Helmut Kohls besondere Beziehung zu Haltern am See

Zahlreiche Besuche

Dr. Helmut Kohl, der am 16. Juni im Alter von 87 Jahren verstorbene Altbundeskanzler und Ehrenbürger Europas, wurde in Speyer beerdigt. Sein Bruder Walter liegt 360 Kilometer von der oberrheinischen Stadt entfernt auf dem Sixtus-Friedhof in Haltern am See begraben.

HALTERN

, 01.07.2017, 12:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das war ein Grund, warum Helmut Kohl sich von seinem Chauffeur und Freund Ecki Seeber mindestens einmal im Jahr nach Haltern fahren ließ, um – fast immer inkognito – das Grab seines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bruders zu besuchen. „Wann immer ich in Haltern an seinem Grab gestanden habe, ist mir vieles durch den Kopf gegangen, vor allem die Sinnlosigkeit des Krieges“, sagte Helmut Kohl 2013 in einem Interview mit der Halterner Zeitung. Offiziell kam Helmut Kohl als Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz zum ersten Mal nach Haltern, als Bundeskanzler fuhr er in den Schacht 1/2 des Bergwerks General Blumenthal ein, außerdem gratulierte er Haltern 1989 persönlich zum Stadtjubiläum.

Helmut Kohl war den Halternern dankbar. Dankbar für ihre Art und Weise, wie sie der verstorbenen Soldaten gedenken. Um die Pflege von Walter Kohls Grab auf dem katholischen Friedhof in der Innenstadt kümmerten sich jahrelang die Ordensschwestern aus dem St. Sixtus-Hospital. Sie hielten die Grabstelle sauber und bepflanzten eine Schale mit Blumen je nach Jahreszeit. Heute pflegt die Stadt das Soldatengrab. 1989 besuchte der damalige Bundeskanzler ein letztes Mal das Schwesternkonvent, um sich bei den Franziskanerinnen zu bedanken. Das Erinnerungsfoto hängt noch heute in der 7. Etage des Franziskushauses.

Immer in Eile

Seither ist es allerdings still geworden. „Wir haben keinen Kontakt mehr zu Helmut Kohl“, sagte Schwester Nicerata zum 80. Geburtstag des Pfälzers. Wohlwissend, dass er schwer krank war. Sie schätzte Helmut Kohl sehr. Als Kanzler war er immer in Eile. Schwester Nicerata erinnerte sich: „Die Leibwächter hatten unseren Kuchen noch nicht aufgegessen, da mahnte Helmut Kohl bereits wieder zum Aufbruch.“

Der Tod meines Bruders war für meine Familie ein schwerer Schock, den ich bis heute nicht vergessen habe“, sagte Helmut Kohl im November 2013 in einem Interview mit der Halterner Zeitung. Walter Kohl, geboren am 18. September 1926 und vier Jahre älter als Bruder Helmut, leistete nach dem Abitur seinen Reichsarbeitsdienst ab, Anfang 1944 wurde er zur 3. Fallschirm-Jäger-Division eingezogen. Sein Regiment traf einen Tag nach der Landung der Alliierten Streitkräfte in der Normandie ein. Walter Kohl wurde verwundet, durfte auf Heimaturlaub zu seiner Familie nach Ludwigshafen. „Die prägendste Erinnerung an meinen Bruder ist unser letzter Abschied voneinander“, sagte Helmut Kohl gegenüber der Halterner Zeitung. „Ich hatte ihn, als er nach einigen Tagen bei uns zu Hause wieder zurück in den Krieg musste, sehr früh am Morgen zur Straßenbahnhaltestelle begleitet.“ Beim Einsteigen in die Bahn habe er sich noch einmal umgedreht und gesagt: „Pass auf dich auf, ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama.“

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Walter Kohl sollte recht behalten. Als am 19. November 1944 die 3. Fallschirm-Jäger-Division im Rahmen eines Militärtransportes in den Halterner Bahnhof einfuhr, wurde sie von Alliierten bombardiert. Walter Kohl und seine Kameraden flüchteten. Die Geschosse schlugen aber in Überlandleitungen ein, Walter Kohl erlitt durch den Stromschlag schwere Verletzungen und starb wenig später. Am 28. November wurde er auf dem Sixtus-Friedhof beigesetzt. „Im bin froh, dass es das Grab gibt“, sagte Helmut Kohl.

Aus dieser persönlichen Beziehung heraus, nahm Helmut Kohl gerne Einladungen nach Haltern an. Offiziell besuchte Kohl die Stadt bereits 1975 in seiner Funktion als Bundesvorsitzender der CDU und rheinland-pfälzischer Ministerpräsident. 1986 folgte ein weiterer Ausflug nach Haltern. Mit dem damaligen Arbeitsminister Dr. Norbert Blüm streifte sich Kohl die Bergmannskluft über und fuhr auf dem Schacht Haltern 1/2 unter Tage. Bürgermeister Hermann Wessel eilte mit dem Goldenen Buch hinterher.

Eintrag ins Goldene Buch

1989 trug sich Helmut Kohl erneut in das Goldene Buch ein. Mit 540 Gästen feierte die Stadt am 3. Februar 1989 die 700. Wiederkehr der Verleihung der Stadtrechte. Auf dem Stuhl zwischen Bürgermeister Hermann Wessel und Weihbischof Josef Voß nahm Bundeskanzler Helmut Kohl Platz. Aus sehr persönlichen Gründen sei er nach Haltern gekommen, sagte er in seiner Festrede. Vor der Feierstunde hatte er am Grab seines Bruders innegehalten. Er hatte es nie gern, wenn er dabei angesprochen oder gar fotografiert wurde.

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Es gab auch Gegenbesuche. So im Juni 1993, als die Handwerksmeister Josef Büning, Günther Gerdes, Werner Mertmann, Johannes Nienhaus, Heinrich Rips, Georg Rohlf, Manfred Stevermuer und Klaus Tiemann  ihre 16 Länderstühle und einen Deutschlandstuhl mitbrachten, angefertigt zur Wiedervereinigung Deutschlands, im Bonner Bundeskanzleramt vorstellten. Mitten ins Herz Deutschlands setzte Kohl seine Unterschrift auf die Rückenlehne des Deutschland-Stuhls. Ins Begleitbuch trug er ein: „Auf Stühlen lässt sich gut sitzen, miteinander sprechen und Gemeinschaft leben.“

Persönlicher Einsatz

Das Bestreben der Handwerker, durch persönlichen Einsatz einen Beitrag zur Vollendung der Einheit Deutschlands zu leisten, fand beim Bundeskanzler ehrliche Zustimmung: „Großartig, sehr gut!“ Jeder Handwerker erhielt eine Geldbörse mit persönlicher Widmung von Helmut Kohl. Er, der bekanntlich kulinarischen Genüssen sehr aufgeschlossen war, vermisste bei der Handwerkerzunft aus Haltern allerdings zwei wichtige Vertreter: den Koch und den westfälischen Metzgermeister.

Im März 2014 meldete sich Sohn Peter Kohl bei Adolf Hagedorn, der Luftangriffe über Haltern recherchiert, sowie bei der Halterner Zeitung, weil er ein Buch über seine Familie schreiben wolle. Gegenüber der Halterner Zeitung sagte Peter Kohl: „Über Onkel Walter wurde nicht wirklich gesprochen. Aber ich habe die unausgesprochene Trauer meines Vaters über seinen älteren Bruder immer irgendwie gespürt.“

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