Entführungsprozess fortgesetzt: Details zur Flucht

Familiendrama in Haltern

Versuchter Totschlag, Kindesentführung, Geiselnahme: Die Vorwürfe gegen den Mann aus Marl wiegen schwer. Vor dem Landgericht in Essen wurde der Prozess am Donnerstag fortgesetzt. Am 1. Juli des vergangenen Jahres hatte sich in Haltern das Familiendrama ereignet.

HALTERN/MARL/ESSEN

, 21.01.2016, 14:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bereits am ersten Verhandlungstag hatte der 39-jährige Angeklagte eingeräumt: „Mir ist eine Sicherung durchgebrannt.“ Er soll seine Ehefrau, die mit der gemeinsamen Tochter getrennt von ihm in einer Wohnung in Haltern am See wohnte, angegriffen, sie gewürgt, die zu Hilfe eilenden Nachbarn mit einem Messer bedroht und das Kind schließlich entführt haben.

Details zur Route, die der Angeklagte dabei mit dem Auto genommen hat, wurden am Donnerstag bei der Vernehmung klar: Von Haltern aus, so beschrieb es der Angeklagte, sei er nach Münster, dann nach Gronau gefahren. Das Messer habe er unterwegs weggeschmissen. Bei einer Rast hinter der holländischen Grenze, so sagte er weiter, hätte das Kind den Wunsch geäußert, an den Strand zu fahren. Um diesen Wunsch zu erfüllen, hätte er allerdings die holländische Nordseeküste nicht in Erwägung gezogen: Die Nordsee sei zu kalt gewesen. Eine Aussage, die die Staatsanwaltschaft in Zweifel zog: Anfang Juli des vergangenen Jahres sei eine der heißesten Perioden des Sommers gewesen.

Ohne Übernachtungspause

Der Angeklagte machte sich, so sagte er aus, – ohne Pause oder Übernachtungsstopp – über Belgien und die Schweiz auf nach Italien, landete schließlich mit einem Zwischenstopp an einer italienischen Küste in Verona. Mehrere Telefongespräche führte er während der Fahrt – nicht nur mit seiner Ehefrau, die dabei von der Polizei unterstützt wurde, sondern auch mit einem Arbeitskollegen, der am Donnerstag vor dem Gericht aussagte. Wie der Zeuge bestätigte, habe er den Angeklagten auf der Flucht über den Haftbefehl, der gegen ihn erlassen wurde, informiert. Der Angeklagte habe den Kollegen außerdem gebeten, Urlaub für ihn einzureichen. „Ich habe ihm gesagt, wenn ich einen klaren Kopf habe, komme ich zurück“, so der Angeklagte dazu.

Mal mehr und mal weniger, so sagte der Angeklagte auf eine Frage des vorsitzenden Richters, habe er registriert, dass seine Frau bei den Telefonaten mit ihm von der Polizei unterstützt wurde. Die Protokolle der Telefongespräche sollen bei einem späteren Verhandlungstermin besprochen werden.

Der Angeklagte ließ sich schließlich zur Rückkehr überreden, wollte sich in Ulm bei Bekannten mit seiner Frau treffen, wie er am Donnerstag noch mal schilderte. An einer Bushaltestelle in Ulm konnte er von der Polizei festgenommen werden.

„Hilfsbereit und liebevoll“

Die Zeugen aus dem Bekanntenkreis des Ehepaares, die am Donnerstag vernommen wurden, beschrieben den Angeklagten als ruhigen Menschen. „Er war immer hilfsbereit und liebevoll“, so sagte ein Zeuge. Dass der Angeklagte sich vor dem Vorfall im Treppenhaus des Halterner Wohnhauses sehr aufgeregt habe, bestätigte ein weiterer Zeuge, der unmittelbar vor der Tat einige Stunden mit dem Angeklagten verbracht hatte. Die Trennung von seiner Frau habe dem Angeklagten sehr zugesetzt: So die Einschätzung von allen drei am Donnerstag vernommenen Zeugen. Außerdem habe es am 1. Juli Probleme rund um einen Hausverkauf gegeben, bei dem die getrennt lebenden Eheleute nicht einer Meinung waren. Eine Vorahnung, dass der Angeklagte seine Tochter entführen wollte, hatte jedoch keiner der vernommenen Zeugen.

Drohung

Vor der Vernehmung des Angeklagten verlas der Vorsitzende Richter noch einen Beschluss des Amtsgerichtes Marl aus dem November 2011. In diesem wird der Mutter der gemeinsamen Tochter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Siebenjährige übertragen. Auch ein Grund ist dort verzeichnet: Der Vater des Kindes habe gedroht, mit dem Kind in die Türkei zu fahren und nicht zurückzukommen.

Als weitere Zeugen waren der Vater, die Schwester und die Schwägerin des Angeklagten am Donnerstag geladen. Sie machten von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Ein Urteil in dem Prozess wird voraussichtlich im Februar fallen. 

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