Medikamenten-Kauf im Netz - Halterner Apotheker Dr. Hannes Müller befürchtet Schließungen

rnApotheker im Interview

Der Halterner Dr. Hannes Müller (32) ist jüngstes Mitglied in der fünfköpfigen Bundesapothekerkammer. Wir sprachen mit ihm über seine Berufung und über Medikamente, die überflüssig sind.

Haltern

, 07.07.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Gehört die Stadtmühlenbucht zu Ihren Wohlfühlorten in Haltern oder wo entspannen Sie am liebsten?

Also, hier gefällt es mir ganz gut. Wenn ich denn mal Freizeit habe, fahre ich gern mit dem Fahrrad um den See. Das finde ich nach Feierabend ganz schön, um noch einmal rauszukommen und Bewegung zu haben. In meiner eineinhalbstündigen Mittagspause fahre ich meist nach Hause, abends ist es am See sehr schön. Ich bin aber auch gerne in der Innenstadt, zum Beispiel im Extrablatt.

Sie haben in Münster studiert, leiten jetzt die Römer-Apotheke als Filiale in Haltern – wie ist es dazu gekommen?

Ich komme aus Wagenfeld. Das ist ein Ort mit 7000 Einwohnern, der etwa 120 Kilometer nordöstlich von Münster liegt. Die Stadt war mir zu klein und ich wusste ziemlich früh, dass ich dort heraus möchte. Münster hat mir sehr gut gefallen und deshalb wollte ich gerne in der Nähe bleiben. Das hat sich hier zeitlich sehr gut ergeben, weil mein jetziger Chef die Römer-Apotheke passend zum Ende meiner Promotionszeit übernommen hatte. So hat es sich ergeben, dass ich Filialleiter der Römer-Apotheke in Haltern geworden bin.

War der Apothekerberuf schon immer Ihr Traum oder hatten Sie auch andere Ideen im Kopf?

Als Kind will man ja immer ganz viele Berufe ergreifen - Millionär wollte ich zum Beispiel mal werden, auch Barkeeper und Lehrer (lacht). Aber als ich älter geworden bin, hat sich relativ schnell herausgestellt, dass der Apothekerberuf richtig für mich ist. Ich habe immer gern Chemie gemacht, wollte dieses Fach aber nicht alleine studieren. Das war mir zu theoretisch. Ein Pharmaziestudium beinhaltet auch sehr viel Chemie, denn bei der Arzneistoffherstellung und -wirkung spielt sie eine große Rolle. Ich bin Naturwissenschaftler durch und durch, aber die Verknüpfung mit dem Menschen im Apothekerberuf gefällt mir besonders gut.

Was macht Ihnen in Ihrem Beruf am meisten Spaß und worauf könnten Sie verzichten?

Am meisten Spaß macht mir die Arbeit vorne am Handverkaufstisch. Dazu gehört auch das Gespräch mit den Patienten. Es macht mir Freude, ihnen zu helfen, wenn der Arzt beispielsweise doch mal nicht genügend Zeit hatte, mit ihnen über die Medikamente zu sprechen. Dann kann ich ein paar Tipps geben und auch darauf achten, dass das, was sie bekommen, sich miteinander verträgt. Die negative Seite meines Berufs ist für mich die Bürokratie. Wir müssen beispielsweise die Rabattverträge erfüllen, das heißt Krankenkasse A schließt einen Rabattvertrag mit Wirkstoffhersteller A und Krankenkasse B mit Hersteller B ab. Wenn sich dann der Anbieter ändert und die Tablette plötzlich anders aussieht, muss ich mitunter viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu erklären, dass das Arzneimittel gleich wirkt. Das verstehen die Patienten nicht immer, und es geht viel Zeit dafür drauf, nur um Einsparungen im Gesundheitswesen zu generieren. Währenddessen habe ich noch nichts an der Arzneimitteltherapiesicherheit der Patienten optimiert. Das stört mich manchmal.

In Haltern existieren noch eine ganze Reihe Apotheken – glauben Sie, dass es für alle eine dauerhafte Zukunft geben wird?

Das kommt auf die politischen Rahmenbedingungen an. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat vor drei Jahren entschieden, dass sich ausländische Versandapotheken nicht an die deutsche Preisbindung halten müssen. In Deutschland ist es so, dass jedes rezeptpflichtige Medikament in jeder Apotheke das gleiche kostet. Der EuGH hat entschieden, dass ausländische Unternehmen innerhalb der EU im Sinne des freien Warenverkehrs Boni und Rabatte gewähren können. Das dürfen wir nicht und widerspricht auch unserem Gesundheitssystem. Wenn der Gesetzgeber hier nicht interveniert, kann ich mir vorstellen, dass sich deutliche Marktanteile ins Ausland verlagern. Dann könnte es auch für Halterner Apotheken eng werden.

Sie machen sich jetzt auch im Vorstand der Bundesapothekerkammer für Ihren Berufsstand stark – warum bürden Sie sich diese zusätzlichen Aufgaben auf?

Es klingt vielleicht kitschig, aber ich empfinde den Apothekerberuf als Berufung. Es macht mir unheimlich viel Spaß, ihn auszuüben. Dennoch gibt es viele Sachen, die einen im Alltag stören. Ich möchte gerne mitgestalten, die Dinge für meinen Berufsstand zum Positiven verändern. Mir gefallen Menschen nicht, die immer nur meckern, aber selbst keine Vorschläge machen, was man verbessern kann. Während des Studiums war ich schon im Bundesverband der Pharmaziestudierenden aktiv und war dort auch für zwei Jahre Präsident. Das ist nun schon zehn Jahre her. Die ehrenamtliche Tätigkeit begleitet mich bereits ein Großteil meines Lebens. Mein Engagement in der Apothekerkammer ist für mich keine Arbeit, sondern eher ein Hobby.

Ich muss Ihnen ein Geständnis machen. Ich habe auch schon mal Medikamente in einer holländischen Online-Apotheke bestellt. Jetzt bin ich gespannt auf Ihre Reaktion.

Hmh, warum haben Sie das denn gemacht?

Weil es günstiger war.

Haben Sie denn dort auch eine gute Beratung bekommen?

Nein.

Das ist das Problem. Wenn wir Apotheker mit den Patienten sprechen, sehen wir häufig, dass das Medikament, das gewünscht wird, gar nicht das Richtige für ihn ist. Ein bloßes Einkaufen, bei dem der Kunde weiß, was er braucht, findet bei Arzneimitteln gar nicht statt: In vielen Fällen weiß der Patient eben nicht genau, was er braucht, weil er die Medikamente falsch einschätzt oder diese sich nicht mit anderen gleichzeitig eingenommenen Medikamenten vertragen. Deswegen finde ich den persönlichen Kontakt unheimlich wichtig. Ich rate auch von Medikamentenwünschen ab und empfehle dem Patienten nichts, was ich nicht für sinnvoll erachte. Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst und will nicht nur am Patienten verdienen.

Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie bei der Erfüllung eines Notdienstes an den Online-Versandhandel von Medikamenten denken?

Der Versandhändler pickt sich die Dinge heraus, bei denen er schnell verdient. Wir müssen auch die unschönen Aufgaben erledigen wie die Notdienste, bei denen wir 24 Stunden anwesend sein müssen und die ganze Nacht in der Apotheke bleiben müssen. Das muss der Versandhändler nicht. Er kümmert sich auch nicht um die individuellen Rezepturen. Wir müssen vor Ort ja für Patienten auch individuell Salben anfertigen oder haben Rezepturen für Kapseln, die für Kinder bestimmt sind. Das ist durchaus aufwendig und wird meistens nicht kostendeckend von der Krankenkasse erstattet. Es ist also für uns ein Zuschussgeschäft. Aber das gehört dazu. Dafür bin ich Apotheker. Die meisten Versandapotheken lehnen einen solchen Service ab.
Welches Medikament hat uns Ihrer Meinung nach den meisten Segen gebracht oder sind es gleich mehrere?
Das kann man so kaum beantworten. Ich würde sagen, fürs Überleben der Menschheit haben die Impfstoffe den meisten Zusatznutzen gebracht. Heute haben wir beispielsweise fast keine Masern mehr. Allerdings haben wir aktuell das Problem, dass Impfskeptiker die Impfung verweigern, sodass die Erkrankungsraten wieder steigen. Wir hatten die Krankheit fast ausgerottet.

Gibt es auch Medikamente, die überflüssig sind?

Es gibt eine Reihe an Medikamenten, die nicht viel bringen. Man muss den Einzelfall betrachten und kann nicht pauschal urteilen. Hier muss jeder Apotheker seine Aufgabe wahrnehmen, die Patienten aufzuklären.

Bei welcher Werbung für Medikamente sollten wir vorsichtig sein?

Auf jeden Fall sollte man bei Schlaftabletten aufpassen. Die Tabletten suggerieren, sie sind harmlos und problemlos einzunehmen und es passiert mir nichts. Gerade für Ältere aber sind die gängigen chemischen Schlafmittel mit Nebenwirkungen behaftet. Sie sind nicht so ohne wie die Werbung es suggeriert. Es kann beispielsweise das Risiko für einen Sturz, für Verstopfung oder Mundtrockenheit größer werden. Das sind alles Dinge, die zu den Problemen älterer Menschen gehören können. Auch ist der Schlaf mit Schlaftabletten nicht erholsam. Man kann zwar schlafen, aber es wird die erholsame Schlafphase unterdrückt. Ich finde, Schlaftabletten werden definitiv am meisten verharmlost.

Glauben Sie, dass Sie in 30 Jahren immer noch als Apotheker arbeiten?

Auf jeden Fall, ich weiß zwar nicht in welcher Form und wie die Apotheke in 30 Jahren aussehen wird. Aber ich glaube, Arzneimittelexperten wird´s immer brauchen. Wir haben vier Jahre lang studiert und uns mit Arzneimitteln beschäftigt. Das hat keine andere Berufsgruppe so intensiv gemacht wie wir. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Medikamente immer komplizierter und immer individueller auf die Patienten zugeschnitten werden, braucht es den Apotheker als Experten für Arzneimittel.


Dr. Hannes Müller (32) studierte in Münster Pharmazie und schloss sein Studium mit der Promotion ab. Für seinen Berufsstand engagierte er sich bereits im Bundesverband der Pharmaziestudierenden. 2014 wurde er als Doktorand in den Vorstand der Apothekerkammer Westfalen-Lippe gewählt. Seit Kurzem ist er jüngstes Mitglied des fünfköpfigen Vorstands der Bundesapothekerkammer. Hannes Müller stammt aus Wagenfeld. Er leitet die Römer-Apotheke, die eine Filiale der Bärenapotheke in Haltern ist. Chef von Hannes Müller ist Dr. Dirk Schulte-Mecklenbeck.
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