Er verlor seine Eltern durch Selbstmord und muss sich selbst Suizid-Gedanken stellen

rnPsychisch kranke Eltern

Dr. Christian Kloß verlor früh seinen Vater - durch Selbstmord. Einige Jahre später nahm sich auch seine Mutter das Leben. Was diese Ereignisse mit ihm gemacht haben, hat er aufgeschrieben.

Haltern

, 15.09.2019, 12:11 Uhr / Lesedauer: 2 min

Um ein Thema, was in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird, ging es am Freitagabend bei einer Lesung in der Stadtbücherei. Die Kooperationsveranstaltung des Vereins „pro anima“ unterstützt von der Robert-Enke-Stiftung und der Stadtbücherei lud den Autor Dr. Christian Kloß ein, der aus seiner Biographie „Als sei nichts“ las.

„Ich bin elf Jahre alt, als mir meine Mutter die Nachricht überbringt: ‚Der Papa ist tot.‘ Er hatte sich vor einen Zug geworfen. Es beginnen zwanzig Jahre außerordentlicher Belastungen, der Suche nach Liebe und Anerkennung sowie der Stigmatisierung, Tabuisierung und eigenen Verdrängung. Denn wenige Jahre nach dem Tod des Vaters sollte ich auch meine Mutter verlieren. Vermutlich Selbstmord mit Schlaftabletten. Die paranoide Schizophrenie lässt sie nicht mehr meine Mutter sein.“

Erkrankung ist oftmals ein Familiengeheimnis

„Ein sehr ehrliches und offenes Buch“, urteilt eine Besucherin, „obwohl bekannt ist, dass das Aufwachsen mit einem psychisch erkrankten Elternteil sehr langfristige Folgen für den Lebensweg der betroffenen Kinder nach sich ziehen kann, gibt es in Deutschland leider nur wenig Literatur und Veranstaltungen zu diesem Thema.“

Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viele Menschen eine psychisch erkrankte Mutter oder einen psychisch erkrankten Vater oder beides haben. Es handelt sich bei dieser Erkrankung in der Regel um ein Familiengeheimnis, das tabuisiert und über das nicht gesprochen wird. „Meine Mutter löste sehr viel Scham in mir aus“, erzählt der Autor. „Ich sah mich als Einzelkämpfer, der alle Verantwortung allein zu tragen hat.“

Auseinandersetzung ist ein andauernder Prozess

Die Auseinandersetzung mit seiner Kindheit und Jugend ist ein bis heute andauernder Prozess für den 43-jährigen. „Ich lebe in einer WG, hatte in meinem Leben nur drei Beziehungen, die alle nur höchstens zwei Jahre andauerten. Ich bin zur Zeit arbeitslos, weil ich mich nicht in der Lage fühle, dem Druck der Arbeitswelt standzuhalten.“

Mit bitterer Ironie fügte er hinzu: „Nach der Veröffentlichung meiner Biografie ist es außerdem sehr schwierig auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“

Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter

Die Probleme von Menschen, die als Kind kranke Eltern bzw. einen kranken Elternteil hatten, wirken sich oft bis ins Erwachsenenalter aus: Schwierigkeiten in Beziehungen, Überforderung, Schuldgefühle, Verlustängste, Probleme im Miteinander oder Depressionen beeinträchtigen nicht selten ihr Leben.

Was den Erzählstil des Buches von Dr. Christian Kloß auszeichnet, ist die Tatsache, dass die Geschichten nicht nur die Mühen, die Probleme darstellen. Sie sind gleichzeitig Hoffnungsberichte, die Betroffenen Mut machen sollen, sich aus den Fängen zu befreien - soweit dies möglich ist. Es berührt, wenn der Autor von seinen Suizid-Gedanken redet und macht Mut von den Strategien zum Weiterleben zu hören.

Das Buch ist ein emotionaler Erfahrungsbericht

„Als sei nichts“ ist ein emotionaler Erfahrungsbericht. Viele Fragen bleiben offen, aber dennoch regt das Buch zum Nachdenken an. Vielleicht auch bei denjenigen, die es in ihrer Kindheit gut gehabt haben, ein bisschen mehr Verständnis für andere Menschen aufzubringen.

Auf jeden Fall hinterließ diese Lesung nachdenkliche Gesichter in der Halterner Stadtbibliothek. Eine Kindheit und Jugend im Schatten – schwer vorstellbar für jemanden, der dies nicht erlebt hat.

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