Die Bewohner des Stadtteils südlich der Lippe schätzen ihre grüne Wohnumgebung. Die mangelnde Infrastruktur und schlechte Radwegeverbindungen sind aber vielen ein Dorn im Auge.

Haltern

, 28.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es sind die gute Verkehrsanbindung, die Nähe zu Wald und Natur, die angenehme Nachbarschaft, die Einbindung in die örtlichen Strukturen: „In Hamm-Bossendorf zu leben, ist ein Traum“, sagt Markus Kemper. Aber er weiß sehr wohl, dass es nicht nur Sonnenseiten im Ortsteil südlich der Lippe gibt.

Markus Kemper ist ein Mann, der sich vielfältig engagiert, in seinem Ortsteil, in der Stadt, in der katholischen Kirche. Im Hauptberuf ist er kaufmännischer Angestellter bei Innogy, außerdem ehrenamtlich als Diakon in der Gemeinde St. Sixtus aktiv, Ortsteilseelsorger der Malteser in Haltern, Notfallseelsorger im Kreis Recklinghausen.

Kemper fühlt sich wohl in seinem Hamm-Bossendorf, das geografisch allerdings ein bisschen „Außen vor“ liegt. Lippe und Wesel-Datteln-Kanal trennen den Ortsteil von der Halterner Innenstadt. Lediglich Flaesheim hat eine ähnliche Lage.

Die Randlage beschert dem Ortsteil Hamm-Bossendorf allerdings auch viele Grünflächen und den Einwohnern Möglichkeiten, die Natur zu genießen. Spaziergänge am Kanal und Wanderungen in die Waldgebiete der Haard sind in wenigen Minuten möglich. Die Möglichkeit nutzt auch Markus Kemper regelmäßig. „Ich kann stundenlang im Wald spazieren gehen oder am Kanal entspannen“, sagt er.

Das wurde positiv bewertet:

Grünflächen. „Hamm-Bossendorf ist einfach toll“ findet auch eine Leserin der Altersgruppe ab 50 Jahre, die sich an unsrer Umfrage beteiligt hat. Grünflächen erhielten die höchste Punktzahl 10 im Ortsteil. „Ich finde Bossendorf super. Es liegt nicht zu weit vom Zentrum entfernt und auch Qualität und Ruhe und die Verkehrsanbindung sind ausreichend gegeben“, lautet ein weiterer positiver Kommentar einer Leserin der Altersgruppe 35 bis 50.

Vor 17 Jahren sind Markus und Monika Kemper mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern in das Neubaugebiet Ecksteinshof im Hamm-Bossendorf gezogen. Durch seine kirchlichen Kontakte hatte Markus Kemper von dem Bauprojekt erfahren und bekam das Grundstück. Er wohnte zu der Zeit mit seiner Familie noch in Dorsten, sang aber in Haltern schon im Kirchenchor mit. „Wie das in Haltern so ist, wenn man niemanden kennt, hat man kaum eine Chance, an bezahlbare Grundstücke und Häuser zu kommen. Wir hatten Glück und fanden die Idee sofort gut, nach Haltern zu ziehen“, sagt er.

Es hätte nicht zwingend Hamm-Bossendorf sein müssen. Aber Markus Kemper hat es keinen Tag bereut, dass es Hamm-Bossendorf wurde. Die Nachbarschaft funktioniert. „Hier wohnen Leute, die aufeinander achtgeben“, sagt er. „Wenn mal einer im Urlaub ist, passt der Nachbar auf das Haus auf.“

Verkehrsanbindung. Ein besonderes Pfund sei die Verkehrsanbindung, findet Markus Kemper. Beruflich muss er in Essen oder Dortmund arbeiten. „Ich fahre von meinem Haus bis zu meinem Dortmunder Büro ampelfrei“, so Kemper. Natürlich bedeutet das auch eine große Nähe zu den Hauptverkehrsstraßen. Die sorgen für ein akustisches Grundrauschen, denn das Haus der Kempers ist Luftlinie nicht sehr weit von der Recklinghäuser Straße entfernt. „Das hört man aber irgendwann kaum noch“, sagt Markus Kemper. Insgesamt wurde die Verkehrsanbindung des Stadtteils von unseren Lesern mit sieben Punkten bewertet.

Lebensqualität. Die 143 Hamm-Bossendorfer, die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, beurteilen die Lebensqualität in ihrem Ortsteil als überdurchschnittlich und vergeben dafür 8 Punkte, ebenso wie für die Sauberkeit, die Nahversorgung erhält zwar eine hohe Punktzahl (9), wird aber von anderen auch kritisiert.

Hamm-Bossendorf: Leben zwischen Naturidylle und Verkehrslärm

Daten und Fakten zu Hamm-Bossendorf © Grafik Verena Hasken

Das wurde negativ bewertet:

Verkehrsbelastung. „Problematisch wird es im Sommer mit den Motorradfahrern, die Richtung Marl-Sinsen auf dem Bossendorfer Damm oder auf der Marler Straße zum Bikertreff Vogel unterwegs sind. Wenn sie normal fahren würden, ginge es ja“, sagt Markus Kemper. „Aber wenn die Harley mit dem getunten Auspuff so richtig aufdreht, das hören wir natürlich deutlich.“ Weitere Lärmbelästigungen kritisieren unsere Leser durch den Zugverkehr auf der Brücke über die Lippe und durch Motorenlärm vom ADAC Verkehrsübungsplatz, auf dem auch Cart-Rennen durchgeführt werden. Die Verkehrsbelastung im Stadtteil wird mit sechs Punkten schon weniger positiv bewertet.

Für die Ausbildung der Kinder fand Markus Kemper die Verkehrsanbindungen zunächst ausreichend. In Heilig Kreuz besuchten sie den Kindergarten, dann die Dachsberg-Grundschule in Flaesheim. „Da kamen sie mit den Schulbus hin, das ging auch noch“, so Markus Kemper.

Verkehrsanbindung/Radweg Innenstadt. Die Fahrt zum Schulzentrum mit dem Rad war dagegen schon schwieriger. „Die Rad- und Fußwegeverbindung ist sehr problematisch“, findet Markus Kemper. „Man fährt ungeschützt direkt neben der viel befahrenen Recklinghäuser Straße, das ist besonders für kleinere Kinder nicht ungefährlich. Auch die Verkehrsführung durch die Bereiche, wo die Gewerbegebiete beginnen, ist nicht ohne“.

Dieser Punkt wird von den Lesern in unserer Umfrage ebenfalls massiv kritisiert. Als „katastrophal gefährlich“ bezeichnet ein Leser der Altersgruppe 35 bis 50 die Radwegeverbindung in die Innenstadt. Radfahrer in Richtung Innenstadt müssen mehrmals die Fahrbahnseite wechseln, weiterhin müssen sie durch die Unterführung an der Alten Recklinghäuser Straße, die inzwischen zu einem Angstraum geworden ist.

Ein Gutachten soll Aufschlüsse zur Radwegverbindung geben

Die Stadt Haltern hat das Thema im Blick. Sie hat ein Gutachten in Auftrag gegeben zur Verkehrsführung im und am Gewerbegebiet Süd. In diesem Zusammenhang wird auch die Situation der Rad- und Fußwegverbindung von Hamm-Bossendorf nach Haltern untersucht. „Das Problem ist uns bekannt, und wir hoffen, dass durch das Gutachten neue Konzepte auf den Tisch kommen“, sagt dazu Stadtsprecher Georg Bockey. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Sommer dieses Jahres vorgestellt. Danach müsste die Stadt das Gespräch mit dem Straßenbaulastträger Straßen.NRW suchen. „Auch wenn unsere Vorschläge dort Gehör finden, bleibt aber abzuwarten, welche Priorität Straßen.NRW dieser Maßnahme dann gibt“, so Georg Bockey. Davon hängt letztlich ab, wann eventuelle Maßnahmen umgesetzt werden könnten.

Optimierungsbedarf sieht auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC). „Eine wirkliche Verbesserung wird sich erst erreichen lassen, wenn wie jetzt angedacht ein ‚ovaler Kreisverkehr‘ die Verkehrssituation an der Kreuzung Recklinghäuser Damm/Alte Recklinghäuser Straße verändert“, sagt Otto K. Rohde, Beisitzer im Vorstand des ADFC-Kreisverbandes. „Die derzeitige Situation ist unbefriedigend, aber es macht wenig Sinn, vor der Umgestaltung über Maßnahmen nachzudenken, die dann eventuell wieder verändert werden müssten.“

Gastronomie. Die Sparkassenfiliale ist weg, es gibt keine Kneipe, keine Gastronomie außer McDonald’s und das ist vielen Hamm-Bossendorfern nach wie vor eher ein Dorn im Auge, auch wegen des erhöhten Müllvorkommens am Kanal. Gastronomie bekommt deshalb lediglich vier Punkte von unseren Lesern. „Als Restaurant gibt es hier nur Meckes“, schreibt eine Leserin in unserer Umfrage. Gastronomie oder ein Café wünschen sich mehrere Leser.

„Was diesem Ortsteil weiterhin fehlt, ist ein Kern, ein Zentrum, wie es ihn vielleicht in Hullern oder Sythen gibt“, sagt Markus Kemper. „Hamm-Bossendorf ist ein Straßendorf, entstanden an einer Verkehrsachse, und auch die Kirche mit ihrer Lage am Kanal bleibt am Rand.“

Treffpunkte im Ortsteil fehlen

Jugendliche. Jugendliche fordern in unserer Umfrage einen Treffpunkt, eine Anlaufstelle im Ortsteil. „Falls irgendwer was Positives über Angebote für Jugendliche schreibt, hat er definitiv keine Ahnung“, schreibt eine Leserin unter 25 Jahre in unserer Umfrage. Der Bereich Jugendliche kommt deshalb auch nur auf drei Punkte und ist der am schlechtesten bewertete.

Dass Jugendliche hier keine Treffpunkte finden, kann auch Markus Kemper bestätigen. „Es gibt den Schützenverein und den Sportverein. Dort gibt es Angebote, auch für jüngere Leute. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Wer das nicht möchte, findet hier in der Tat nichts“, so Markus Kemper. Fünf Jahre lang hat er versucht, eine Gemeinde-Jugend zu gründen und zu betreuen. „Das musste ich leider wegen der intensiven Zeitbelastung wieder aufgeben“, sagt er. „Es hätte mehr Mitstreiter gebraucht, die sich dort langfristig engagieren. Allein ehrenamtlich ist das kaum zu stemmen.“

„Es fehlen Ärzte, Apotheken, Gaststätten und soziale Dienste“, fasst ein Leser der Altersgruppe 35 bis 50 weitere Mängel zusammen. Auch altengerechtes Wohnen und Spielplätze sind für einige Leser ein Thema.

„Örtliches Leben kann man nicht erzwingen“, sagt Markus Kemper. Manchmal hat er schon den Eindruck, das Hamm-Bossendorf ein wenig außen vor ist bei den Halterner Aktivitäten. „Da sind wir hier südlich der Lippe ein bisschen im Nachteil. Aber dafür habe ich die große Nähe zur Natur. Es hat Vor- und Nachteile hier zu leben. Da ich aber auch weiß, wie es vielerorts im Ruhrgebiet aussieht, schätze ich die Vorteile. Wir fühlen uns wohl in Hamm-Bossendorf.“

Alle Ergebnisse unseres Ortsteil-Checks in unserer Übersichtskarte.

Stadtteilteilung

Erst seit 1975 gehört Hamm-Bossendorf durch
die Gebietsreform zu Haltern

  • Bossendorf wurde 1188 als Teil der Pfarre Flaesheim erstmals urkundlich erwähnt. Zu dieser Zeit hieß Bossendorf (damals noch inklusive der heutigen Bauerschaft Bergbossendorf) Bosnippe. Hamm (heute Hämmken) wurde unter dem Namen Hamma schon 1122 urkundlich erwähnt.
  • Hamm und Bossendorf wurden dann im Jahre 1647 zu einem Pfarrbezirk vereinigt. Das heute zu Marl gehörende Sickingmühle gehörte ebenfalls dazu. Die durch die französischen Landesherren (1811–1813) gegründete Bürgermeisterei Dorsten, ab 1844 Amt Marl, umfasste auch die Gemeinde Hamm mit dem Dorf Hamm (1895: 570 Einwohner) und den Bauerschaften Bossendorf (136), Herne (170) und Sickingmühle (166).
  • Bedingt durch die Industrialisierung und die Nähe zu den Großarbeitgebern Chemische Werke Hüls und Zeche Auguste Victoria im Marler Norden breitete sich das Marler Siedlungsgebiet über die Grenzen der Hammer Fläche zunächst zum Süden des Sickingmühler Gebietes (Waldsiedlung) und weiter um das alte Sickingmühle bis auf Herner Gebiet aus, sodass Hamm und Bossendorf insgesamt gerade einmal auf insgesamt 1319 Einwohner angewachsen waren, während Sickingmühle und Herne zusammen 11.122 Einwohner hatten.
  • Folgerichtig wurde bei der Auflösung der Gemeinde Hamm im Zuge der Gebietsreform vom 1. Januar 1975 der dicht besiedelte Westen nach Marl eingemeindet (jetziger Stadtteil Marl-Hamm), während die nach wie vor dörflichen Gemeindeteile Hamm, Bossendorf und Puppendahl im Osten an die Stadt Haltern gingen und den Ortsteil Hamm-Bossendorf bildeten.
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