Gegen das Vergessen: Stolperstein für Bernhard Leo Peters in Lavesum

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Wegen einer Epilepsie-Erkrankung hatten die Nazis ihn als „lebensunwert“ eingestuft und ermordet. Im Gedenken an Bernhard Leo Peters wurde in Lavesum ein Stolperstein verlegt.

23.06.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das alte Foto zeigt einen kleinen etwa 13 Jahre alten Jungen, der ernst in die Kamera schaut. Zusammen mit drei Schwestern und seiner Mutter steht er vor seinem Elternhaus in Lavesum. Das Bild entstand um das Jahr 1925 herum. Nur 18 Jahre später wurde Bernhard Leo Peters zum Opfer der NS-Euthanasie. Fast 77 Jahre nach dessen Ermordung erinnerten am Montagnachmittag in der Kastanienstraße im Halterner Ortsteil Vertreter von Politik und Verwaltung zusammen mit dessen Neffen Hermann Kleine Büning an das tragische Schicksal. Auf Initiative Kleine Bünings auch, der aus Haltern stammt und heute in Münster lebt, verlegte Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein gegen das Vergessen direkt vor dem Haus, in dem Bernhard Leo Peters bis 1941 lebte. Im Halterner Stadtgebiet gibt es bereits einige dieser Steine zum Gedenken an die jüdischen Holocaust-Opfer der Stadt. In Lavesum ist es der erste Stolperstein.

Hermann Kleine Büning (l.) und Bürgermeister Bodo Klimpel vor dem Stolperstein in der Kastanienstraße 2

Hermann Kleine Büning (l.) und Bürgermeister Bodo Klimpel vor dem Stolperstein in der Kastanienstraße 2 © Ingrid Wielens

„Der Junge mit der Mütze ist Bernhard“, erzählte Hermann Kleine Büning sichtlich bewegt beim Blick auf das Foto. Mit der Kappe auf dem Kopf erinnere ihn der Junge an den schelmischen Michel aus Lönneberga, eine Romanfigur aus der Feder Astrid Lindgrens.

Junger Mann erkrankte mit 20 Jahren an Epilepsie

Am 30. April 1912 kam Bernhard Leo Peters zur Welt. In Lavesum besuchte er die Volksschule, arbeitete später beim Vater in der Landwirtschaft und in der Forstwirtschaft. Mit etwa 20 Jahren erkrankte der junge Mann an Epilepsie. Die Anfälle wurden im Laufe der Jahre schlimmer. Ein Hausarzt bescheinigte die Erbkrankheit, 1938 wurde Bernhard Peters im Knappschaftskrankenhaus zwangssterilisiert. Ende 1941 kam er dann in die westfälische Heilanstalt nach Münster.

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Stolperstein gegen das Vergessen für den Lavesumer Bernhard Leo Peters

Von dort aus verschleppten ihn die Nazis in einem Sammeltransport am 29. Juni 1943 in die Übergangsanstalt Eichberg in Eltville. Vier Monate später - in der Nacht zum 25. Oktober 1943 - wurde Bernhard Leo Peters in Hadamar ermordet - als einer von etwa 300.000 wehrlosen Menschen, die von den Nazis „minderwertig“ und „lebensunwert“ genannt worden seien, berichtete Hermann Kleine Büning.

Dank an Kulturausschuss und Rat der Stadt

„Wir haben uns in Deutschland mit der Aufarbeitung der Medizin-Verbrechen schwer getan“, meinte Peters’ Nachfahre. Das geistige Fundament aus der NS-Zeit habe sich lange gehalten. Die Erinnerung an die Opfer sei verdrängt worden. „So wurde ihnen noch mal Unrecht zugefügt.“ Doch in Haltern habe es immer wieder Menschen gegeben, die das Vergessen nicht hinnehmen wollten.

Kleine Büning bedankte sich beim Kulturausschuss und dem Rat der Stadt Haltern für die Unterstützung. Dort hatte man sich einstimmig für den Stolperstein ausgesprochen.

„Ein Signal gegen Ausgrenzung und Rassismus“

Der Stolperstein in Lavesum sei zwar klein und möge unscheinbar wirken. Gemeinsam mit allen Stolpersteinen in der Welt sei er aber ein Signal gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus und Faschismus. Kleine Büning: „Und er ist ein Stein für Menschlichkeit, Toleranz und Solidarität.“

Vor dem Haus an der Kastanienstraße 2 in Lavesum setzte Gunter Demnig einen Stolperstein gegen das Vergessen. Ein Foto von dem Elternhaus, das heute nicht mehr wiederzuerkennen ist, wollte der Eigentümer nicht in der Zeitung sehen.

Vor dem Haus an der Kastanienstraße 2 in Lavesum setzte Gunter Demnig einen Stolperstein gegen das Vergessen. Ein Foto von dem Elternhaus, das heute nicht mehr wieder zu erkennen ist, wollte der Eigentümer nicht in der Zeitung sehen. © Ingrid Wielens

Die Halterner Erinnerungskultur werde mit dem weiteren Stolperstein in Lavesum um ein großes Stück erweitert, erklärte Bürgermeister Bodo Klimpel. Die Auseinandersetzung mit diesem dunklen Teil der deutschen und auch Halterner Geschichte sei allen ein großes Anliegen. In Haltern gebe es auf verschiedenen Ebenen viele Bürger, die Themen wie Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus aktiv beleuchteten. Es sei wichtig, hier „am Ball zu bleiben“ und aufkommenden rechtsnationalen und faschistischen Strömungen entgegen zu steuern.

Zur Musik von Martin Classen am Saxofon setzte Gunter Demnig den Stolperstein. Mehr als 77.000 Steine dieser Art hat der in Hessen lebende Künstler bereits in aller Welt verlegt. Allein 2019 war er an 260 Tagen für das Projekt, mit dem er an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern will, unterwegs.

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