Deutschlands erste Betonbogen-Brücke wird mit dem Hammer abgeklopft

rnHauptuntersuchung

47 Brücken im Kreis Recklinghausen werden derzeit auf Herz und Nieren geprüft. Auftakt war in Lippramsdorf. Dort überspannt Deutschlands erste Betonbogen-Brücke eine alte Eisenbahnlinie.

Lippramsdorf

, 13.03.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als 1971 die Brücke über die eingleisige Eisenbahnlinie Haltern-Wesel gebaut wurde, war das eine kleine Sensation. Denn in Lippramsdorf-Kusenhorst entstand im Zuge der neuen Umgehungsstraße Marler Damm Deutschlands erste Betonbogen-Brücke. Aktuell wird sie Zentimeter für Zentimeter unter die Lupe genommen.

Denn die Emscher-/Lippe-Wassertechnik startete im Auftrag des Kreises Recklinghausen am 12. März mit den Hauptuntersuchungen von 47 Brücken. Zehn tragen die Priorität 1, sie wurden schon lange nicht mehr überprüft. Dazu gehört die Betonbogen-Brücke. Sie wurde zuletzt 2010 im Rahmen einer Hauptuntersuchung unter die Lupe genommen, wie Carsten Uhlenbrock von der Kreisverwaltung vor Ort mitteilte.

Nur drei Firmen in Deutschland verleihen die Prüfgeräte

Dass Untersuchungen über die Jahre beim Kreis verschleppt worden waren, hatte im vergangenen Jahr viel Ärger ausgelöst. „Intensive Hauptprüfungen konnten wir wegen Personalmangels nicht leisten“, sagte dazu Carsten Uhlenbrock. Zudem gebe es in Deutschland nur drei Firmen, die entsprechende Prüfgeräte verleihen.

Entsprechend lang sei die Warteliste. Gleichwohl habe es zwischendurch Einfachuntersuchungen und Beobachtungstermine gegeben. Ab dem 1. April werde sich grundsätzlich mit der Neueinstellung eines zweiten Ingenieurs die angespannte Situation beim Kreis wieder entzerren.

Deutschlands erste Betonbogen-Brücke wird mit dem Hammer abgeklopft

Die Betonbogen-Brücke hat Risse durch Bergbaueinwirkungen. Markus Hofmann misst nach und dokumentiert am Ende alle Prüfergebnisse. © Elisabeth Schrief

Prof. Dr. Holger Scheer (Geschäftsführer Emscher-/Lippe-Wassertechnik mit 120 Mitarbeitern) stieg zu Ingenieur Markus Hofmann in den Korb des Hubsteigers, um sich Schäden an der Betonbogen-Brücke anzusehen. Der Hammer ist dabei das Stethoskop des Brückenprüfers.

Mit ihm klopft Markus Hofmann auf den Beton, um Hohlstellen auszumachen. „Wir begutachten die Brücke bis zum obersten Scheitelpunkt, augenscheinlich ist sie in relativ gutem Zustand“, gab er einen ersten Eindruck wieder. Er entdeckte Beton-Abplatzungen, Fugenbewegungen und kleine Risse, nicht nur Folgen der Verkehrsbelastungen, sondern auch des 2015 beendeten Kohleabbaus unterhalb der Bauernschaft Kusenhorst.

Ein bunter Blumenstrauß an Hausaufgaben

Für den Zustand gibt er eine vorläufige Note von 2,5 bis 2,7; ab 4,0 besteht Handlungsbedarf. Der Untersuchung mit Hammer, Meißel und Riss-Tabelle sowie Brückenuntersichtgeräten folgt eine genaue Dokumentation. Und dann geht es in Haltern-Lippramsdorf zu den nächsten Brücken: Marler Damm / Heidkantweg und Lippramsdorfer Straße / Heerstraße sowie Lippramsdorfer Starße / Bahnlinie.

„Wir sind sicher, dass wir nach 47 Untersuchungen einen bunten Blumenstrauß an Hausaufgaben bekommen werden“, glaubt Carsten Uhlenbrock. In welchem Umfang Sanierungen stattfinden und wie sie finanziert werden, darüber entscheidet der Kreistag. Mit den Untersuchungen wolle man, so Holger Scheer, in diesem Jahr fertig werden.

ERSTE BETONBOGEN-BRÜCKE DEUTSCHLANDS

EIN SCHWEIZER PATENT

Eine Brücke nach Betonbogen-System wurde in Deutschland erstmals 1971 gebaut, Patentinhaber war eine Firma aus Zürich/Schweiz. Das Betongewölbe besteht aus zehn vorgefertigten, ebenen Stahlbetonplatten, die je eine Größe von sechs mal zwei Metern haben und 21 Zentimenter dick sind. Dieses Brückensystem wurde vorab mehrfach mit sehr gutem Erfolg beim Bau der Schweizer Nationalstraße angewandt. Früher überspannte die Brücke in der Kusenhorst die Eisenbahnlinie Haltern-Wesel, heute führt die Römer-Lippe-Fahrradroute über diese Trasse.
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