Bis auf 40 Meter war das Windrad eingestürzt. © Halterner Zeitung
Windrad-Einsturz

Eingestürztes Windrad in Haltern: Experte sieht zwei mögliche Ursachen

Nach dem Einsturz des Windrads in Haltern suchen Gutachter nach der Unglücksursache. Ein Windkrafttechnik-Experte hat Vermutungen geäußert, wie es zu der Havarie gekommen sein könnte.

Dass nur ein Teil eines Windrad-Turms einstürzt – nein, so etwas hat auch Lars Schnatbaum-Laumann noch nicht gesehen. „Das ist das erste Mal“, sagt der Windenergie-Experte der Energieagentur NRW zu dem Windrad, das am 29. September in Haltern bis auf 40 Meter in sich zusammenbrach. Abgebrochene Rotorblätter oder komplett umgestürzte Windräder, bei denen das gesamte Fundament aus dem Boden gerissen worden sei, hat er dagegen schon betrachtet. „Gott sei Dank waren das aber auch nur wenige.“

Schnatbaum-Laumann ist bei der Landesbehörde in Düsseldorf Fachmann für Windkrafttechnik. Zur Ursache des Unglücks nahe der ehemaligen Schachtanlage AV9 in Lippramsdorf hat er einige Vermutungen. Ausgehend davon, dass Gewitter und Sturm offenbar ausgeschlossen werden könnten, kommen für ihn eher zwei Möglichkeiten in Betracht.

Montage- oder Fertigungsfehler als Unglücksursache?

Es wirke so, als ob der Turm in sich zusammengesackt sei, sagt Schnatbaum-Laumann. „Das deutet darauf hin, dass es sich um einen Montagefehler oder um einen Fertigungsfehler handeln könnte.“

Theorie 1: Ein Windradturm sei an sich absolut stabil. Die einzelnen Betonfertigteile, die aufeinandergestellt werden, seien mit Mörtel verklebt worden. „Wenn das nicht richtig gemacht wurde, kann eine Platte sich verlagern“, so der Ingenieur. „Und dann ist der ganze Turm instabil.“ Dann fielen alle Teile ineinander zusammen.

Am späten Abend des 29. Septembers 2021 ist in der Hohen Mark in Haltern ein Windrad eingestürzt.
Am späten Abend des 29. Septembers 2021 ist in der Hohen Mark in Haltern ein Windrad eingestürzt. © Guido Bludau © Guido Bludau

Theorie 2: Beton verträgt keinen hohen Druck und Zug. Daher wird das Betonturmteil, auf das noch das Stahlrohrturmteil gesetzt werde, im Innern mit schweren Stahlseilen im Boden verankert. Es wirkten enorme Kräfte auf eine Windenergieanlage ein, betont der Experte. Es sei nun möglich, dass an dem Abend ein oder mehrere Stahlseile rissen, mutmaßt der Fachmann. „Der Knall, den ein Augenzeuge gehört hatte, könnte ein Indiz dafür sein.“

Zeuge hatte es zweimal knallen hören

Der Lippramsdorfer Jäger Heinz Himmelmann hatte an dem Abend auf einem etwa 600 Meter entfernten Hochsitz gesessen, als er nach eigener Aussage plötzlich einen lauten Knall vernommen hatte. „Auf einmal knallte es, als wenn jemand mit einem dicken Hammer auf eine Eisenplatte geschlagen hätte“, berichtete er am Tag nach der Havarie. Innerhalb der nächsten Sekunden habe es dann erneut einen „fürchterlichen Knall“ gegeben und rund 20 Meter unterhalb der Gondel des Windrads sei der Turm in Sekundenschnelle in sich zusammengesunken. Schnatbaum-Laumann dazu: „Beim Zurückschwingen eines oder mehrerer gerissener Stahlseile gibt es einen zweiten Knall. Und dann klappt auch der Turm ein.“

Inzwischen ist das Windrad komplett abgerissen worden.
Inzwischen ist das Windrad komplett abgerissen worden. © BLUDAU FOTO © BLUDAU FOTO

Lars Schnatbaum-Laumann gibt zu bedenken, dass es sich nicht zwingend um einen Materialfehler gehandelt haben muss. „Die Seile könnten möglicherweise auch nicht richtig vorgespannt gewesen sein – dann würde es sich um einen Montagefehler handeln“, sagt er. „Das müssen die Ingenieure und Gutachter jetzt herausfinden.“

Nicht ganz auszuschließen seien auch Spätfolgen des Bergbaus. „Auch das wäre durchaus denkbar“, sagt Schnatbaum-Laumann. „Einen Schiefstand als mögliche Ursache erkennt man aber relativ schnell.“

Der Zeitpunkt ist aus Expertensicht nicht untypisch

Die Theorie vom Montage- oder Fertigungsfehler allerdings hält der Windenergie-Experte der Energieagentur NRW auch aus einem anderen Grund für plausibler: Es ist der Zeitpunkt des Unglücks. „Wenn ein Windrad aufgrund eines Montage- oder eines Fertigungsfehlers einen Schwachpunkt hat, kommt es häufig rund sechs Monate nach Inbetriebnahme zu einer Havarie“, stellt er fest. Ein Riss oder ein anderer Schwachpunkt könne sich in dieser Zeit ausdehnen. Das Windrad in Lippramsdorf war im März in Betrieb genommen worden.

Windenergieanlagen im Wald

  • Windenergieanlagen, die im Wald errichtet werden, kommt nach Auffassung von Lars Schnatbaum-Laumann eine große Bedeutung zu. Weil aufgrund der vielen Waldschäden hier auch viele Möglichkeiten zum Bau der Anlagen gegeben seien. Die Windräder, die über die Baumkronen ragen, versprechen aufgrund ihrer enormen Höhe auch eine ergiebigere Ernte.
  • Die in Haltern eingestürzte Anlage des Windenergieanlagen-Herstellers Nordex war 239 Meter hoch. Sie zählt zu den höchsten Onshore-Windrädern Deutschlands. Sie hat eine Nennleistung von 4 Megawatt. Ein weiteres Windrad baugleichen Typs steht unweit des eingestürzten Windrads.
  • Höher, größer, ergiebiger: Im Schnitt werden Windräder alle zwei Jahre um zehn Prozent größer, weiß der Ingenieur der Energieagentur NRW. „Je höher das Windrad, desto größer ist auch die Windausbeute“, sagt er.
  • Die Entwicklung noch höherer Windräder geht weiter. Ein Ende ist laut Schnatbaum-Laumann noch nicht erreicht. Höhen von 600 Metern, in denen es überhaupt keine Windflaute mehr gibt, könne ein Windrad aber wohl niemals erreichen, meint er.
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens