Die Situation in den Arztpraxen ist angespannt. Besondere Corona-bedingte Anforderungen, Engpässe bei Impfdosen und ungehaltene Patienten bringen das medizinische Personal an seine Grenzen.

Haltern

, 10.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Von einem normalen Praxisalltag ist schon lange keine Rede mehr. Weil die Corona-Pandemie sich ausweitet, es an Impfdosen mangelt und Patienten gereizt sind. „Unser beruflicher Alltag hat sich komplett verändert“, sagt Sahra Ohsa. Sie arbeitet als Medizinische Fachangestellte (MFA) in der allgemeinmedizinisch-internistischen Hausarztpraxis Beate Michel/Dr. Astrid Keller in Haltern.

Sahra Ohsa ist überwiegend im Bereich Anmeldung tätig. „Die Telefone stehen nicht mehr still - den ganzen Tag“, sagt sie. Viele Patienten, die erst nach mehrfachen Versuchen durchkämen, zeigten sich sehr ungehalten. „Bei Ihnen kommt man ja gar nicht durch“, heiße es dann oft mit vorwurfsvoller Stimme.

Längere Wartezeiten in den Praxen selbst sorgen für weiteren Zündstoff. Der Arbeitsablauf sei wegen des erhöhten Hygieneaufwands und der Infektionssprechstunden deutlich aufwändiger, erklärt Ohsa. „Patienten sind oft ungehalten, wenn sie warten müssen“, weiß auch Internistin Astrid Keller.

Sahra Ohsa arbeitet als medizinische Fachangestellte in der Praxis Keller/Michel. Und muss dort einiges über sich ergehen lassen.

Sahra Ohsa arbeitet als medizinische Fachangestellte in der Praxis Keller/Michel. Und muss dort einiges über sich ergehen lassen. © privat

Patienten hätten aber auch Angst, sich länger in der Nähe von Praxen aufzuhalten. Bei Infektionssprechstunden, die vor- und nachmittags zu festgelegten Zeiten stattfinden, sollen sie möglichst bis zum Test im Auto oder draußen bleiben, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. „In der Kälte warten sie aber nur ungern“, erklärt Sahra Ohsa. Auch das lasse die Stimmung manchmal kippen.

„Wir Medizinischen Fachangestellten sind am Ende unserer Kräfte“

Sahra Ohsa kennt den Brief, den die MFA Saskia Stachel aus Marl kürzlich bei Facebook gepostet und an zahlreiche öffentliche Stellen geschickt hatte. „Ich wende mich verzweifelt an Sie“, heißt es darin. Weil wir Medizinische Fachangestellten am Ende unserer Kräfte sind.“ Es sei klar, dass der Praxisablauf aufgrund der Corona-Pandemie umstrukturiert werden müsse. Für die meisten MFA’s sei er aber nicht mehr zu schaffen.

„Dass Corona sich auf den Gemütszustand mancher Menschen auswirkt, ist bekannt, aber dass so viele MFAs den Unmut täglich abbekommen, darüber spricht niemand“, klagt Saskia Stachel in ihrem Brief. Sahra Ohsa stimmt ihr zu. „Man gibt sein Bestes, will alle Patienten gut versorgen und erntet dann zum Teil solch’ unfreundliche Reaktionen“, bedauert sie.

Impfdosen derzeit nicht mehr verfügbar

Zur allgemein belastenden Situation trägt auch der in vielen Praxen herrschende Mangel an Grippe- und Pneumokokken-Impfdosen bei. „Wir hatten wesentlich mehr Impfdosen als in den letzten Jahren bestellt“, weiß Sahra Ohsa. „Inzwischen sind aber keine Impfstoffe mehr verfügbar.“ Sie waren in diesem Jahr so begehrt wie selten. Über die bestehenden Engpässe hatten zuletzt auch Apotheken in Haltern berichtet.

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„Selbst Patienten mit Vorerkrankungen können wir nicht mehr impfen“, sagt die Medizinische Fachangestellte. „Dafür haben viele Patienten kein Verständnis.“ Sie beschwerten sich dann beispielsweise, als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt zu werden. „Oder sie glauben uns schlichtweg nicht. Denn die Politik verspricht ja ständig neue Impfdosen.“ In den Praxen wisse aber tatsächlich niemand, ob und wann weitere Impfdosen geliefert würden.

Undurchschaubarer Abrechnungs-Dschungel

Und dann ist da noch der Abrechnungs-Dschungel, durch den sich die Praxis-Mitarbeiter kämpfen müssen. „Der Verwaltungsaufwand der Abstrichlogistik ist immens“, erklärt Astrid Keller. So werden beispielsweise Abstriche bei Patienten ohne Corona-typische Symptome anders abgerechnet als bei Patienten mit Symptomen, Reiserückkehrern oder Lehrern.

Jede Gruppe bekomme einen anderen Laborschein, andere Abrechnungsziffern, andere Diagnosen-Kodierungen - „man muss höllisch aufpassen, dass alles korrekt gemacht wird, denn sonst kriegt man hinterher keine Vergütung“, berichtet Keller.

„Die ganze Gesellschaft ist derzeit sehr angespannt“

In der Praxis von Dr. Annette Rudolph und Olav Schmieder sind die Pneumokokken-Impfdosen vergriffen. Patienten reagierten auf Lieferengpässe mitunter sehr ungeduldig. „Die Lieferketten funktionieren wegen Corona nicht mehr“, sagt die Fachärztin für Innere Medizin und Geriatrie. Auch einige wichtige Antibiotika und Blutdruckmedikamente seien derzeit nicht verfügbar.

„Die ganze Gesellschaft ist derzeit sehr angespannt“, meint Rudolph. Anfangs hätten die Menschen noch großes Lob für die Tätigkeit des medizinischen Personals geäußert, das einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sei. „Inzwischen müssen die Mitarbeiterinnen an der Anmeldung einiges über sich ergehen lassen.“

Aggressivität, fehlende Rücksichtnahme und Uneinsichtigkeit einiger Patienten, der ungeheure bürokratische Aufwand und die zahlreichen Überstunden erschwerten den beruflichen Alltag extrem. „Und dabei muss das andere ja auch weiterlaufen“, sagt Annette Rudolph. Und meint damit die chronisch und akut erkrankten sowie geriatrischen Patienten, die die Praxis nicht wegen Corona oder Impfungen aufsuchten.

Drei Bitten einer Ärztin

Ein Ende der belastenden Situation ist nicht absehbar. Daher formuliert Astrid Keller drei Bitten: Aufgrund der überlasteten Telefonleitungen solle man sich gut überlegen, wie wichtig der Anruf sei. Informationen gebe es auch auf der Homepage der Praxis. Der Austausch per Mail sei ebenfalls möglich. Und für den Arztbesuch gelte: „Bringen Sie etwas Zeit mit, haben Sie Verständnis für die großartige Arbeit, die zur Zeit überall im Gesundheitswesen geleistet wird und bedanken Sie sich mit einem Lächeln“. Es sei wichtig, sich klarzumachen, „welchem Risiko die MFAs tagtäglich ausgesetzt sind. „Überlegen Sie, wie Sie selber dazu beitragen können, um es zu verringern, was auch letztlich zu Ihrer eigenen Sicherheit beiträgt.“

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