Stefan Kania aus Haltern arbeitet in London. Das Foto zeigt ihn auf dem Primrose Hill im Regents Park. „Es ist auf jeden Fall eine spannende Zeit im Moment“, sagt er über die ersten Wochen nach dem Brexit. © privat
Ein Halterner in London

Ein Lippramsdorfer in London: „Froh, nun weniger über den Brexit zu hören“

Stefan Kania arbeitet seit fünf Jahren als Data Scientist in London. Er, aber auch ein Großteil seiner Freunde und Bekannten ist sehr enttäuscht, dass Großbritannien die EU verlassen hat.

Stefan Kania aus Haltern-Lippramsdorf ist 2010 nach Schottland gezogen, um dort an der University of Aberdeen seinen Master in Economics zu absolvieren. Schottland war für den heute 30-Jährigen eine gute Option. Denn das Studium dort war für EU-Bürger kostenfrei. „Interessanter Weise mussten Studenten aus England Studiengebühren bezahlen“, erzählt Stefan Kania im Gespräch mit der Halterner Zeitung.

Von Aberdeen zog es ihn weiter: An der University of Nottingham studierte er ein Jahr für den Master in Econometrics. Die Studiengebühren für den Master in Nottingham wurden komplett durch ein Stipendium von der EU bezahlt. Heute wohnt und arbeitet Stefan Kania in London. Dorthin ist er zunächst der Liebe wegen gezogen. Wie es ihm in der Wahlheimat mit dem Brexit geht, berichtet er in einem Interview.

Gelten nach dem Brexit neue Voraussetzungen, um in Großbritannien leben und arbeiten zu können?

Das United Kingdom hat für EU-Bürger, die bereits im Vereinten Königreich wohnen, einen Antrag eingeführt – das EU settlement scheme. Dieser kann von allen EU-Bürgern, die vor dem 31. Dezember 2020 in die UK gezogen sind, ausgefüllt werden und erlaubt ihnen, weiterhin hier zu wohnen, zu arbeiten oder zu studieren. Die Regierung hat dazu eine App bereitgestellt, mit der man entsprechende Dokumente hochladen kann. Innerhalb von zwei Wochen hatte ich einen „settled status“.

Wie hat sich der Arbeitsalltag verändert?

Zeitgleich mit dem ersten Lockdown in Großbritannien im März 2020 habe ich meine Arbeitsstelle gewechselt. Meine vorherige Firma war eine Versicherung, die sich unter anderem auf Betriebsausfälle für kleine und mittelständische Unternehmen spezialisiert hatte. Der Wechsel war sehr glücklich, da die Versicherung stark von Corona und Brexit betroffen ist. Einige meiner ehemaligen Kollegen wurden bereits entlassen. Meine jetzige Firma entwickelt Handyspiele – eine Industrie, die von den Corona-Lockdowns überwiegend profitiert hat. Der Großteil unserer Kunden kommt aus den USA und Australien, somit haben wir auch durch den Brexit keine negativen Entwicklungen erfahren.



Homeoffice gewinnt immer mehr an Gewicht in den Firmen. Ist das auch ein Arbeitsmodell in London?

Seit meinem Start in der neuen Firma im März 2020 ist diese komplett auf Homeoffice umgestiegen und wird auch bis frühestens September diesen Jahres so verbleiben. Dadurch habe ich bisher noch keinen meiner Mitarbeiter persönlich getroffen, sondern spreche mit allen nur über Zoom und Slack. In Bezug auf den Brexit ist das Land stark gespalten. Deshalb werden Meinungsäußerungen zum Brexit in unseren Team-Meetings vermieden.



Das heißt, die einen sind froh, von Europa abgenabelt zu sein, die anderen möchten die Entscheidung am liebsten rückgängig machen?

Wie viele andere lebe auch ich in einer Blase von hauptsächlich Gleichgesinnten. Der Großteil meiner Freunde und Bekannten ist sehr enttäuscht, dass Großbritannien die EU verlassen hat. Gleichzeitig sind viele aber auch erleichtert, dass zumindest ein Teil der Unsicherheit vorbei ist. Der ganze Prozess hat sich so in die Länge gezogen. Viele sind einfach froh, jetzt weniger über den Brexit zu hören.



Wie lebt es sich im Londoner Homeoffice?

Ich wohne mit meiner Verlobten in einer kleinen Wohnung in London. Sie arbeitet derzeit an ihrer Doktorarbeit im Fach Immunologie. Wir haben unsere Wohnung so umgestellt, dass einer von uns im Wohnzimmer und einer im Schlafzimmer arbeiten kann. Meine Verlobte ist in der glücklichen Lage, dass die Gelder für ihre Doktorarbeit bereits vor dem Brexit gesichert wurden.

Ist eine Reise von London nach Haltern schwieriger geworden?

Seit Beginn der neuen Regeln bin ich noch nicht zurück nach Haltern geflogen. Ich werde aber für zukünftige Reisen mehr Zeit einplanen. Denn ich gehe davon aus, dass Passkontrollen mehr Zeit in Anspruch nehmen werden.

War es für Dich ein persönliches Glück, Dich für ein Studium und schließlich auch für ein Bleiben in England entschieden zu haben?

In dieser Zeit habe ich viele Freunde und auch meine Verlobte kennen gelernt. Was mich sehr glücklich macht, ist, dass viele meiner ehemaligen Studienkollegen aus Schottland und England mittlerweile auch Freunde von meinen Freunden in Haltern sind. Einige von ihnen wurden sogar zur Hochzeit meines Studienkollegen nach Edingburgh eingeladen.

Letztlich hat also Europa schöne Freundschaften gestiftet?

Ich bin überzeugt, dass die damalige Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU einen großen Einfluss auf meinen Lebensweg gehabt hat. Viele der guten Freundschaften zwischen Halternern und Briten wären nicht entstanden, wenn es damals nicht so leicht für mich gewesen wäre, in Großbritannien zu studieren. Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen sind die neuen Studienbedingungen für mich einer der großen Verluste des Brexits.

Was gefällt Dir an London?

2015 bin ich nach London gezogen, weil die Familie meiner Verlobten dort wohnte und weil es in dieser Stadt viele attraktive Jobs gab. Kulturell hat London sehr viel zu bieten – jedenfalls vor Corona. Ich liebe es, dass man spontan am Wochenende eine Show oder eines der vielen Museen besuchen kann. Einige meiner Freunde wohnen hier und andere kommen regelmäßig durch ihren Job nach London. Für meine berufliche Karriere hat London auch viel zu bieten. Viele spannende Firmen sind hier basiert, man lernt ständig neue und interessante Menschen kennen. Manchmal kann London aber auch überwältigend sein. Die Stadt hat ein sehr schnelles Tempo. Das kann für einen Lippramsdorfer auf Dauer ganz schön anstrengend sein.

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?

Der Plan ist, in naher Zukunft wieder zurück nach Deutschland zu ziehen, um dann eine Familie zu gründen. Ich hatte eine super Kindheit in Lippramsdorf und würde meinen Kindern ebenso gerne ermöglichen, in ihrer Freizeit sorglos mit ihren Freunden im Wald zu spielen.

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Haltern am See ist für mich Heimat. Hier lebe ich gern und hier arbeite ich gern: Als Redakteurin interessieren mich die Menschen mit ihren spannenden Lebensgeschichten sowie ebenso das gesellschaftliche und politische Geschehen, das nicht nur um Haltern kreist, sondern vielfach auch weltwärts gerichtet ist.
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Elisabeth Schrief