Der Halterner Ikenkamp: Zankapfel, Schmugglerweg und verwunschene Welt

rnGeschichten zum Ikenkamp

Die Stadt will den Wirtschaftsweg Zum Ikenkamp Ende des Jahres für den Autoverkehr freigeben. Einst war der Ikenkamp ein Pfad in fremdes Revier und Fluchtweg für Schmuggler.

Haltern

, 11.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Helmut Achterfeld ist in der Eisenbahnersiedlung hinter dem Halterner Bahnhof groß geworden. Wie es sich dort mit einem spannenden Umfeld gelebt hat, hat er in seinem Buch „Wir Kinder am Bahndamm“ aufgeschrieben. Helmut Achterfeld kennt die Gegend wie seine Westentasche.

Der Ikenkamp allerdings war für ihn und andere fremdes Revier. Früher hieß es nur „die Wiesen hinter der Bahn“. „Für uns war die Südseite des Bahndammes eine andere Welt“, erzählt Helmut Achterfeld (85) bei einem Treffen im Garten von Wilhelm Oenning. Denn auch der 92-Jährige Wilhelm Oenning hat eigene Geschichten zum Bahnhof und zum Ikenkamp.

Schon nach dem Krieg wünschte sich Politik eine Westtangente

Der Feldweg - heute eine asphaltierte schmale Straße - war den Bauern vorbehalten, damit sie zu ihren Wiesen und Äckern kommen konnten. Für andere Fahrzeuge war er verboten. Tatsächlich beharrten die Bauern auf ihrem Privileg, erinnert sich Helmut Achterfeld. Sie taten es auch noch, als die Politiker Karl Oswald und Gerhard Ribbeheger vorschlugen, den Ikenkamp zu einer Umgehungsstraße auszubauen.

Wilhelm Oenning und Helmut Achterfeld können viel Geschichten über den Ikenkamp erzählen.

Wilhelm Oenning und Helmut Achterfeld können viel Geschichten über den Ikenkamp erzählen. © Elisabeth Schrief

Es habe heiße Diskussionen gegeben, berichtet Helmut Achterfeld. Mittendrin auch Heinrich Dickerhoff, der 1931 das Dampfsägewerk und den Holzhandel Kolck und Schregel mit 175 Beschäftigten gepachtet und schließlich 1934 gekauft hatte. Dickerhoff holte viel Holz aus der Hohen Mark zum Betrieb an der Südseite des Bahnhofs. Um mit dem Transport nicht ständig durch die Innenstadt zu müssen, kämpfte er mit den Politikern für diese Umgehungsstraße. Doch die Bauern gaben nicht nach. Aus dem Straßenprojekt wurde nichts.

Das Heu aus Olfen schwamm durch die Lippe bis Haltern

„Im Sommer schwammen die Heuhaufen von Olfen bis Haltern“, schwenkt Wilhelm Oenning zu seinen Beobachtungen in regenreichen Sommern über. Bei Regen trat die Lippe regelmäßig über die Ufer und überflutete die Wiesen. „Das Wasser überspülte den Ikenkamp und stand bis zum Bahndamm. Sogar Hechte sprangen hoch. Wir haben dann Draht in die Gräben gestellt und so die Fische gefangen für ein leckeres Mittagessen.“ Die Lippe machte sich bisweilen auch so breit, dass trotz Aufschüttung des Bahndamms die Loks 50 Zentimeter tief im Wasser standen.

Wilhelm Oenning hatte das im Blick. Er war Rangiermeister, erst in Dülmen und Recklinghausen-Süd, dann in Haltern. Zum Rangieren der Züge gab es in Haltern seitlich des Ikenkamps einen Rangierberg (Ablaufberg). Eine Schiebelok schob die unterschiedlichen Waggons zur Kuppe des Berges. Nachdem sie planmäßig entkuppelt waren, nahmen die Wagen einzeln oder im Verbund abwärts Fahrt auf in Richtung Zielgleise und schließlich ihren Bestimmungsorten im Münsterland oder Ruhrgebiet.

Die Güterwaggons hatten verführerische Waren geladen

Die Güterwaggons hatten oft verführerische Waren geladen, die gerade in den armseligen Kriegs- und Nachkriegsjahren Langfinger und Schmuggler auf dumme Gedanken brachten - wenn beim Rangieren durch den Aufprall die Türen aufsprangen.

So rollten Züge mit Vieh aus dem Emsland oder dem Oldenburger Raum - bestimmt für Holland, Belgien oder Frankreich - durch Haltern. Oft standen sie lange im Bahnhof, die Kühe bölkten, weil die Euter voll waren. „Halterner haben die Kühe gemolken und kochten Milchsuppe“, erzählt Helmut Achterfeld von spartanischen Zeiten.

Andere schmuggelten Stoffe, Kartoffeln, Kohle oder Handwerksgerät aus den Waggons. Fluchtweg sei häufig der Ikenkamp gewesen, so der 85-Jährige. „Der Nachschub lief immer über die Weseler Strecke und damit immer über Haltern“, erinnert sich Wilhelm Oenning. Für die Züge der Amerikaner hatten die Halterner einen besondern Namen: „Kaugummi-Express“. „Zugbegleiter, die in den Fenstern lagen, kauten immer Kaugummi“, erklärt Wilhelm Oenning die humorvolle Namensgebung.

Zwei Schrankenanlagen am Ikenkamp

Onkel Hagmann, wie ihn Helmut Achterfeld nennt, griff lieber zur Zigarre und machte es sich in seinem Garten gemütlich. Er wohnte mit seiner Familie in einem Holzhaus am Posten 20 „Annaberg“, eine von zwei Schrankenanlagen am Ikenkamp. Hier hielt er sich diverses Federvieh, Ziegen, Schafe, und Schweine.

Gefühlsmäßig war die Welt hinter der Bahn irgendwie anders, sagen Helmut Achterfeld und Wilhelm Oenning. Aber wie das so ist: Geheimnisvolle Landschaften wecken Neugier. Die Erlebnisse saßen tief, sagt Achterfeld, deshalb schlägt er so gern für die heutige Generation unbekannte Seiten der Stadtgeschichte auf.

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