Halterner Hebammen blicken mit Sorge auf Versorgung werdender Familien

rnSchwangerschaft und Geburt

Viele Hebammen steigen nach der Ausbildung direkt aus dem Beruf wieder aus. Der Bedarf der werdenden Familien in Haltern sei zwar noch abgedeckt. Doch werdende Eltern müssen schnell sein.

Haltern

, 02.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist erschreckend“, sagt Kirsten Hagedorn. Die Hebamme arbeitet neben ihrer Tätigkeit in einer Klinik in Recklinghausen auch freiberuflich in der Halterner Hebammenpraxis. Entweder stiegen junge Kollegen direkt wieder aus dem Beruf aus oder gingen von Anfang an in die Freiberuflichkeit. „Diese Tendenz kommt immer klarer raus.“

„Der Beruf hat viele schöne Seiten. Vonseiten der Familien ist es ein sehr dankbarer Beruf und man kann sich als Freiberufler seinen Tag frei gestalten, das macht es wieder attraktiv“, so Hagedorn. Viele Mütter, die als Hebammen arbeiten, können ihre Arbeit so auf die Zeit beschränken, in der die eigenen Kinder in der Kita sind. Aber: „Es gehen nicht umsonst so viele Hebammen aus dem Job“, so Hagedorn.

Der direkte Weg führe heute nur noch für die wenigsten frisch ausgebildeten Hebammen in Kliniken. Die Gründe für den Ausstieg zwischen Ausbildungsende und Freiberuflichkeit: ständige Bereitschaft, steigende Versicherungsbeiträge, steigende Verantwortung und die steigende Klagebereitschaft junger Eltern, so die beiden Hebammen. „Hier entwickeln sich zum Teil amerikanische Verhältnisse“, sagt Claudia Müffler, die über ihre Arbeit als Hebamme im St.-Elisabeth-Krankenhaus hinaus in der Halterner Hebammenpraxis arbeitet.

„Dadurch entsteht eine Unterversorgung der schwangeren Frauen“

Hinzu kommen Details wie die Kilometerpauschale: Wäre eine Anfahrt zu einer schwangeren Frau über 25 Kilometer länger als für die nächst ansässige Hebamme, ist das laut Kirsten Hagedorn nicht mehr mit der Kilometerpauschale zu vereinbaren. Freiberufler schafften am Tag zwar etwa acht Hausbesuche. Allerdings erfordere das auch eine gute Koordination.

„Viele Kollegen arbeiten weniger freiberuflich, dadurch entsteht eine Unterversorgung der werdenden Familien“, sagt Kirsten Hagedorn. „Früher konnten wir auf der Wochenbettstation noch eine Wochenbettbetreuung zusagen.“ Heute sehe es für Frauen, die sich erst ab der 12. Schwangerschaftswoche um eine Hebamme bemühen, schlecht aus, sagt Hagedorn. Auch in Haltern.

Dennoch sei der Bedarf der werdenden Familien hier noch gut abgedeckt. In Haltern gebe es aktuell 12 Hebammen - eine Ausnahmesituation, sagt Hagedorn, die seit 24 Jahren in dem Beruf arbeitet. „Gefühlt sind die Frauen hier weitestgehend betreut. Wir sind froh, dass wir hier ein Team haben, das am Ball bleibt.“ Trotz allem: Auch hier seien die Kapazitäten erreicht. Derzeit gebe es schon Anfragen für Ende Oktober in der Hebammenpraxis. Bei Facebook schrieb eine werdende Mutter: „Wir haben heute mehrere Hebammen aus Haltern abtelefoniert und mussten dabei feststellen, dass keine freien Hebammen zu kriegen sind. Beim ersten Kind vor fünf Jahren konnten wir noch selbst auswählen, wen wir als Hebammen haben möchten und nun so was.“

„Wir wissen wir nicht, wo oder wie die Frauen versorgt werden“

Durch die Schließung der Geburtenstation des St.-Sixtus-Hospitals sei die Arbeit der Hebammen weitestgehend unberührt geblieben. „Für uns kommt jetzt viel Fahrerei dazu, das schränkt die Möglichkeiten am Resttag ein“, sagt Hebamme Claudia Müffler. Und: „Wenn wir Frauen absagen, wissen wir nicht, wo oder wie sie versorgt werden.“ Dass alle Frauen in der Hebammenpraxis oder im Sixtus-Krankenhaus zusammenlaufen, das falle nun weg. Einen Vorteil durch die Verlagerung der Arbeit der Hebammen nach Dorsten ergebe sich allerdings nun für Frauen in Wulfen und Lippramsdorf. Dadurch, dass etwa Claudia Müffler auf ihrem Dienstweg diese Ortsteile passiert, kann sie hier eher Frauen betreuen.

  • Frauen, die keine Hebamme haben, können sich nach der Geburt nach wie vor für einen Termin in der Wochenbettambulanz des St.-Sixtus-Krankenhauses melden. Hier wird neben Still- und Ernährungsberatung unter anderem Lasertherapie bei Wundheilungsstörung angeboten. Kontakt: Tel. (02364) 10 42 42 00.
  • Trotz guter Betreuungslage sei in Haltern der Bedarf nach weiteren Vorbereitungskursen da. Hier stoße man allerdings an seine Grenzen, so Hagedorn.
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