Kreuzweg: Versteckte Kritik an Otto von Bismarck

Auf dem Annaberg

Kämpferisch nach innen und außen war Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck. Vor 200 Jahren wurde einer der wichtigsten Politiker des 19. Jahrhunderts geboren, überall im Land stehen seit seinem Tod im Jahre 1898 Denkmäler. In Haltern versteckt sich eine Erinnerung auf dem Annaberg.

HALTERN

, 05.04.2015, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kreuzweg: Versteckte Kritik an Otto von Bismarck

Bismarck (3.v.l.) in der siebten Station des Kreuzweges auf dem Annaberg.

Bildhauer Heinrich Fleige aus Münster (1840-1890) hat den deutschen Staatsmann in einer Kreuzwegstation als einen der Schergen, die Jesus zum Kreuz treiben, verewigt. Widerstandsgeist in der Kunst: Zu besichtigen ist das seitlich der alten Kapelle.

Der Reichskanzler hatte es im sogenannten Kulturkampf auf einen Konflikt mit den Katholiken angelegt. 1871 löste Bismarck die katholische Abteilung im Preußischen Kulturministerium auf, Geistlichen wurde es bei Strafe verboten, Politisches von der Kanzel zu verkündigen. Ein Gesetz erleichterte den Kirchenaustritt, Pfarrer wurden mit Ausbürgerung bedroht oder inhaftiert, Schikanen, Zensurmaßnahmen, Konfiszierung von katholischen Zeitungen und Gesinnungsschnüffelei waren an der Tagesordnung.

Innenpolitisches Klima vergiftet

Erst 1887 schloss Bismarck aus taktischen Gründen Frieden. Der Kulturkampf hatte jedoch das innenpolitische Klima vergiftet und das Vertrauen der Katholiken in den Staat nachhaltig gestört. In der VII. Kreuzwegstation ist die kulturkämpferische Haltung abgebildet.

Sie ist eine von elf Kreuzigungsszenen, die 1967 abgebaut und gegen moderne Exponate von Künstler Joseph Krautwald ausgetauscht wurden. Bildhauer Bernd Wirtz hat die VI. (Veronika reicht Jesus das Schweißtuch) und VII. Station (Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz) restauriert, weitere sieben gerettete Reliefs aus Baumberger Sandstein hat die Kirchengemeinde St. Sixtus ihm mit der Verpflichtung überlassen, sie nie zu verkaufen. Sie liegen unbearbeitet in der Werkstatt. Die VI. Station steht in seinem Büro.

Die Anfänge

Zu den Anfängen: Im Jahr 1873 legte Vikar Wegener, Seelsorger an der St. Anna-Vikarie, einen Kreuzweg an. Er führte von der Wallfahrtskapelle steil hinauf zum höchsten Punkt des Berges. Künstler Heinrich Fleige schuf zwischen 1873 und 1875 elf Stationen mit einer eindrucksvollen Darstellung der Leidensgeschichte. Bernd Wirtz ist stolz: „Mein Urgroßvater Bernhard Wirtz (1861-1914) ging damals bei dem Münsteraner Bildhauer in die Lehre.“ Finanziert wurde der Kreuzweg durch Gaben wohlhabender Bürger des Münsterlandes, Spenden des Annabergvereins sowie durch Almosen der Pilger.

Nach dem Abbau der Kreuzwegstation wurden neun Stationen im Keller des Alten Rathauses eingelagert. Als dort im Jahr 1996 Renovierungsarbeiten begannen, gingen sie in den Besitz von Bernd Wirtz über. Gemeinsam mit seinem Gesellen Jens Eilert restaurierte er in drei Monaten ohne Gegenleistung zunächst die VII. Station, dann die VI. „In Nottuln gibt es den gleichen Kreuzweg. Ich habe ihn dort abfotografiert und hatte so genaue Vorlagen“, erzählt der Steinmetz und Bildhauermeister.

Sockel und Giebel fehlen

Zum Glück fand sich im Unterholz auf dem Annaberg noch das Dach der VII. Station, was die Rekonstruktion der 2,90 Meter hohen Station vereinfachte. Seit 2005 steht sie wieder seitlich der Kapelle. Für das zweite restaurierte Relief fehlen Sockel und Giebel – und letztlich Gelder, um es auf dem Kapellenplatz wieder zu errichten.

Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann“, hatte Bismarck einst gesagt. Künstler Heinrich Fleige hat sich als Rebell diesen Luxus „gegönnt“ und damit Geschichte in Haltern geschrieben. Und Bismarck hat es sicher nicht gewusst…  

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