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Kirche wirbt bei Hullerner Kita-Eltern vergeblich um Vertrauen

rnSexuelle Übergriffe

80 Eltern versammelten sich in der Hullerner Kirche, um nach sexuellen Übergriffen die Konflikte in der Kita zu erörtern. Eltern und Träger stellten fest: Es gibt noch viel Gesprächsbedarf.

Hullern

, 24.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Pfarrei St. Sixtus als Träger des Andreas-Kindergartens hatte am 23. Januar zu diesem außerordentlichen Elternabend eingeladen. Weil die Kita und das Pfarrheim als Versammlungsort zu klein waren, bat Pfarrer Michael Ostholthoff in die Kirche. Diese galt am Abend als geschlossener Raum mit klaren Gesprächsregeln. Die Moderation des Abends übernahm Nadine Gertken, Heilpädagogin, entwicklungspsychologische Beraterin und Leiterin einer Kindertagesstätte in Osnabrück.

„Verständnis für Betroffenheit“

Hintergrund des Elternabends waren sexuelle Übergriffe unter Kindern. Väter und Mütter machten sie öffentlich, nachdem es in der zweiten Dezemberwoche zum wiederholten Male nach 2017 zu grenzüberschreitendem Verhalten mit psychischer und körperlicher Gewalt gekommen war.

Die massive Kritik einiger Eltern richtete sich gegen die Leitung, der sie vorwarfen, nicht richtig reagiert zu haben, zumal es ein Jahr zuvor bereits einen ähnlichen Fall gegeben habe, schreibt Michaela Kiepe von der Bischöflichen Pressestelle nach dem Abend in der Kirche. „Vielleicht hilft dieser Rahmen nun dabei, sachlich ins Gespräch zu kommen“, begrüßte Pfarrer Michael Ostholthoff die Eltern, drei Vertreter des Jugendamtes, des Kirchenvorstandes, der Zentralrendantur, des Diözesan-Caritasverbandes und des Bischöflichen Generalvikariats. Es geht nicht darum, Einzelfälle zu diskutieren, sondern darum, wie ein vertrauensvolles Miteinander wieder möglich sei, welche Maßnahmen getroffen wurden und noch getroffen werden müssten, sagte Ostholthoff. Er habe Verständnis für die emotionale Betroffenheit: „Unser Anliegen ist es, Familien gemeinsame nächste Schritte anzubieten, damit neues Vertrauen untereinander wieder wachsen kann.“

Elternbefragung

In diesem Zusammenhang stellte er eine Elternbefragung in Aussicht, die in den kommenden zwei Wochen stattfinden soll. Die Ergebnisse sollen im Frühsommer im Rahmen eines Elternabends vorgestellt werden.

Außerdem kündigte Verbundleiterin Iris Hillenbrand Morgenkreise in der Kita an. „Wir sensibilisieren die Kinder, zu sagen, wenn sie etwas nicht möchten“, sagte sie zu den Inhalten. Zudem könne der Kindergarten eine besondere Aufsicht des Kindes, das durch Übergriffe aufgefallen sei, zusagen.

Frage nach Verantwortung

Wer übernimmt aber die Verantwortung für all das, was vorgefallen ist? Mehrere Eltern reflektierten am Tag nach der Versammlung den Abend. Sie sind enttäuscht, weil wieder versucht worden sei, die Tatsachen zu vertuschen und zu bagatellisieren, Eltern seien in ihren Worten durch Mikrofon-Entzug beschnitten, konkrete Fragen übergangen worden. „Es wurde wieder einmal versucht, die Vorfälle als erfunden darzustellen“, bedauert eine Mutter. Auf einer Präsentation sei sinngemäß formuliert worden, es habe schließlich niemand etwas gesehen. Warum aber habe man Eltern von fünf Kindern den Weg zur Kinderschutzambulanz empfohlen? Gewundert haben sich Eltern, dass außer der Leitung keine Erzieherin anwesend war und die Kirchengemeinde mit einem Rechtsbeistand erschienen sei. „Das war keine Elternversammlung, sondern eine Gerichtsverhandlung“, ärgert sich ein Elternteil. Insgesamt haben etliche Eltern das Gefühl, dass das Vertrauen weiter zerrüttet wurde. Sie erwarten eine Entschuldigung sowie konzeptionelle und personelle Veränderungen.

Vom Thema abgelenkt

Es sei gut, dass diese Versammlung stattgefunden habe, sagt eine Mutter, deren Kind im U3-Bereich betreut wird und die generell eine gute Meinung vom Andreas-Kindergarten hat. Aber die Kirche als Träger habe in der knapp zweistündigen Veranstaltung mehr vom Thema abgelenkt als zur Klärung und zur Beruhigung der polarisierenden Dorfstimmung beigetragen. Viele Fragen seien unbeantwortet geblieben, Antworten umgangen worden. Abstrus habe sie die Gesprächsregeln des Abends gefunden: Jeder, der sich zu Wort meldete, durfte nur in Ich-Form und nur für sich sprechen. Sie selbst gehöre nicht zu den betroffenen Familien, aber eine Solidarität der Eltern untereinander halte sie für selbstverständlich. Es gehe allein um das Wohl der Kinder, um einen professionellen Umgang mit Übergriffen sowie um transparente Informationen den Eltern gegenüber. Nur so sei ein vertrauensvolles Miteinander möglich. Verdrängen sei keine Option.

Abmeldung und Austritte

Nach dem Abend in der Andreaskirche gab es wieder eine Abmeldung aus der Einrichtung, außerdem kündigten mehrere Eltern ihre Kirchenaustritte an.

Zum Hintergrund: Ein Kind war nach Schilderungen der Eltern anderen wiederholt auf die Toilette gefolgt, hatte sie im Intimbereich schmerzhaft berührt, sie bedroht und eingeschüchtert. Fünf traumatisierte Kinder werden in der Kinderschutzambulanz Datteln therapiert, drei haben ein ärztliches Attest, dass sie nicht zurück in die Einrichtung sollen.

Die Eltern der betroffenen Kindern werfen dem Kindergarten und der Kirchengemeinde vor, die Vorfälle vertuschen zu wollen und von Beginn an nicht angemessen gehandelt zu haben. Weil sie von keiner Institution Unterstützung bekamen, wandten sie sich an die Öffentlichkeit. Damit sorgten sie für viel Unruhe und Anfeindungen im Dorf, die so weit gehen, dass Kinder nicht mehr miteinander spielen dürfen.

Eltern der von Übergriffen betroffenen Kinder haben einen Anwalt für Familienrecht eingeschaltet und Anzeige gegen Unbekannt wegen Verletzung der Aufsichtspflicht erstattet. Außerdem fordern sie die Kündigung des Betreuungsvertrages mit den Eltern des übergriffig gewordenen Kindes. Keiner könne sagen, wer zum Zeitpunkt der Übergriffe verantwortlich gewesen sei: die Kita-Leiterin, die Erzieherin oder der verantwortliche Träger. Hier scheine wissentlich nicht gehandelt worden zu sein, das gehe über eine Fahrlässigkeit hinaus, sagte der Marler Anwalt Tim Schubert gegenüber der Halterner Zeitung. Die Kirchengemeinde erklärte, dass es keine Veranlassung gebe, den Betreuungsvertrag zu lösen. Stattdessen bot sie an, die Betreuungsverträge mit den betroffenen Eltern im gegenseitigen Einvernehmen aufzuheben, „insbesondere wenn Ihre Mandantschaften keine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit uns finden können“, heißt es in einem Schreiben an den Marler Anwalt. Den Eltern wird zudem der Kontakt mit Kita-Leiterin und Verbundleiterin untersagt.
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