Häusliche Gewalt in der Corona-Krise: So sieht es in Haltern aus

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Eine Zunahme der Gewalt in Familien hatten Experten angesichts der Corona-Pandemie vorausgesagt. Über die Entwicklung in Haltern haben nun Stadt und Polizei informiert.

Haltern

, 17.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schulen und Kitas waren wochenlang geschlossen, auch Spiel- und Sportplätze durften wochenlang nicht genutzt werden. Erst langsam werden Vorschriften wieder gelockert, pädagogische Einrichtungen wieder geöffnet. In Corona-Zeiten verbringen Familienmitglieder bis heute viel Zeit miteinander. Das kann zu Stress und Streit führen. Experten von Kinderschutzbund und Bundeskriminalamt hatten daher vor einer Zunahme der häuslichen Gewalt gewarnt. Diese Befürchtungen mögen sich mancherorts bewahrheitet haben. Die Stadt Haltern indes verzeichnet keinen Anstieg von Gewalt in Familien. Das hat einen guten Grund.

Keine Auffälligkeiten in Haltern

„Die Zahl der Meldungen wegen möglicher Kindeswohlgefährdungen ist auch seit dem Beginn der Corona-Pandemie in Haltern unverändert geblieben“, sagt Georg Bockey. Es habe keine Auffälligkeiten gegeben. Wie der Sprecher der Stadt ausführt, seien 2019 in diesem Zusammenhang 66 Meldungen beim Halterner Jugendamt eingegangen - im Schnitt also etwa fünf pro Monat. Das Jugendamt habe aber dann lediglich in 15 Fällen auch tatsächlich eingreifen müssen. Oft hätten dabei erzieherische Hilfen schon ausgereicht. Bockey will deutlich machen: Es sind nur äußerst selten schwere Fälle von Kindeswohlgefährdung.

Soziale Kontrolle wirkt

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres sei diese Zahl stabil geblieben. Etwa fünf Anzeigen pro Monat habe es gegeben. Obwohl Kitas und Schulen, in denen Erzieher und Lehrer Verletzungen oft als erste bemerken und dann auch melden, geschlossen waren. „In Haltern spielen die Nachbarn noch eine große Rolle“, sagt Georg Bockey. Das Stichwort lautet: soziale Kontrolle.

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In einer Stadt wie Haltern funktioniere sie nach wie vor, meint der Sprecher. Gewalt in Familien gegen Frauen oder auch Männer dagegen ist nach Bockeys Auskunft in Haltern gar kein Thema. „Hier sind uns keine Meldungen bekannt.“

Polizei: Zahl der Einsätze wegen Gewalt in Familien nicht gestiegen

Die Polizei macht ähnliche Erfahrungen. „Unsere Befürchtungen haben sich nicht bestätigt“, erklärt Ramona Hörst, Sprecherin der Kreispolizei Recklinghausen. Die Zahl der Einsätze im Zusammenhang mit Gewalt in Familien sei in Zeiten von Corona unverändert geblieben und nicht - wie vom Bundeskriminalamt befürchtet - gestiegen. Das NRW-Innenministerium gab sogar einen Rückgang der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt bekannt: Wurden im März 2019 noch rund 3000 in NRW registriert, waren es im Vergleichszeitraum dieses Jahres noch 2100 Einsätze - ein Rückgang um 30 Prozent.

Zulauf bei der „Nummer gegen Kummer“

Eine starke Zunahme des Beratungsbedarfs indes haben die Mitarbeiter der „Nummer gegen Kummer“ festgestellt. „Die Einschränkungen gepaart mit einem meist beengten Aktionsradius können leicht zu familiären Konflikten führen“, erklärt Nina Pirk. Den anonymen und kostenlosen Beratungsangeboten, die telefonisch, im Online-Chat und per Mail in Anspruch genommen werden können, komme daher in der aktuellen Situation eine sehr große Bedeutung zu. „Wir versuchen, durch Aufmerksamkeit, Zuhören und Verständnis Überlastungen abzubauen und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden“, so Pirk weiter.

Häusliche Gewalt allerdings sei bei den Beratungsgesprächen kein Thema. Pirk befürchtet hier ein großes Dunkelfeld.

Beratungsbedarf um mehr als 20 Prozent gestiegen

Bereits im März wurde nach Angaben der Sozialwissenschaftlerin ein Anstieg an den Telefonen und in der Online-Beratung der „Nummer gegen Kummer“ verzeichnet. So fanden beim Elterntelefon (0800 111 0550) 22 Prozent mehr Beratungen statt als im Vormonat, bei der Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche sogar 26 Prozent mehr. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Nummer 116 111 erreichbar. „Viele Familien sind jetzt besonders gefordert“, sagt Nina Pirk. Ihnen müsse jegliche Unterstützung zukommen.

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