Handwerk in der Krise: Bäcker und Metzger in Haltern suchen händeringend Azubis

rnBäckereien und Fleischereien

Bäcker und Metzger haben es nicht leicht. Immer weniger junge Menschen wollen den Beruf lernen, die Kunden wandern zu den Discountern ab. Wie ist die Lage in Haltern? Wir haben nachgehört.

24.04.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Zahlen der Bäckereien und Metzgereien in Nordrhein-Westfalen sind rückläufig. Im Vergleich zu 2008 gab es Ende 2018 etwa ein Drittel an Bäckereien und fast ein Viertel an Fleischereien weniger im Bundesland. Im Kreis Recklinghausen und Haltern hingegen seien die Zahlen entgegen des NRW-Trends seit Jahren konstant, heißt es von der Bäcker- und der Fleischerinnung der Kreishandwerkerschaft im Kreis Recklinghausen.

Demnach gebe es im Kreis aktuell 72 Bäckereien und etwa 51 Fleischereien. In Haltern gibt es aktuell laut Innung elf eingetragene Bäckereien sowie neun Fleischereien. „Im Moment ist bei uns das Ende der Fahnenstange erreicht“, vermutet Peter Kempen, Betreuer der Bäckerei- und Fleischerinnung und Leiter der Ausbildungsabteilung. Ende der 90er-Jahre seien die Zahlen der Filialen rückläufig gewesen, seither allerdings nicht mehr. Dennoch: Erst am vergangenen Wochenende hat die Filiale des Gelsenkirchener Fleischerei-Unternehmens Ridderskamp und Hahn an der Rekumer Straße geschlossen. Der Grund: Die Entfernung vom Hauptsitz in Gelsenkirchen bis nach Haltern sei zu weit, sagte ein Mitarbeiter des Unternehmens auf Anfrage. Mehr wollte er nicht dazu sagen. Auch von den Bäckereien sind einige in den vergangenen Jahren aus dem Stadtbild verschwunden: die Bäckerei Albrecht an der Varusstraße, die Bäckerei und Konditorei Tönnes an der Rekumer Straße sowie die Bäckerei Breuer an der Münsterstraße.

Zahl der Azubis auch im Kreis Recklinghausen rückläufig

Was ebenso rückläufig ist wie auf NRW-Ebene, sind die Zahlen der Azubis im Kreis. Während es Ende 2016 noch 49 neue Azubis im Bäckereiwesen im Kreis gegeben habe, waren es Ende 2018 noch 40 neue. Im Fleischerwesen waren es Ende 2016 14 neue, Ende 2018 noch 9 neue Azubis. „Die Ansprüche der Schulabgänger sind anders geworden, auch die Erwartungen an den Beruf“, so Peter Kempen. „Heute machen die meisten Abitur und wollen studieren.“ Weil es immer weniger Schulabgänger gebe und Fachkräfte händeringend gesucht werden, geht Kempen davon aus, dass man künftig auch eine bessere Bezahlung in den Gewerben erwarten könnte. „Das regelt der Markt selber“, sagt Kempen.

Handwerk in der Krise: Bäcker und Metzger in Haltern suchen händeringend Azubis

In NRW sinkt die Zahl der Bäckereien und Fleischereien, im Kreis Recklinghausen hingegen scheinen die Zahlen seit Jahren konstant. © picture alliance/dpa

„Das ganze Handwerk ist tot, keiner will den Beruf mehr lernen“, hatte uns Nicole Walter, Vorgesetzte im Verkauf der Fleischerei Redlich zum Thema Auszubildende im Fleischereiwesen im vergangenen Sommer gesagt. Ganz so drastisch, sagt Theo Sanders, seit 26 Jahren Bäckermeister und Inhaber der Bäckerei Sanders in Lippramsdorf und der Innenstadt, würde er es nicht formulieren. Aber: „Im Prinzip geht die Berufswahl eher in eine andere Richtung.“ Auch die Nachtarbeit sei für viele unattraktiv. Im Prüfungsausschuss der Bäckereiinnung, dem Sanders angehört, gebe es seit Jahren immer weniger Prüflinge. Als Einkaufsmöglichkeit seien Fachbetriebe bei den Kunden nach wie vor für ihre Qualität geschätzt, aber „irgendwo hat das Handwerk als Beruf heute nicht mehr so den Stellenwert“, so Sanders. „Da sagt auch keiner ‚Oh toll, du bist Bäcker‘“.

„Zwingen kann man auch niemanden“

Die Gründe für den Abwärtstrend sieht Peter Kempen im Aufkommen der Discounter in den letzten Jahrzehnten, der Vergrößerung der Supermärkte mit Fleischtheken und Backshops sowie einer Veränderung des Konsumverhaltens der Kunden hin zu immer billigerer Ware. Aber: „Wenn es etwa Fleischskandale gab, hatten die Fachbetriebe immer Zulauf“, so Kempen. Wenn ein Kunde sich etwa bei einem Discounter nicht so sicher fühle, dann zahle er auch gern einen Euro mehr beim Fachhändler.

Zudem hätten es auch kleinere Betriebe schwer, einen Nachfolger sicherzustellen. Wurden Unternehmen in der Vergangenheit traditionsgemäß an die Tochter oder den Sohn weitergegeben, sei das heute eher die Ausnahme, so Kempen. Mithilfe von Imagekampagnen sowie Werbung an Schulen und in Medien arbeite man daran, mehr Nachwuchs für das Handwerk zu gewinnen. „Aber zwingen kann man da auch niemanden“, so Peter Kempen. Einen weiteren Grund sieht Bäckermeister Theo Sanders darin, dass eine Existenzgründung im Bäckereiwesen schnell in den sechsstelligen Bereich gehen könne. Ein wirtschaftliches Unterfangen, an das sich junge Menschen heute nicht mehr so schnell herantrauten.

Lesen Sie jetzt