Weißer Fleck

Der unerfüllte Traum vom schnellen Internet in Flaesheim Dorf

Alle Ausbaustufen des schnellen Internets in Haltern sind an ihnen vorbeigegangen: Anwohner in Flaesheim Dorf suchen dringend nach einer Perspektive.

Die Corona-Pandemie hat es noch einmal besonders deutlich gemacht: Die Digitalisierung der Arbeits- und Lernwelt schreitet unaufhaltsam voran, ist teilweise schon zur Grundvoraussetzung geworden. Was aber, wenn man sie nicht nutzen kann, wenn die technischen Voraussetzungen schlichtweg fehlen? Dieses Problem haben rund 80 Haushalte im Bereich von Flaesheim Dorf.

Zwei Glasfaserkabel führen hinter ihren Gärten an der Flaesheimer Straße entlang, angeschlossen sind die Anwohner der Straße Hohes Ufer aber an keines von beiden. „Wenn meine drei Kinder Homeschooling machen mussten und ich online arbeiten wollte, dann ging gar nichts mehr“, berichtet Jörn Conze. „Die Laptops konnten wir nicht nutzen, je mehr hier im Internet unterwegs sind, desto weniger geht“, ergänzt Andrea Meyer.

Software Updates dauern mehrere Tage

Manfred Janssen hat nachgemessen: 0,8 bis 3,8 Mbit pro Sekunde beträgt die Übertragungsgeschwindigkeit. Für die meisten Aufgaben heute viel zu wenig. Videokonferenzen sind nicht möglich, Software-Updates können mehrere Tage dauern, „wenn sie nicht unterwegs zusammenbrechen“, so Manfred Janssen. Cloudangebote und Streaming-Dienste können nicht genutzt werden oder nur sehr eingeschränkt. „Je mehr Anwohner das Internet nutzen, desto langsamer wird die Verbindung“, so Manfred Janssen. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Glasfaser beträgt die niedrigste Übertragungsrate 300 Mbit pro Sekunde.

Die Anwohner behelfen sich mit dem Handy, wenn mehrere im Internet unterwegs sind. Das ist kostenintensiv. Warum keiner der Glasfaseranschlüsse bei ihnen realisiert wurde, verstehen sie bis heute nicht.

„Ein unverschämt teures Angebot“

„2016 startete die Deutsche Glasfaser mit ihrer Markterhebung. Wir haben hier 80 Prozent Zustimmung erhalten. Die Anwohner wollten mit großer Mehrheit einen Anschluss. Aber wir lagen zu weit außerhalb der lukrativen, dichter besiedelten Regionen“, sagt Uwe Oenning.

Dann gab es 2018 ein Gespräch mit der Deutschen Glasfaser und der Stadt. „Da wurde uns das Angebot gemacht, uns anzuschließen, wenn wir pro Anschluss 3.300 Euro bezahlen und eine zweijährige Vertragsbindung eingehen“, so Uwe Janssen. „Ein unverschämt teures Angebot, das viele nicht bezahlen konnten.“

Sie ergriffen selbst die Initiative und führten Gespräche mit Unitymedia. „Eine zeitlang sah es so aus, als gäbe es die Möglichkeit, Internet über das Kabel von Unitymedia anzuschließen“, so Manfred Janssen. Diese Initiative verlief aber im Sande. „Nach der Fusion von Unitymedia mit Vodafone haben wir keine konstruktiven Antworten mehr bekommen“, sagt Uwe Oenning.

2019 startete der Breitbandausbau in den bisher nicht berücksichtigten Randgebieten, den sogenannten weißen Flecken, über eine öffentliche Förderung des Bundes und des Landes NRW. Der Kreis Recklinghausen koordinierte diesen Ausbau, den Zuschlag erhielt in Haltern die Deutsche Telekom. Aber auch hier gab es keinen Anschluss für die Anwohner. Da sie zur Zeit der Fördermittelzusage noch mit Unitymedia verhandelten, wurden sie nicht berücksichtigt. Überall, wo ein Angebot eines anderen Providers vorlag, wurde keine Förderzusage erteilt.

Zwei Kabel vor der Haustür aber kein Anschluss

„Somit waren wir wieder außen vor“, berichtet Manfred Janssen. „Nur einige Anschlüsse direkt an der Flaesheimer Straße wurden von der Telekom noch gelegt. Jetzt haben wir zwei Kabel vor der Haustür, aber keinen Anschluss.“

Die Überlegung, diesen selbst vornehmen zu lassen, mussten die Anwohner wieder fallen lassen. „Die Grundstücksfragen sind hier zu kompliziert. Die Flächen gehören zum Teil der Stadt, zum Teil ist am Kanal das Wasser- und Schifffahrtsamt zuständig“, sagt Jörn Conze.

Dennoch sehen die Anwohner Alternativen: Infrage käme eine Richtfunkstrecke oder der Ausbau des 5G-Sendemastes, der in geringer Entfernung in Flaesheim steht. Auch einen Anschluss über die Flaesheimer Straße durch ein ortsansässiges Unternehmen schlagen sie vor.

„Wir haben immer Kontakt zur Stadt Haltern gehalten“, sagt Anwohner Uwe Oenning. „Etwas Verwertbares ist nicht dabei herausgekommen. Wir haben immer nur gehört, die Kommune könne in die Entscheidungen der Unternehmen nicht eingreifen.“ Und Manfred Janssen ergänzt: „Die Stadt verhält sich leider nur reaktiv. Wir würden uns wünschen, dass eine neue Initiative gestartet wird, um unser Problem zu lösen.“

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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Jürgen Wolter

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