systemgastronomie die Verpflegung der Gäste übernimmt, kümmert sich das DRK um das Essen. Vorräte lagern in der ehemaligen Küche der britischen Rheinarmee.© Foto Elisabeth Schrief
Getränkevorräte für die ersten Tage: Zwei Lebensmittelmärkte in Sythen und Haltern zeigten sich sehr kooperativ, als in Windeseile Proviant beschafft werden musste. Bürgermeister Bodo Klimpel dankt dafür ausdrücklich.© Foto Elisabeth Schrief
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Ehrenamtliche Betreuungs-, Technik- und Sanitätstrupps kümmern sich nun zunächst um die Organisation der Unterkunft. Zügig sollen die Hauptamtlichen übernehmen. Felix Rusche aus Lüdinghausen, hauptamtlicher Flüchtlingsbetreuer beim DRK, wird die Notunterkunft leiten. Er war gestern schon in Sythen: „Wir müssen jetzt Strukturen vor Ort entstehen lassen, dann erst können wir mit ehrenamtlichen Helfern aus der Kommune planen.“ Für Dienstag ist ein runder Tisch einberufen, dann wird das Rote Kreuz bekannt geben, welche Hilfe notwendig ist.

Enger Schulterschluss

Bürgermeister Bodo Klimpel dankte Christoph Schlütermann: „Ich bin heilfroh, dass der Kreisverband Coesfeld uns hilft.“ Vier städtische Mitarbeiter standen dem DRK zur Seite. „Im engen Schulterschluss mit allen verantwortlichen Organisationen vor Ort wird es uns gelingen, diese wichtige Aufgabe in Sythen gut zu meistern“, ist sich DRK-Vorstand Christoph Schlütermann sicher. In den nächsten Tagen werden allerdings weitere Flüchtlinge am Stockwieser Damm erwartet.

Die Verpflegung der Zuflucht-Suchenden mit vollwertigen und den kulturellen Bezügen angepassten Speisen sichert schon bald eine Systemgastronomie aus dem Münsterland.

Das DRK Coesfeld beabsichtigt nicht, weitere Unterkünfte außerhalb des eigenen Kreisgebietes zu betreuen. Haltern soll die Ausnahme bleiben. 

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