Keine Geständnisse im „Pfarrhaus-Prozess“: Beweisaufnahme läuft ganz normal weiter

rnLandgericht Bochum

Im „Pfarrhaus-Prozess“ bahnt sich wohl kein schnelles Prozessende an. Die Verteidiger haben die jüngsten „Straf-Angebote“ des Gerichts (bis zu elfeinhalb Jahre Haft) kühl ignoriert.

Bochum/Haltern/Dortmund/Castrop-Rauxel

, 28.05.2019 / Lesedauer: 3 min

Im Prozess gegen die drei mutmaßlichen Mitglieder der „Pfarrhaus-Bande“, die unter anderem auch bei Gemeinden in Haltern, Dortmund und Castrop-Rauxel abgeräumt haben sollen, bleibt vorerst alles wie gehabt. Soll heißen: Die Beweisaufnahme läuft ganz normal weiter, Zeugen werden gehört, Urkunden, Spurenberichte und Protokolle verlesen.

Rückblick: Die Richter der 7. Strafkammer hatten den drei Angeklagten in der vergangenen Woche für den Fall, dass Geständnisse abgelegt werden, empfindliche Haftstrafen von bis zu elfeinhalb Jahren in Aussicht gestellt. Die Verteidigung hatte sich daraufhin Bedenkzeit für eine Stellungnahme erbeten.

Die Reaktion der Verteidigung am Dienstag fiel äußerst spärlich aus.

„Wir machen ganz normal weiter.“

Auf die Eingangs-Frage von Richter Josef Große Feldhaus („Sollen heute Erklärungen dazu abgegeben werden oder machen wir ganz normal weiter?“) antwortete Rechtsanwalt Klaus Schwarzkopf, der Verteidiger des 44-jährigen Hauptangeklagten: „Wir machen ganz normal weiter.“

Was kaum etwas anderes bedeuten kann, als: Die Angeklagten haben zu diesen Bedingungen an einem schnellen Urteil durch eine so genannte Verständigung keinerlei Interesse.

Eine 84-jährige Augenzeugin aus Essen berichtete den Richtern dann, dass sie am 21. Juli 2018 während der Messe ihrer Gemeinde St. Antonius in Essen eine merkwürdige Beobachtung gemacht hat. „Es war gegen 18 Uhr, die Messe war schon angefangen, als plötzlich die Tür aufging und eine Frau mit dunklen Haaren reinkam“, erinnerte sich die Rentnerin.

Die Frau habe sich nur ganz kurz hingesetzt und sei dann wieder verschwunden. Ob die Frau die weibliche Angeklagte gewesen sei, konnte die 84-Jährige nicht sagen: „Ihr Gesicht habe ich damals gar nicht richtig gesehen.“

Pfarrer öffnete überraschend doch die Tür

Die Anklage wirft der angeklagten Frau (48) vor, dass sie in diesem beobachteten Moment endgültig sicherstellen wollte, dass die Messe bereits angefangen hatte und der Pfarrer wirklich nicht zu Hause ist. Das schnelle Verschwinden soll dazu gedient haben, den mitangeklagten Komplizen quasi das Startsignal für einen Einbruchscoup durchzugeben.

In der Anklage heißt es, dass der verdutzten Angeklagten einige Zeit zuvor, nämlich bei dem üblichen Sturm-Klingeln an dem Essener Pfarrhaus (zur Absicherung, dass niemand da ist), von dem Pfarrer der St. Antonius Gemeinde überraschend doch die Tür geöffnet worden war. Die 48-Jährige soll daraufhin erklärt haben, sie wolle ihre Tochter taufen lassen. Der Pfarrer habe ihr daraufhin erklärt, sie solle sich an die Bürozeiten halten.

Fest steht: Am fraglichen Tag wurde während der Messezeit tatsächlich in das Essener Pfarrhaus eingebrochen und unter anderem ein Safe mit Bargeld aus der Kollekte gestohlen.

Die Bochumer Richter hatten die vorläufige Beweissituation zuletzt so bewertet, dass sie dem Hauptangeklagten neun und den zwei Mitangeklagten jeweils mindestens fünf Taten nachweisen können. Dazu gehören unter anderem die Einbruchscoups in Dortmund (St. Urbanus) und Castrop-Rauxel (St. Lambertus).

Bei dem brutalen Überfall im Pfarrhaus von St. Sixtus Haltern haben die Richter offenbar Zweifel, den drei Angeklagten eine Tatbeteiligung nachweisen zu können. Fakt ist jedoch: Bereits in der Anklage werden weitere verdächtige Männer und Frauen genannt, gegen die die Bochumer Staatsanwaltschaft gesonderte Ermittlungsverfahren führt.

Dem Trio aus Gelsenkirchen werden insgesamt 32 Einbrüche und Raubüberfälle zur Last gelegt. Die Gesamtbeute soll insgesamt weit über 100.000 Euro betragen haben. Alle drei Angeklagten sitzen seit August in U-Haft. Bei den Durchsuchungen ihrer Wohnungen in Gelsenkirchen war haufenweise Diebesgut entdeckt worden.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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