Der Overrather Hof: Versunkener Glanz einer strahlenden Epoche in Haltern

rnHistorisches Haltern

Längst ist der Grund, auf dem der Overrather Hof stand, überwuchert und überspült. Wenig erinnert an das einstige Kurhotel, das über die Stadtgrenzen hinaus berühmt war - ein Juwel der Zeit.

Haltern

, 07.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zu seinen Hochzeiten in den 1930er-Jahren war der Overrather Hof ein Treffpunkt der „feinen Gesellschaft“, die dort festlich speiste und mit exquisiten Weinen und anderen Getränken verwöhnt wurde. Vorher gingen die Gäste in der Steverbucht baden oder Tennis spielen auf den eigens eingerichteten Plätzen, anschließend verjubelten sie so manche Mark im hauseigenen Spielcasino. Auch übernachten konnte man in dem vornehmen Haus, das damals als Kurhotel firmierte. 1931 bot der Overrather Hof 2500 Sitzplätze, eine Kaffeehalle, Restaurant, Gesellschaftszimmer und mehrere, teils überdachte Terrassen.

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Der Overrather Hof in Bildern

Der Overrather Hof war ein Kurhotel in der Steverbucht und ein Treffpunkt der vornehmen Gesellschaft in Haltern. Nach seinem Umbau 1930 erlebte er bis Anfang des Zweiten Weltkriegs seine Blütezeit, nach Kriegsende beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen.
07.03.2020
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Der Overrather Hof war ein Kurhotel in der Steverbucht und war ein Treffpunkt der vornehmen Gesellschaft in Haltern. Nach seinem Umbau 1930 erlebte er bis Anfang des Zweiten Weltkriegs seine Blütezeit, nach Kriegsende beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen.© Archiv Stadt Haltern
Das Strandbad unterhalb des Overrather Hof war ein Treffpunkt aller Schichten. Der feine weiße Sand war die Attraktion des Bades.© Archiv Stadt Haltern
Nach dem Umbau 1930 erlebte der Overrather Hof bis Anfang des Zweiten Weltkriegs seine Blütezeit. Hier gingen die Schönen und Reichen ein und aus. Bis zu 2500 Plätze bot das Haus. Tennisplätze und ein Casino komplettierten das Angebot.© Archiv Stadt Haltern
Das Hotel bot einen wunderbaren Ausblick auf die Steverbucht.© Archiv Stadt Haltern
Der Overrather Hof wurde von dem Essener Unternehmer Otto Blau zum Erfolg geführt. Blau hatte auch den Handelshof in Essen unter seiner Leitung.© Archiv Stadt Haltern
Auch ein Bootsanleger befand sich unterhalb des Overrather Hofes. Das Haus firmierte als Kurhotel mit eleganten Zimmern. © Archiv Stadt Haltern
Der lebhafte Bootsbetrieb vor dem Overrather Hof entspringt wohl der Fantasie eines begabten Fotografen, der die Boote im Vordergrund nachträglich hineinmontierte.© Archiv Stadt Haltern
Nach Kriegsende war von einstigen Glanz des Overrather Hofes nicht mehr viel zu sehen. In den 50er-Jahren beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen.© Archiv Stadt Haltern
Ein Werbeplakat aus den Glanzzeiten des Overrather Hofs. An der Frau im Vordergrund zeigt sich bereits die ästhetische Vorstellung der Nationalsozialisten.© Stadtagentur Haltern
Ein undatiertes Werbeplakat vom Overrather Hof.© Repro Backmann
Ein weiteres undatiertes Luftbild vom Overrather Hof.© Repro Backmann
Der Grundriss des Overrather Hofs nach dem Umbau.© Repro Backmann
Ein undatiertes Luftbild des Overrather Hofs, diesmal aus einer anderen Perspektive, mit der Stadt Haltern im Hintergrund.© Repro Backmann
Der Overrather Hof in seiner ganzen Pracht, mit Parkplätzen und Außenanlagen.© Repro Backmann
Der Stausee auf einem Luftbild von 1969.© www.regioplaner.de
Der Overrather Hof ist 1952 auf diesem Luftbild noch gut zu erkennen.© www.regioplaner.de
Ein Luftbild aus dem Jahr 2017 zeigt die Insel und die Stadtmühlenbucht.© www.regioplaner.de
Ein Luftbild unseres Fotografen zeigt die Insel im Abendlicht und die dahinterliegende Stadtmühlenbucht.© www.blossey.eu

Die Reichen und Schönen seien dort ein- und ausgegangen, wie Marianne Louis im Halterner Jahrbuch von 2018 schreibt. Normalbürger gönnten sich nur ab und an ein frisch gezapftes Bier im Bierkeller des Hauses. Ab 1931, unter der Regie des erfolgreichen Unternehmers Otto Blau aus Essen, erlebte der Overrather Hof seine Blütezeit. 400 Parkplätze, die bald auf 1000 erweitert wurden, boten Platz für Erholungssuchende aus der nahen und fernen Umgebung.

Das Strandbad war ein Publikumsmagnet. Hier tummelten sich die Halterner, aber auch viele auswärtige Besucher.

Das Strandbad war ein Publikumsmagnet. Hier tummelten sich die Halterner, aber auch viele auswärtige Besucher. © Archiv Stadt Haltern

Begonnen hatte alles kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Erfrischendes Seewasser, feinsandiger Strand, saubere Luft: Die Lage an der Steverbucht konnte kaum besser sein. Das muss sich auch Theodor Rohling gedacht haben, als er kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges Strandkörbe dort aufstellen ließ. Der damalige Pächter der Stadtmühle konnte sich schon bald über eine Vielzahl an Paddlern und Badegästen freuen. Bald darauf erhielt der Gastwirt eine Konzession und baute eine Gastwirtschaft „an‘t Hanower“ (am hohen Ufer) an der Stever, wie Marianne Louis weiter schreibt. Der Name „Overrather Hof“ stamme von der nahegelegenen Bauernschaft Overrath.

Der bekannte Geschäftsmann Otto Blau übernimmt den Betrieb

Weil die Bevölkerung wächst und vor allem der Industriestandort Ruhrgebiet immer mehr Wasser braucht, soll eine Talsperre gebaut werden. Dafür muss das Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlenrevier (heute Gelsenwasser AG) Grundbesitz erwerben, darunter auch das Gelände des Overrather Hofs. Für die 16 Morgen Land (umgerechnet etwa 40.000 qm) bezahlte Gelsenwasser am 6. Juli 1926 175.000 Reichsmark an Theodor Rohling, samt Gebäude und Inventar.

Anschließend verpachtete Gelsenwasser den Overrather Hof wieder an Rohling. Der übergibt das Geschäft im Oktober 1928 an den Olfener Kornbrenner Philip Sebbel, bevor der eingangs erwähnte Otto Blau übernimmt. 1930 wird die Talsperre geflutet. 1931 eröffnet der Overrather Hof nach umfangreichen Umbauarbeiten und wird zum Treffpunkt der reichen Leute. Das neu angelegte Strandbad tut ein Übriges zur Beliebtheit des Ortes.

Das Hotel wird vom Militär beschlagnahmt

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, endet die goldene Ära des Overrather Hofs. Das Hotel wird für militärische Zwecke beschlagnahmt, wie Beate Olmer in der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläums des Halterner Wasserwerks festhält. Regelmäßig meldet das Unternehmen Beschädigungen des Inventars. Otto Blau sieht sich gezwungen, den Hotelbetrieb zu beenden - er kündigt den Pachtvertrag zum 1. November 1939.

1940 entschließt sich Gelsenwasser, zur „Förderung der Volksgesundheit“ das Strandbad für die Badesaison 1940 zu öffnen. In den Kriegsjahren werden „ausländische Arbeiter“ der Chemischen Werke Hüls, damaliger Mieter der Anlage, untergebracht.

Der Overrather Hof verfiel zusehends nach Kriegsende, zunächst beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen.

Der Overrather Hof verfiel zusehends nach Kriegsende, zunächst beherbergte er britische Soldaten und wurde schließlich 1958 abgerissen. © Archiv Stadt Haltern

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmen die Briten die Immobilie. Im See zu baden, war verboten, dennoch nutzten viele Halterner die Badestelle. „Bad der Arbeitslosen“ wurde der Strand im Volksmund genannt. 1951 beendeten die Engländer das Badevergnügen, indem sie das Ufer absperrten und Kontrollen durchführten. Bombensplitter, Granaten und auch Bombenkrater unter Wasser machten das Schwimmen zu einem gefährlichen Vergnügen.

Die Briten planten zeitweilig, aus dem Overrather Hof ein Ledigenheim für Bergarbeiter oder ein Müttererholungsheim zu machen. Doch die meiste Zeit diente es als Residenz für britische Truppen. Als die Briten das Gebäude 1957 wieder freigaben, dachte Gelsenwasser über eine Restaurierung des Hauses nach. Doch das wäre sehr teuer geworden, so dass der Overrather Hof 1958 abgerissen wurde.

Strand versank im Wasser des Stausees

1972 wurde der Stausee auf 20,5 Millionen Kubikmeter erweitert - ein Teil der einstigen Halbinsel versank im Wasser, auch der feine Sandstrand. An den Overrather Hof soll auf der jetzigen Insel nur noch ein alter Laternenmast erinnern.

Auf dem zeitgenössischen Luftbild erkennt man mittig hinten die Stadtmühlenbucht.

Auf dem zeitgenössischen Luftbild erkennt man mittig hinten die Stadtmühlenbucht. Vorne an der Insel ist die ehemalige Landzunge zu erkennen, auf der einst der Overrather Hof war. © www.blossey.eu

Heute steht die Insel unter Naturschutz. Lediglich Mitarbeiter der Gelsenwasser AG als Eigentümer und professionelle Naturschützer dürfen sie betreten.

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