Germanwings-Absturz: Freunde verkaufen Kuchen für Blumen auf den Gräbern ihrer Mitschüler

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Der Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 mit 18 Opfern aus Haltern jährt sich am 24. März zum vierten Mal. Die Abiturientia 2017 zeigt einfühlsam, dass sie ihre Mitschüler nicht vergessen hat.

Haltern

, 24.03.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als 120 Gymnasiasten im Juli 2017 ihre Abiturzeugnisse entgegennahmen, blieben 18 Plätze unter ihnen frei. Es fehlten die, die am 24. März 2015 bei einem dramatischen Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ums Leben gekommen waren. Schulleiter Ulrich Wessel verneigte sich vor den jungen Absolventen: Die Jahrgangsstufe habe sich in den schweren Tagen so würdevoll verhalten und sich als besondere Gemeinschaft hervorgetan. Das tut sie noch heute, wenn es darum geht, an die lebensfrohen Opfer eines lebensmüden Täters zu erinnern.

Germanwings-Absturz: Freunde verkaufen Kuchen für Blumen auf den Gräbern ihrer Mitschüler

Lara Breuer, Philipp Lindner, Annabell Ast und Stefan Schlüter (nicht auf dem Foto) verkauften Waffeln und Kuchen, um Geld für Grabschmuck zu sammeln. © Foto Breuer

Lara Breuer, Philipp Lindner, Annabell Ast und Stefan Schlüter standen an einem kalten Wintertag im Dezember vor dem Rewe-Markt (Kaufpark) an der Weseler Straße und verkauften fünf Stunden lang Waffeln, Kuchen und Plätzchen. Den Erlös wollten sie verwenden, um zum 24. März für alle Gräber ihrer verstorbenen Mitschülerinnen und Mitschüler Blumenschmuck zu kaufen. An jedem Jahrestag halten sie es so. Bisher reichten dafür die Mittel aus der Stufenkasse. Diese waren allerdings jetzt aufgebraucht.

Liebevolle Gedanken

„Die Kunden des Lebensmittelmarktes waren zunächst verwirrt“, erinnert sich Lara Breuer. „Wir hatten zwar Plakate gedruckt, den Zweck allerdings relativ klein gedruckt, um nicht zu aufdringlich zu wirken.“ Aber spätestens auf den zweiten Blick waren die Passanten von der Idee erfüllt. 720 Euro erwirtschaftete das Quartett. „Wer nichts Süßes kaufen wollte, gab aber trotzdem Geld“, erzählt Philipp Lindner.

Germanwings-Absturz: Freunde verkaufen Kuchen für Blumen auf den Gräbern ihrer Mitschüler

Meisterflorist Ludger Stegemann fertigte den Grabschmuck, den ehemalige Abiturienten an diesem Wochenende zu den einzelnen Gräber ihrer verstorbenen Mitschüler bringen. © Foto:Elisabeth Schrief

Meisterflorist Ludger Stegemann hat Stiefmütterchen, Osterglocken und andere bunte Frühlingsblüher in eine Schale gepflanzt. Blumen, die für Kraft liebevoller Gedanken und Sehnsucht stehen, aber auch für Energie. Ein beschriftetes Blatt wird in die Schale hineingesteckt: „Wir denken an Dich, Deine Stufe“. Ludger Stegemann kannte etliche der verstorbenen Jugendlichen und auch Eltern. Welche Gedanken ihm jetzt wieder durch den Kopf gehen, kann er gar nicht so richtig beschreiben. Es bleibt bei ihm wie bei allen Halternern letztlich eine Sprachlosigkeit. Bei der Fertigung des Grabschmucks ist er bedrückt. „Alles ist plötzlich wieder so nah“, sagt Ludger Stegemann. Schüler der ehemaligen Stufe legen an den einzelnen Gräbern die Gestecke nieder, eines wird auch zur Gedenkstätte am Joseph-König-Gymnasium gebracht.

Ein großartiger Gemeinschaftssinn, findet Ludger Stegemann.

Auf ewig verbunden

Nach dem Abitur sind alle ihrer Wege gegangen. Lara Breuer (20) beispielsweise studiert Pharmazeutische Chemie, Philipp Lindner (18) Wirtschaftsingenieurwesen. Aber der 24. März 2015 wird alle auf ewig verbinden.

Seit jenem Dienstag um 10.41 Uhr ist die Welt in Haltern eine andere geworden. Ein Co-Pilot führte, so ergaben die Untersuchungen, den Absturz der Germanwings-Maschine bewusst herbei, während er allein im Cockpit war. 149 Menschen riss er mit in den Tod. An Bord waren auch 14 Schülerinnen und zwei Schüler der 10. Klasse sowie zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums. Sie waren nach einem Schüleraustausch im spanischen Llinars del Vallès auf dem Heimflug zurück zu ihren Eltern, Freunden und der Schulgemeinde. In Haltern stand das Leben still, „die Stadt ist in die Nacht gefallen“, sagte damals Pfarrer Karl Henschel. Das Leben kehrte inzwischen in die gewohnten Gleise zurück, aber der 24. März bleibt für immer in Haltern ein Tag der Trauer.

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Hilfe auch von Schalke 04

„Die Trauer vergeht nicht“, sagt Philipp Lindner. „Am Anfang konnten wir nicht begreifen, was passiert war und dass unsere Mitschüler nicht zu uns zurückkehren würden“, ihre Gedanken hätten sich nicht von dem Unfassbaren lösen können. Erst mit der Zeit sei die Stufe besser damit klar gekommen. Die Begleitung von Seelsorgern sei sehr wichtig gewesen. „Heute sehen wir uns verständlicherweise nicht mehr sehr oft, es gibt aber eine WhatsApp-Gruppe“, und über die hat Lara Breuer die Aktion im Dezember organisiert.

Dass die ausgerechnet bei Rewe stattfand, hatte einen guten Grund. Laras Vater Burkhard Breuer ist dort stellvertretender Filialleiter, er hat alle Beziehungen spielen lassen, damit zusätzlich noch eine Tombola stattfinden konnte. Schalke 04, der Alma-Indoor-Freizeitpark oder Musiker Mike Singer beispielsweise gaben Preise, sodass am Ende 200 Lose allesamt Gewinne waren. Rewe sponserte außerdem die Zutaten für das Backwerk. „Unsere Freunde und auch Mitarbeiter des Lebensmittelmarktes haben Kuchen gespendet, mit meiner Oma Marita habe ich zusätzlich noch Plätzchen gebacken“, erzählt Lara Breuer beseelt von so viel Hilfsbereitschaft.

Eltern sind berührt

Das Geld reicht jetzt erst einmal für das Anliegen der Abiturientia. Und wenn es wieder ausgeht, wird es eine neue Aktion geben. Denn für Lara Breuer und Philipp Lindner ist klar: „Das Schlimmste für die Eltern wäre doch, wenn sie erfahren müssten, dass wir ihre Kinder vergessen.“ Sie aber wollen wenigstens ein kleines Zeichen setzen, dass ihre verstorbenen Mitschüler immer in ihren Herzen sind und immer gegenwärtig bleiben. Egal, wohin das Leben sie führt.

Für die Eltern bleibt die Katastrophe vom 24. März 2015 nach wie vor unfassbar. Zu der „sehr lieben Aktion“ sagt Annette Bleß, deren Tochter Elena einen Tag vor ihrem 16. Geburtstag ums Leben kam: „Wir Eltern sind sehr dankbar für dieses Zeichen der fortbestehenden Verbundenheit mit unseren Kindern, die nicht mehr bei uns sein dürfen.“ Es sei tröstlich für sie zu erfahren, dass ihre Kinder auch weiterhin in den Herzen und Gedanken ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler gegenwärtig seien. „Dies ist alles andere als selbstverständlich, da doch viele jetzt in einer Lebensphase stecken, die ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordert. Dass sie sich trotzdem Zeit für diese liebevolle Geste nehmen, berührt uns sehr.“

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