Ein Leben wie im Krimi: Eine 93-jährige Sythenerin veröffentlichte Autobiografie

rn„Choreografie (m)eines Lebens“

In ihrem Buch „Choreografie (m)eines Lebens“ berichtet die Sythenerin Ruth Woern (93) aus ihrem Leben. Die Autobiografie liest sich stellenweise wie eine Kriminalgeschichte.

Sythen

, 26.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie hat viel erlebt. Ruth Woern kann unzählige Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Und wenn sie es tut, zieht sie den Zuhörer mit ihren detaillierten und mitunter höchst spannenden Beschreibungen in ihren Bann. „Mensch, schreib das doch mal alles auf“, sagten Freunde irgendwann zu ihr. „Schreib doch mal ein Buch.“ Und so entstand die Biografie der 93 Jahre alten Sythenerin, die bereits 2016 erschienen ist. Sie handelt von Kindheit und Krieg, von Liebe, Trennungen und Happy End. Und von einem spektakulären Diebstahl.

„Ich bin ein echtes Ruhrgebietskind“, sagt die Autorin. Aufgewachsen in Recklinghausen, kommt sie als 17-Jährige während des Zweiten Weltkriegs ins Arbeitsdienstlager nach Burgsteinfurt. Dort muss sie in der Landwirtschaft schwer schuften. „Die Männer waren ja alle an der Front“, erinnert sie sich.

Detaillierte Erinnerungen prägen das Buch

Bis ins allerkleinste Detail erinnert sich die Autorin an die Ereignisse aus ihrer Vergangenheit und an die Menschen, denen sie begegnete. An die ständigen Flieger-Alarme, an den Knecht auf einem Bauernhof, dessen Hände mit Warzen übersät und dessen Zähne tiefgelb waren.

An das Ernährungsamt in Berlin, wo sie als Mitarbeiterin ihr Leben aufs Spiel setzte, als sie beim Verteilen der Lebensmittelmarken ein kleines Schnippelchen in die eigene Tasche steckte. „Meine Mutter hat über das halbe Pfund Butter, das die Marke wert war, vor Freude geweint“, sagt Ruth Woern. Die Kriegs- und auch die Nachkriegszeit ist geprägt von Entbehrungen.

Das Buch der Halterner Autorin ist im Novumverlag erschienen.

Das Buch der Halterner Autorin ist im Novumverlag erschienen. © Ingrid Wielens

Als 20-Jährige heiratet sie einen britischen Soldaten, zieht nach London. Die Ehe scheitert. Mit ihrer damals sechsjährigen Tochter kehrt Ruth Woern 1956 nach Deutschland zurück. Fortan arbeitet sie als Chefsekretärin und Dolmetscherin („Mein Englisch war immer sehr gut“) bei den Chemischen Werken Hüls.

Erneute Heirat führt nach Sythen

1966 heiratet Ruth Woern erneut. Nach der Pensionierung ihres Ehemanns, der Schuldirektor war, zieht das Ehepaar von Stuttgart für einige Jahre nach Sythen und später nach Reken.

Als Ruth Woern sich dort jahrelang um ihren schwer depressiven und pflegebedürftigen Gatten kümmert, beginnt auch ihre vorübergehend kriminelle Karriere. „Ich musste damals auf Vieles verzichten“, schreibt sie. Auf gemeinsame Unternehmungen und Gespräche mit dem Ehemann und mit Freunden. „Eines Tages glaubte ich, ein geeignetes Ventil für meine Zwangslage gefunden zu haben.“ Es begann mit dem Diebstahl von Kleinigkeiten. „Das verschaffte mir eine angenehme Erregung“, heißt es in dem Buch.

„Es war wie eine Sucht“

Minutiös schildert die Autorin, wie sie zuletzt „mit einem ausgeklügelten Schlachtplan“ einen auffälligen Brillantring aus einem Warenhaus mitgehen ließ. „Ich war mir bewusst, dass meine Handlung kriminell war“, sagt Ruth Woern im Rückblick. „Aber meine unterdrückte Energie suchte nach einem Ausweg, es war wie eine Sucht.“ Im Jahr 2000 stirbt ihr Ehemann.

Bis vor sechs Monaten lebte die heute 93-Jährige drei Jahre lang in einer Seniorenresidenz in Travemünde. Inzwischen hat sie sich wieder gut in Sythen eingelebt. Ruth Woern wohnt bei ihrem verwitweten jüngeren Bruder. „Wir haben uns schon immer sehr gut verstanden“, berichtet sie.

Jetzt lesen

Der Stadt Haltern fühlt sich die Autobiografin „sehr verbunden“. Mit den Eltern sei sie schon als Kind bei Ausflügen in der Seestadt gewesen. Noch ein weiteres Mal umziehen wird sie nicht mehr. „Nein“, sagt die Seniorin, „ich bin faul geworden“.

Ihr Buch mit dem Titel „Choreografie (m)eines Lebens“ hat Ruth Woern unter dem Pseudonym Kristina Brandt geschrieben. „Damals im Seniorenheim habe ich das Buch lieber anonym herausgebracht“, erklärt sie. Sie habe keine Aufmerksamkeit damit erregen wollen. „Die Leute reden ja so viel.“

Choreografie (m)eines Lebens, Novumverlag, ISBN 978-3-95840-257-7, 21,90 Euro.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt