Bis 2030 möchte die Bundesregierung die Lebensmittelverschwendung in Deutschland um die Hälfte reduzieren. Das Halterner Reformhaus ist mit der App „Too good to go“ da bereits ein Vorreiter.

Haltern

, 13.09.2018, 17:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Laut der Umweltorganisation WWF werden pro Jahr in Deutschland 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln verschwendet. Deshalb sagt Ernährungsministerin Julia Klöckner, dass die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 um die Hälfte reduziert werden soll.

Eine Möglichkeit hierfür ist die App „Too good to go“ (Deutsch: Zu gut zum Wegwerfen). In Haltern gibt es mit dem Reformhaus Kaubisch an der Merschstraße jedoch lediglich einen registrierten Laden.

In der App bieten Restaurants, Bäckereien, Imbissbuden und Supermärkte überproduzierte Lebensmittel und Speisen zu einem reduzierten Preis an. Die Kunden kaufen die Ware – mit einem Klick in der App – und holen sie während der Öffnungszeiten ab. Die übrig gebliebenen Lebensmittel müssen somit nicht alle weggeworfen werden. Das Unternehmen nimmt noch einen kleinen Obolus ein und die Kunden bekommen die Artikel deutlich günstiger.

„Wertschäfzung für Lebensmittel

Seit Anfang des Jahres hat sich das Reformhaus bei der App registriert, berichtet Filialleiterin Hiltraud Frede-Storp. Die Erfahrungen seien bisher ausschließlich positiv. „Es geht um Wertschätzung für Lebensmittel“, stellt sie klar. Diese müssen „nicht einfach vernichtet werden“. Ein positiver Nebeneffekt sei, dass den Leuten das Reformhaus näher gebracht wird. Die Kunden, die das Angebot bisher in Anspruch nahmen, seien fast alle Neukunden gewesen. „Ich finde es eine tolle Sache. Viele Leute, die nicht den prall gefüllten Geldbeutel haben, Schüler und Studenten, die sich die Lebensmittel zum Normalpreis nicht kaufen können, kommen so zu uns und probieren es mal aus“, berichtet Frede-Storp.

Eine App gegen die Lebensmittelverschwendung

So könnte ein Paket, welches über die App beim Reformhaus gekauft wird, aussehen © Radtke

Ein Paket pro Tag bietet das Reformhaus an. „Aber man merkt, dass die Nachfrage größer wird. Wenn genug Ware da ist, gibt es auch einmal zwei Pakete“, so Frede-Storp. Für 3,90 Euro bekommen die App-Nutzer dann eine Tüte im Warenwert von zehn bis zwölf Euro. „Und das bei reduzierter Ware“, merkt die Filialleiterin an. „Die Kunden gehen durch den Laden und suchen sich aus, was sie gebrauchen können“.

Dass noch nicht mehr Halterner Läden bei der App registriert sind, wundert Hiltraud Frede-Storp. „Man muss offen sein und die Philosophie dahinter verstehen“, findet die Filialleiterin.

Kein Problem für die Tafel

Für die Halterner Tafel ist das Angebot der App noch kein Problem. „Wir haben bisher nichts gemerkt. Es gibt keine nachteiligen Folgen und keinerlei Bedenken“, sagt der erste Vorsitzende Andreas Heitfeld auf Anfrage. Zum Reformhaus hat die Tafel bisher keinen Kontakt gehabt. Ihre Spenden bezieht sie von den großen Discountern sowie Bäckereien und dem Drogeriemarkt dm.

In größeren Städten ist das Angebot an Läden in der App aber bereits deutlich größer, unter anderem ist dort auch die Einzelhandelskette „Real“ in den Foodsharing-Markt eingestiegen und bietet über die App Too good to go Tüten mit Gemüse- und Obst an. Dann könnte es auch auf Kosten der Tafel gehen, denn Real gehört auch zu den Spendern der Tafel. Solange die Discounter aber nicht mit einbezogen werden, sieht Andreas Heitfeld keine Probleme.

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Für die Bäckereien ist es noch keine Alternative

Für Theodor Sanders von der Bäckerei Sanders in Lippramsdorf ist „Too good to go“ noch keine Alternative. Die Organisation wie es abgerechnet wird und wann es abgeholt werden kann, sei nicht so einfach. Für ihn sei es leichter, das Essen kostenlos an die Bedürftigen der Tafel zu geben. „Wir haben auch schon mal Gebäck vom Vortag zum halben Preis angeboten, geben es aber jetzt an die Tafel und sind dann lieber der frische Bäcker“, sagt Sanders. Allerdings sei er sehr froh, dass sich dem Thema Lebensmittelverschwendung und Überproduktion gewidmet wird. Denn auch er bittet um Verständnis, dass kurz vor Ladenschluss nicht mehr „25 verschiedene Brotsorten“, zu Verfügung stehen könnten.

Auch die Bäckerei Geiping, ebenfalls Spender der Tafel, ist noch nicht in der App registriert. „Die Lieferung an die Tafeln im Umkreis ist ein Herzenswunsch von uns“, sagt Mitarbeiterin Antje Feldkamp. Dass in der Geschäftsführung aber zukünftig auch über „Too good to go“ nachgedacht werden könnte, sei durchaus möglich. Aber: „Wenn man so etwas anbietet, muss es auf festen Füßen stehen. Wir können nicht damit anfangen und nach vier Wochen wieder aufhören“, so Feldkamp.

Erster eigener Laden in Dänemark

In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen eröffnete nun sogar der erste „Too good to go“-Laden. Großhändler, die keine eigenen Geschäftsräume haben, liefern hier ihre überschüssigen Waren hin. Auch Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdaten die Anforderungen in Supermärkten überschritten haben und falsch etikettierte Produkte werden hier angeboten. Über die App können die Dänen so erneut eine Tüte kaufen und abholen.

Von „Too good to go“ heißt es: „Bis zu 40 Prozent der Lebensmittelabfälle in Europa finden früh in der Wertschöpfungskette statt – nämlich bevor Lebensmittel in Einzelhandelsgeschäften landen. Das heißt, es gibt ein Meer an gutem Essen, das die Verbraucher gar nicht kaufen und vor der Tonne bewahren können. Total verrückt, wenn man so darüber nachdenkt. Deshalb finden wir bei Too Good To Go, dass es nur logisch ist, den Großhändlern zu helfen, ihre überschüssigen Produkte zu verteilen.“

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