Der Lindenhof: Kleiner Kotten, Schankwirtschaft, Restaurant - fast 60 Jahre prägte er das Gesicht von Sythen. Ende des Jahres endet diese Ära. Es gibt neue Pläne für das Grundstück.

Sythen

, 11.12.2018, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Bis 1961 hat am Hellweg im Dorfkern von Sythen ein kleiner Kotten gestanden. Es gab noch keinen Kreisverkehr. Das war auch nicht nötig, denn Autos kamen nur ab und zu vorbei.

Der Ortsteil wuchs, die Menschen wollten in Sythen mehr als wohnen und arbeiten. So kam Eisenbahner Franz Booken, der das Gehöft im Nebenerwerb betrieb, auf die Idee, eine Schankwirtschaft daraus zu machen. Die Kneipe mit dem Namen „Lindenhof“ entwickelte sich rasch zum pulsierenden Herz im Dorfkern.

Durch den Anbau eines Saals wurden später auch größere Feste möglich gemacht. Seit fast 60 Jahren begleitet der „Lindenhof“ die Sythener durch das Leben - Taufen, Kommunionen und Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen werden hier gefeiert.

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Lindenhof schließt zum Jahresende

Der "Lindenhof" in Sythen ist ein pulsierendes Herz im Dorfkern. Ende des Jahres steht die Schließung bevor.
11.12.2018
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Seit 50 Jahren besteht der "Lindenhof" in Sythen. Die Postkarte stammt aus dem Jahr 1972.© Archiv Backmann
Bis ins hohe Alter stand Franz Booken im "Lindenhof" hinter der Theke.© Heike Riemann
Michael Booken lud zum "süßen Zahn" in den "Lindenhof" ein.© Elke Rüdiger
Auch die Sythener Schützen, deren Vorsitzender Peter Booken viele Jahre war, waren oft im "Lindenhof" zu Gast. V.l. Bodo Klimpel, Clemens Schemmer, Hubert Leineweber, Peter Booken, Andreas Bussmann, Burkhart Haverkamp, Dirk Barz, Matthias Schwaczkowski, Stefan Alfermann und Heinz Ewald.© Ann-Kathrin Götz
Auch kulturelle Veranstaltungen fanden regelmäßig in der Gaststätte statt, hier eine Lesung zur Weihnachtszeit.© Blanka Thieme-Dietel
Bürgergespräch der CDU im "Lindenhof".© Archiv Halterner Zeitung
Kiepenkerl Paul Schrör und viele weitere Gäste gratulierten Familie Booken zum 50-jährigen Bestehen des Lokals "Zum Lindenhof". © Archiv Wiethoff
Bei privaten Feiern ging es im "Lindenhof" mitunter hoch her.© privat
Auch die Wildeckcer Herzbuben gaben sich bei einem Fest die Ehre.© privat
Musiker aus der gesamten Region haben im "Lindenhof" bei Veranstaltungen gespielt.© privat
Spiele wie die Reise nach Jerusalem durften bei Hochzeitsfeiern natürlich nicht fehlen.© privat
Hausbau gegenüber vom "Lindenhof" im Jahr 1969© Archiv Backmann

Am 23. Dezember (Sonntag) endet diese Ära. Die Inhaberfamilie Booken hat gemeinsam entschieden, das Restaurant aufzugeben. Das liegt nicht daran, dass die Gäste ausgeblieben sind. „Es ist eine Entscheidung der Vernunft“, sagen Maria und Peter Booken (57 und 63). Haus und Grundstück sind an einen Bauunternehmer verkauft. Der „Lindenhof“ wird bald abgerissen. An seinem Standort ist ein Mehrfamilienhaus geplant. Über eine Verpachtung hat das Ehepaar nicht nachgedacht. „Wir hätten wegen der Auflagen zu viel investieren müssen“, begründet dies Peter Booken. Außerdem sei es heute schwierig, einen geeigneten Pächter zu finden.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

Ein Bild um 1970: Es gab noch keinen Kreisverkehr, aber der „Lindenhof“ gehörte fest zum Orstbild von Sythen. © Archiv Backmann

So verändert sich das Gesicht eines Ortsteils binnen weniger Generationen. Dabei sah es vor einigen Jahren noch so aus, als sei die Zukunft der Traditionsgaststätte gesichert. Sohn Michael Booken (35) stieg mit in den Sythener Betrieb ein und brachte als Küchenmeister, der unter anderem auf einem Kreuzfahrtschiff die Gäste verwöhnt hatte, neue Ideen mit ein.

Immer größere Probleme bei der Personalgewinnung, steigender Verwaltungsaufwand und auch die Tatsache, dass der junge Koch Single ist, haben jetzt zur Aufgabe bewogen. „Allein kannst du so ein Lokal nicht führen“, erklärt Peter Booken.

Fachkräftemangel im Gaststättengewerbe spürbar

Thorsten Hellwig, Pressesprecher beim Hotel- und Gaststättenverband NRW (Dehoga), kennt die Sorgen und Nöte von Betriebsinhabern und -pächtern im Land. Ihnen machten vor allem der Fachkräftemangel und/oder die ungeregelte Nachfolge zu schaffen. Dieses Problem sei in ländlichen Gebieten wie in Sythen sicher ausgeprägter als in Städten wie Düsseldorf.

Die Schwierigkeit, geeignetes Personal zu finden, lasse sich nicht auf den Aspekt der Entlohnung reduzieren. Auch der demographische Wandel, die Akademisierung der Gesellschaft und natürlich die Arbeitszeiten gehörten zum Gesamtpaket, das die Beschäftigung im Gaststättengewerbe bestimme. Zudem sei ein Job in dieser Branche nicht mit einer Tätigkeit im Büro zu vergleichen. „Man muss eine gewisse Leidenschaft mitbringen“, sagt Thorsten Hellwig.

Um die Situation zu verbessern, mache sich die Dehoga unter anderem für flexiblere Arbeitszeitmodelle stark. Die könnten dann so aussehen, dass Beschäftigte an vier Tagen die Arbeitszeit einer Fünf-Tage-Woche erfüllen.

Für die Betreiber von Gaststätten ist die Balance zwischen Arbeits- und Freizeit natürlich noch schwieriger herzustellen.

Fürs Privatleben sei nur selten Raum gewesen, berichtet Peter Booken. Als früherer Vorsitzender des Sythener Schützenvereins habe er viele Termine allein wahrnehmen müssen. Ehefrau Maria wuppte derweil das Lokal zu Hause. „Wir haben viele Bekannte, aber kaum Freunde“, beschreibt das Ehepaar die Auswirkungen dieser beruflichen Anspannung.

„Kontakt mit Gästen war bereichernd“

Beide betonen allerdings, dass die Arbeit in all den Jahren nicht nur Pflicht gewesen sei. Die Begegnung mit den Gästen sei sehr oft schön und inspirierend gewesen. Außerdem hätten die drei Kinder früher stets einen direkten Ansprechpartner gehabt, weil Mama und Papa sowie auch die Großeltern im gleichen Haus tätig waren.

„Wir haben kein Kalender-Maßband, das man abknipst, wenn man das Arbeitsende herbeisehnt“, sagen Maria und Peter Booken.

Jeder Abschied von einem Kegelclub tue weh, lassen sie in ihr Innenleben blicken. 1961 war der „Lindenhof“ die erste Kneipe mit einer Kegelbahn in Sythen. Zwischendurch waren es einmal sechs Bahnen in verschiedenen Lokalen des Dorfes. Wenn im „Lindenhof“ nun die Türen abgeschlossen werden, gibt es keine Kegelbahn mehr im Ortsteil. So schließt sich zum Bedauern vieler Sythener ein Kreis.

Sythens Schützenkönigin Silvia Honert (44) findet es beispielsweise sehr bedauerlich, dass der „Lindenhof“ schließt. „Ich spreche da sicherlich nicht nur für mich“, sagt sie. Der Schützenverein habe sich in dem Lokal immer gut aufgehoben und willkommen gefühlt.

Die zweite Kompanie der Schützen, für die der „Lindenhof“ Kompanielokal war, hat sich mit dem Hoflager Hölper am Mosskamp - Ecke Dorfstraß bereits einen neuen, diesmal privaten Stützpunkt gesucht.

Für Sythen gehe ein wichtiger Treffpunkt verloren, meint Silvia Honert. Sie befürchtet außerdem, dass durch einen großen Neubau am Standort „der Charakter des Dorfes“ Schaden nehmen könnte.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

Clemens Schemmer und Silvia Honert sind das aktuelle Schützenkönigspaar in Sythen. © Archiv Holger Steffe

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrung als Mitarbeiterin des Hotels Pfeiffer in Sythen kann Silvia Honert die Entscheidung der Familie Booken aber auch verstehen. Sie kennt die Anforderungen, die an die Betreiber und Angestellten eines Restaurants gestellt werden. So konnte sie selbst gerade nicht an einer vorweihnachtlichen Feier der eigenen Familie im „Lindenhof“ teilnehmen, weil sie arbeiten musste. Wenn die anderen feiern, herrscht bei den Mitarbeitern des Gaststättengewerbes Hochbetrieb, besonders im Advent.

Josef Alfs (78) ist einer der Sythener, in dessen Leben der „Lindenhof“ sehr oft eine Rolle gespielt hat. Er ist Mitglied im Männer-Kegelclub „Auf ein Neues“, der seit 1965 in der Gaststätte kegelt.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

Josef Alfs stellte in den 1960er-Jahren bei einem Treffen seines Clubs „Auf ein Neues“ im „Lindenhof“ die Kegel auf. © Archiv Alfs

Eine neue Kneipe für das Hobby werden sich die fünf verbliebenen Kegelbrüder nicht mehr suchen. Sie ziehen wie der Wirt ihres Stammlokals einen Schlussstrich. „Es ist eine traurige Geschichte“, sagt Josef Alfs, ehemaliger Vositzender des Heimatvereins Sythen, zur Schließung des „Lindenhofs“. Gerade hat er noch mit Ehefrau Hildegard (76) die Goldhochzeit in dem Restaurant gefeiert.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

Hildegard und Josef Alfs feierten gerade noch ihre Goldhochzeit im „Lindenhof“. © Silvia Wiethoff

Er kann sich noch gut an die Zeit erinnern, in der an der Theke des Lokals Geschäfte gemacht wurden. „Wenn man Kontakte haben wollte, ging man in die Kneipe und zeigte sich von seiner besten Seite“, erzählt der ehemalige Filialleiter der Sparkasse in Sythen. Dann hoffte man, die Gäste als Kunden im eigenen Unternehmen wiederzusehen. Handwerker hätten früher an seiner Theke Geschäfte abgeschlossen, berichtet auch Peter Booken von der besonderen Funktion der Dorfkneipe.

Vom Thekenbetrieb zum Restaurant

Diese hat sich allerdings grundlegend gewandelt. Vom reinen Thekenbetrieb hat sich nicht nur der „Lindenhof“ zum Restaurant entwickelt. Zu Beginn ist es bei den Eltern Anna und Franz Booken, die die Gaststätte nach misslungener Verpachtung Anfang der 1960er-Jahre selbst übernahmen, hauptsächlich um den Ausschank von Bier und Spirituosen gegangen. Wer Hunger hatte, ließ sich eine Frikadelle oder ein Schnitzel über die Theke reichen.

1974 stieg Peter Booken als gelernter Koch mit in den elterlichen Betrieb ein und stieß die Erweiterung zum Speiselokal an. 1988 übernahm er dann den „Lindenhof“.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

In den letzten Jahren fanden regelmäßig Events zu bestimmten Themen, wie hier unter dem Motto Karibik im „Lindenhof“ statt. © Ellen Adam

Thorsten Hellwig von der Dehoga ist diese Entwicklung überall im Land nur allzu bekannt. Das Gaststättengewerbe sei ein Spiegelbild der Gesellschaft, erklärt er. Früher sei man sonntags in die Kirche gegangen und anschließend zum Frühschoppen in die Kneipe. Dieses Ritual habe sich wie viele andere verändert. Heute mache die sogenannte „Eventisierung“ der Gesellschaft auch vor dem Gastgewerbe nicht halt. Außerdem müssten Angebote immer schneller einer geänderten Nachfrage angepasst werden. Der durch die Digitalisierung angestoßene tiefgreifende Wandel betreffe alle Wirtschaftsbranchen, auch die Gaststättenlandschaft.

Wettbewerb wird immer härter

Darüber hinaus erwähnt Thorsten Hellwig den intensiven Wettbewerb durch Betriebe wie Fleischereien und Bäckereien, die mit einem eigenen Speiseangebot auf den Gaststättenmarkt drängten und im Gegensatz zum Gaststgewerbe statt 19 Prozent Mehrwertsteuer nur 7 Prozent entrichten müssten.

Das Aufkommen von Trends (zum Beispiel Burgerläden) oder eine ethnische Ausdifferenzierung (statt Chinese jetzt auch Vietnamese oder Kambodschaner) bescherten den eher traditionellen Restaurants im Land zusätzliche Konkurrenz.

Die Statistik belegt diese Angaben. So sank die Zahl der Restaurants in Deutschland von 73.919 (2014) auf 72.481 (2016). Die Schankwirtschaften verringerten sich im gleichen Zeitraum von 31.650 auf 30.725. Dagegen stieg die Zahl der Imbissbuden von 31.613 auf 34.295 (alle Zahlen Statistika 2018).

Über mangelnde Nachfrage musste sich Familie Booken keine großen Sorgen machen. Zurzeit reservieren viele Gäste einen Tisch, um noch einmal den Grillteller oder die Pfefferpfanne zu genießen. „Je näher der Abschied kommt, desto kribbeliger wird man“, verrät Maria Booken.

Der Lindenhof schließt - ein beliebter Treffpunkt in Sythen geht für immer verloren

Michael Booken arbeitet jetzt für die Verwaltung in Essen. Maria und Peter Booken gehen in den Ruhestand. © Silvia Wiethoff

Sohn Michael hat sich schon aus der Gaststätte zurückgezogen, auch wenn er zu Stoßzeiten noch aushilft. Er hat im Oktober 2017 eine Ausbildung zum Lebensmittelkontrolleur bei der Verwaltung in Essen begonnen und ist total zufrieden.

„Abwicklung“ bis Mitte nächsten Jahres

Bis Mitte nächsten Jahres werden Maria und Peter Booken noch in ihrer Wohnung über der Gaststätte bleiben und bis dahin alles „abwickeln“. Danach ziehen sie in ihr Haus an der Thiestraße 2 direkt gegenüber. „Wenn die Abrissbirne kommt, fahre ich in den Urlaub“, kündigt Peter Booken an. Er will es sich nicht antun, zu sehen, wie sein Elternhaus, in dem er immer gewohnt hat, dem Erdboden gleichgemacht wird.

Der letzte Arbeitstag vor Weihnachten wird für das Ehepaar wohl eine emotionale Hürde werden. Dennoch blicken Maria und Peter Booken der Zukunft mit Zuversicht entgegen. „Bald können wir mal das machen, was für andere normal ist“, freuen sie sich auf den Ruhestand. Dazu gehöre dann vielleicht ein gemeinsamer Besuch eines Kabarettprogramms des Duos „Die Bullemänner“.

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