Beschaulicher als in Holtwick lässt es sich nirgendwo in Haltern leben. Dafür gibt es in dem Ort mitten im Naturpark Hohe Mark keine Geschäfte und statt einem Bus nur ein Anruf-Sammel-Taxi.

02.04.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Christian und Lena Enstrup haben ihren Lebensmittelpunkt in Holtwick und würden ihn nie aufgeben. Sie wohnen in einem Haus, von dem aus sie einen freien Blick in die hügelige Landschaft der Hohen Mark genießen können. Idylle pur. Christian (30) ist in der kleinen Bauerschaft aufgewachsen. Der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt führt heute mit seinem Vater Hubert den auf Michviehwirtschaft spezialisierten Bauernhof, der erstmals im 19. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. Seine Frau Lena (26), von Beruf Erzieherin, zog von Lembeck nach Holtwick: „Ich habe mich direkt willkommen gefühlt. Die Menschen haben mich so herzlich aufgenommen, als hätte ich schon immer hier gelebt.“

Holtwick: Ein unschlagbarer Zusammenhalt, aber keine Nahversorgung

Daten und Fakten zu Haltern-Holtwick © Grafik Hasken

Von den 953 Einwohnern haben sich 40 an der Umfrage der Halterner Zeitung beteiligt. Sie loben allesamt in höchsten Tönen die Lebensqualität.

Christian und Lena Enstrup wundert das nicht. „Wenn wir uns zum Feiern treffen, dann sind immer alle da: Ob Jung oder Alt, jede Generation ist gleichwertig eingebunden“, das finden die beiden besonders schön. Beliebter Treffpunkt ist die 1997 von den Nachbarn gebaute Bushaltestelle am „Knotenpunkt“ Holtwicker Straße/Zur Hohen Mark. Für die Familien ist das die Mehrzweckhalle, wo sich Unter- und Ober-Holtwick auch mal ganz spontan zum Grillen verabreden. „Wir sind alle untereinander befreundet. Jeder kennt jeden. Schöner zu wohnen, das geht einfach nicht“, findet Christian Enstrup.

Aufs Auto angewiesen

Die Abgeschiedenheit hat aber auch ihren Preis. Als Grundschüler mussten er und seine Schwester Anne gut fünf Kilometer mit dem Bus bis zur Silverbergschule in die Innenstadt fahren. Als Jugendlicher radelte er eben zum Fußballtraining, lief beim ETuS Haltern und bei BW Lavesum auf. „Manchmal war das umständlich, aber ich kannte das ja nicht anders.“ Er habe eine glückliche Kindheit gehabt, sagt Christian und die wünscht er Sohn Emil (10 Monate) ebenfalls. „Wir könnten uns keinen besseren Spielplatz für unser Kind vorstellen“, sagt Lena Enstrup. Dass sie für Besorgungen oder Unternehmungen immer aufs Auto angewiesen sind, finden beide nicht schlimm.

Unverrückbarer Treffpunkt ist neben der Bushaltestelle die Traditionsgaststätte Uhlenhof. Hier treffen sich die Nachbarn zum Doppelkopf, zum Klönen, zum Essen, zum Feiern. Auch das ist Lebensqualität.

Holtwick: Ein unschlagbarer Zusammenhalt, aber keine Nahversorgung

Der Hof Wissing hat den Besitzer gewechselt, dem eine liebevolle Erhaltung des typisch münsterländischen Bauernhofes - das Wohnhaus entstand 1908 - wichtig ist. Neben Wohnungen richtet der Besitzer, ein im Wirtschaftsrecht tätiger Anwalt, dort nebst Kollegin zum Juli eine Praxis ein. © Foto Elisabeth Schrief

Agnes von Kopp-Colomb hat 2007 ihrer zweiten Heimat Holtwick ein Buch gewidmet: Mien Hölwker Land. Dafür hat sie mit Unterstützung der Familien Geschichte und Geschichten geschrieben, „über einen kleinteiligen Kosmos von nur wenigen Quadratkilometern, eine schöne Welt, ein durch und durch von bäuerlicher Hand geschaffenes Universum“, wie der frühere Bibliotheksleiter Bernd Köster im Vorwort notierte.

In dieser schönen Welt fühlt sich auch Wolfgang Giese zu Hause. Als gebürtiger Lünzumer gehört er zu Holtwick, hier ist er aufgewachsen, zur Schule gegangen und hat nur mit zwei Unterbrechungen (in Köln und Lippramsdorf) immer hier gewohnt. „Ich liebe die Natur und die Arbeit mit Tieren“, erzählt er, während er mit seinen 15 Schafen durch die Wacholder Heide, einem Naturdenkmal, zieht.

Holtwick: Ein unschlagbarer Zusammenhalt, aber keine Nahversorgung

Coburger Fuchsschafe und braune Bergschafe, die von einem Biohof in Dormagen stammen, pflegen die Wacholderheide in Holtwick. Wolfgang Giese ist seit 2017 Hobbyschäfer und hält 15 Tiere. © Foto:Elisabeth Schrief

Die Coburger Schafe und die braunen Bergschafe pflegen das Naturschutzgebiet, Wolfgang Giese steht bei seiner ehrenamtlichen Aufgabe immer in engem Kontakt mit der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises. Neben den Schafen hat er noch sechs Bienenstöcke. Urlaub, lächelt er, mache er nur einmal im Jahr seiner Frau Sabine zuliebe. Wolfgang Giese schätzt an Holtwick den Zusammenhalt. Für den steht das Gebilde Ho-Ta-Lü (Holtwick-Tannenberg-Lünzum): Die Nachbarschaft feiert gern, zum Beispiel ein Schützenfest mit Kultstatus, und steht füreinander ein.

Das wurde gut bewertet

Die Lebensqualität in Holtwick wird mit 9,5 Punkten bewertet, das ist ein Spitzenergebnis für einen Ort, der bezüglich Verkehrsanbindung und Nahversorgung wenig zu bieten hat. Überragt wird der Wert im Bereich Sauberkeit, hier vergeben die Holtwicker zehn Punkte. Auch mit dem vielen Grün rund um den Ortsteil und den Möglichkeiten, Rad zu fahren sind sie voll zufrieden.

Das wurde negativ bewertet

Holtwicker fühlen sich schlecht an den Verkehr angebunden, einigen fehlen Angebote für Jugendliche und Senioren sowie eine Nahversorgung. Bezüglich Familienfreundlichkeit des Ortes gibt es lediglich 2,5 von 10 Punkten. Es fehle ein Spielplatz, schreibt ein Leser in den Anmerkungen, die Familien hätten den Eindruck, dass Holtwick hier vernachlässigt werde.

Christian und Lena Enstrup teilen diese Ansichten nicht unbedingt. Ihnen liegt eher die Verkehrssicherheit am Herzen. Die kurvenreiche Holtwicker Straße (Kreisstraße) durchzieht Holtwick und wird gern als Abkürzung von Berufspendlern und von Motorradfahrern als Rennstrecke genutzt. Ein Dauer-Blitzer könnte eine gute Bremswirkung haben, glauben Enstrups.

Holtwick: Ein unschlagbarer Zusammenhalt, aber keine Nahversorgung

In der ersten Tageshälfte fährt ein Schulbus, dann bringt ein Anruf-Sammel-Taxi Holtwicker auf Wunsch in die Stadt und zurück. © Foto:Elisabeth Schrief

Leser aus Lünzum kritisieren die „unerträgliche“ Belastung ihrer Wohnstraße durch schwere Traktoren und Lkw, die zu einem großen Milchviehbetrieb fahren. Hier wird eine eigene Anbindung des Hofes an die Holtwicker Straße gefordert. Außerdem fehlt den Lünzumer Familien der Spielplatz, der dem städtischen Sparzwang zum Opfer gefallen ist. Störend empfinden Holtwicker die Windräder in der Hohen Mark, Anwohner von Lünzum sind genervt vom Autobahn-Lärm.

Grundsätzlich fällt den Befragten viel Liebenswertes ein. „Holtwicker und Lünzumer sind schon ein spezielles Völkchen, aber der Zusammenhalt und das Organisationstalent der Dörfler ist einfach unschlagbar“, notiert ein Leser in den Anmerkungen. Andere schreiben: „Ich liebe es, hier zu leben“ oder „Holtwick ist ein schönes Dorf mit tollen freundlichen Menschen.“

Das sagt der Heimatbund

Dr. Silke Eilers, Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes, findet, jeder Ort sei auf seine Weise einmalig, er verfüge über individuelle Stärken und schützenswerte Besonderheiten, aber sicherlich auch über Schwierigkeiten und Probleme. „Das gilt für Holtwick wie auch für andere Dörfer“, sagt sie auf Nachfrage der Halterner Zeitung.

Die Geschichte von Holtwick

Schon 890 erstmals urkundlich erwähnt
Holtwick: Ein unschlagbarer Zusammenhalt, aber keine Nahversorgung

Die Jungen im feinen Sonntagsanzug und die Mädchen mit Schleife im Haar. So präsentierte sich um das Jahr 1926 die Dorfschule von Holtwick mit ihrem Lehrer Wördehoff dem Fotografen. © Foto Wördehoff

Holtwick wird erstmals 890 urkundlich erwähnt. Der Name bedeutet so viel wie „gesicherte Anlage (-wiek)“, die in das Holz (-holt), die bewaldete Hohe Mark, vorgeschoben ist. Die ehemalige Gemeinde bestand aus Holtwick, Lünzum, Berghaltern und Bergbossendorf, zeitweise gehörten auch Hennewig und Overrath dazu. Holtwick ist seit 1975 Teil der Stadt Haltern, der Ort ist immer eine Kleinbauerschaft inmitten von Trinkwasser-, Natur- und Landschaftsschutzgebiet geblieben.

Gemeinden im ländlichen Raum stünden insgesamt vor Herausforderungen, resultierend unter anderem aus dem demografischen Wandel, Einbußen im Bereich der Infrastruktur und auch Funktionsveränderungen der Dörfer. „Dennoch, Menschen fühlen sich ihren Orten, ihrem direkten Lebensumfeld verbunden. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in kleineren Städten, Gemeinden oder Dörfern auf dem Land. Ländliche Regionen bieten mit ihren Kulturlandschaften und ihrer Siedlungsstruktur ein attraktives Lebensumfeld“, betont die Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes. Die Nähe zur Natur – Holtwick z.B. liegt im Naturpark Hohe Mark-Westmünsterland –, aber auch menschlicher Zusammenhalt seien hier sicherlich wichtige Faktoren. „In ländlichen Räumen findet Wertschöpfung statt.“ Es gebe Orte, die vom Vitalitätsverlust gezeichnet seien. Zugleich gebe es auch viele Orte, die – so der sogenannte Dorfpapst Prof. Gerhard Henkel – durch „Anpackkultur“ geprägt sind. Die Erhaltung der Lebensqualität vor Ort werde, so Silke Eilers, vielfach bestimmt von ehrenamtlichen Engagement der Menschen, von ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gemeinschaft. Hierfür sei Holtwick ein gutes Beispiel.

Urlaub vor der Haustür

Holtwick inklusive Lünzum ist im Regionalplan nicht als Siedlungsbereich festgelegt und wird nicht weiter wachsen. Deshalb wird der Ortsteil seine Ursprünglichkeit weitgehend behalten. Darum kann es auch keinen regelmäßigen öffentlichen Nahverkehr geben kann, denn die Linie ist nicht ausgelastet und rentiert sich nicht, wie die Vestischen Straßenbahnen erläuterten.

Aber Holtwicker sehen das gelassen: „Mit dem Auto ist alles in fünf oder zehn Minuten zu erreichen.“

„Früher sind wir zu unseren Freunden in die Stadt gefahren, heute kommen sie zu uns, weil es hier so schön ist“, beschreiben Christian und Lena Enstrup ihre Lebensqualität. „Holtwick, das ist wie Urlaub vor der Haustür.“

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