Lenn wirft einen Blick aus der Frontscheibe des LKWs. © Mareike Graepel
Verkehrssicherheit

Halterner Schüler „erfahren“ den Toten Winkel eines LKW am eigenen Leib

Das schärft den Blickwinkel für den Toten Winkel: LKW-Fahrer Viktor Baierle ließ Kinder der Marienschule Haltern auf dem Fahrersitz seines 40-Tonners des Unternehmens Abenhardt Platz nehmen.

„Ich kann niemanden mehr sehen, meine ganze Klasse ist verschwunden“, staunt Lenn, der auf dem Fahrersitz des 40-Tonnen-LKW Platz genommen hat. Lenns Klasse, die 4a, ist aber nicht verschwunden – sie steht komplett im Toten Winkel. Erneut hat die Marienschule Haltern die Verkehrssicherheitswoche sehr anschaulich und eindringlich gestaltet.

„Jede Grundschule müsste so eine Aktion machen“, sagt der Dattelner Landwirt und Unternehmer Carsten Abenhardt, dessen Firma das riesige Fahrzeug bereits seit Jahren zur Verfügung stellt.

Sensibilisierung der Kinder für Gefahrenzonen

Wie groß die Toten Winkel rund um einen LKW sind, erklärt Fahrer Viktor Baierle jeder der acht Klassen der Halterner Schule geduldig. Er zeigt anhand von Kreidestrichen und Verkehrshütchen, wo er Fußgänger sehen kann, wenn „sein“ LKW rollt – und wo eben nicht. „Es ist so wichtig, dass die Kinder verstehen, dass spontanes Loslaufen im Zweifel tödlich sein kann – wir Fahrer achten sehr auf Kinder am Straßenrand, aber haben bei plötzlichem Loslaufen keine Chance, den tonnenschweren Lastwagen rechtzeitig zum Stehen zu bringen.“

Wenn der Fahrer überhaupt sieht, dass jemand in seinen Toten Winkel geraten ist. „So ein LKW ist mit Zugmaschine und Auflieger etwa 16 Meter lang, wenn ich rangieren muss, sehe ich auch in den Spiegeln nichts mehr, was um mich herum passiert.“

Moderne Warnsysteme helfen nur zum Teil

Viktor Baierle warnt auch davor, sich als Fußgänger auf moderne Technik zu verlassen – Kameras und Tonsignale beim Rückwärtssetzen können ausfallen. „Am sichersten ist es immer, ausreichend Abstand zu haben und sich nie im Toten Winkel aufzuhalten.“

Lenns Klasse ist mittlerweile aus dem Toten Winkel direkt vor dem LKW wieder herausgetreten und entlang des Hängers bis nach hinten gegangen. Klassenlehrerin Martina Leifert erläutert den Kindern, die in diesem Schuljahr auch ihren Fahrradführerschein machen, wie sie am sichersten in der Nähe eines LKW unterwegs sind.

Diese Aktion kann Leben retten

„Ich wünschte, dass alle Grundschulen so eine oder eine ähnliche Aktion machen“, sagt Carsten Abenhardt, dessen LKW bereits seit Jahren die Halterner Schule besucht. „Es ist so unglaublich wichtig, dass alle Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse den sicheren Umgang mit LKW im Straßenverkehr und die Gefahren durch Tote Winkel und lange Bremswege kennenlernen. Wenn man mit so einer Aktion auch nur ein einziges Leben rettet, in dem man vorbeugt, hat man schon alles erreicht.“

Risiko im Straßenverkehr steigt wieder

Die Corona-Pandemie hatte in Sachen Unfällen mit Kindern zwar auch positive Folgen, so das Statistische Bundesamt: Im vergangenen Jahr sind auf den Straßen so wenige Mädchen und Jungen verunglückt wie noch nie seit der deutschen Wiedervereinigung 1990. Hauptgrund ist das coronabedingt geringe Verkehrsaufkommen gewesen. Und auch die zeitweilige Schließung der Schulen sowie vieler Freizeiteinrichtungen habe sich besonders stark auf die Zahl der Verkehrsunfälle mit Kindern ausgewirkt.

Zwar wurde 2020 durchschnittlich alle 23 Minuten ein Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet. Von den 22.500 Kindern, die bei Unfällen im Straßenverkehr zu Schaden kamen, wurden 48 getötet. Aber: Mit der Rückkehr zum „normalen“ Alltag steigt nun auch wieder das Risiko im Straßenverkehr – umso wichtiger ist also anschauliche und eindringliche Wissensvermittlung wie diese.

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